Rian Johnson hat mit „Knives Out“ einen teuflisch guten Krimi à la Agatha Christie inszeniert, Daniel Craig ist sein Detektiv. Eine Befragung über Vorlieben, Schauspieltalente und darüber, warum der Regisseur selbst nie einen Fall lösen würde.
Er sitzt noch gar nicht richtig auf dem Stuhl, da quillt es bereits förmlich aus ihm heraus. Rian Johnson, das merkt man schnell, redet gern und völlig frei über seinen neuen Film. Kein „Ich weiß nicht“ und „Ich darf ja nicht“, wie man es von den Star-Wars-Presseterminen her kennt, in denen vorab keiner wirklich irgendwas verraten darf, manchmal nicht einmal seinen Namen. Doch heute ist das anders. Heute darf der Regisseur reden, bis sich die Balken biegen, darf aus dem Nähkästchen plaudern, Anekdoten erzählen und Geheimnisse preisgeben, nur eines nicht: wer der Mörder ist. Denn mit Knives Out hat sich Johnson einen Wunschtraum erfüllt und einen Krimi gedreht, der in der Gegenwart spielt, aber ganz und gar von der Atmosphäre und Struktur eines klassischen „Whodunit“-Films lebt.
Daniel Craig, der bereits in Steven Soderberghs Logan Lucky seinen Sinn für Schräges und ein überraschendes komödiantisches Talent bewiesen hat, zeigt sich erneut von seiner beschwingten Seite, diesmal jedoch nicht als Bankräuber, sondern als Privatdetektiv. Während sich die Starbesetzung um ihn herum, darunter Jamie Lee Curtis, Michael Shannon, Don Johnson und Toni Collette, in Ausreden und schlechten Alibis windet, um nicht doch von Craigs Benoit Blanc als vermeintlicher Mörder des berühmten Krimi-Bestsellerautors Harlan Thrombey überführt zu werden, dessen unverhofftes Ableben es aufzuklären gilt.
Für Johnson ist Knives Out eine Verschnaufpause zwischen The Last Jedi (2017) und dem Auftakt der neuen Star-Wars-Reihe, die bereits in Arbeit ist, bevor die aktuelle Skywalker-Trilogie ihr Ende erreicht hat. Doch dass er weitaus mehr kann, als unendliche Weiten zu durchqueren und Stormtroopers zu manövrieren, hatte er bereits in seinem Regiedebüt Brick (2005) bewiesen, in dem er ein zeitgenössisches High-School-Drama im Gewand eines klassischen Film noir inszenierte. Überhaupt ist der heute Vierzigjährige der Mann, wenn es um Genremutationen und -modernisierungen geht, wie sich auch in dem wunderbaren Hochstaplerfilm The Brothers Bloom (2008) sowie in Looper (2012) zeigt, in dem der Regisseur dem Zeitreise-Motiv frischen Rückenwind einhauchte. Knives Out ist sein neuester Coup und ein großer Spaß für alle Beteiligten auf der Leinwand wie im Publikum. Besonders spannend jedoch ist es, einen Regisseur dabei zu beobachten, wie er selbst als Fan des Genres völlig darin aufgeht, ohne zum Fanatiker zu werden. Johnson ist, wie sein Detektiv, ein Könner seines Fachs – und ein sympathischer, quirliger und offener Typ, wenn man ihn lässt.
Mister Johnson, Hand aufs Herz, wer war der Mörder?
Rian Johnson: Ha, ich werde den Teufel tun, das hier zu verraten.
Dann anders gefragt: Warum lieben wir Krimis so sehr? Was macht den Reiz aus?
Rian Johnson: Dafür gibt es viele Gründe. Aber ich denke, in erster Linie kommen zwei Sachen zusammen, die beide viel Spaß machen: Zum einen hat man das Rätsel oder Puzzle, wenn Sie so wollen, das es zu entwirren gilt. Zum anderen ist es ein sehr figurenreiches Genre angesichts der Zahl von Verdächtigen, die alle ein anderes Motiv haben. Das heißt, Unterhaltung und Intelligenz kommen zusammen, und die Mischung ist perfekt.
Wer sind Ihre Lieblings-Krimiautoren?
Rian Johnson: Für mich fing alles mit Agatha Christie an. Ich war schon als Kind ein großer Fan von ihr. Und natürlich gibt es auch noch viele andere spannende Autoren aus der Goldenen Zeit der Kriminalgeschichten, wie John Dixon Carr, Dorothy Sayers und Arthur Conan Doyle. Aber Agatha Christie hatte immer etwas Besonderes für mich. Ihre Bücher und Geschichten brachten mich letztlich auf die Idee, einen Krimi in dem Stil zu drehen, und mit der Idee kam mir der Gedanke, die Handlung in die Gegenwart zu verlegen, und zwar nicht nur, was das Setting anbetrifft, sondern auch in Bezug auf die Figuren, so dass man die verschiedenen Charaktere als Typen wahrnimmt, wie sie einem heutzutage vielleicht auf der Straße oder eben auch innerhalb der eigenen Familie begegnen.
In Amerika und dem Rest der Welt scheint derzeit vor allem Wut die entscheidende treibende Kraft für alle und vieles zu sein.
Rian Johnson: In der Tat, weshalb es mir auch wichtig war, dass der Film sein Herz am rechten Fleck trägt. Was ich damit meine, ist, dass der Film die Zuschauer mit einem guten Gefühl aus dem Kino entlassen soll. Er ist nicht zynisch gemeint, sondern ganz ehrlich unterhaltsam. Optimistisch ist wahrscheinlich das falsche Wort, aber zumindest in die Richtung.
Der Film wirkt jedenfalls wieder anders als alles, was Sie bisher gemacht haben. Aber das erneut mit einer hochkarätigen Besetzung.
Rian Johnson: Ja, darauf kam es mir an. Denn so wie Knives Out von Agatha Christies Büchern inspiriert ist, basiert der Film indirekt auch auf den Filmadaptionen, die ich in meiner Jugend geschaut habe, vor allen die mit Peter Ustinov als Poirot. Und auch das waren ja zumeist Filme mit enormem Star-Aufgebot, wo der Reiz auch darin lag, dass Bette Davis mitspielte oder Mia Farrow, David Niven oder James Mason. Und alle sind großartig, und man denkt sich, schön, dass sie oder er auch dabei ist. Da geht es weniger um die Figur oder um Charakterschauspieler, die sich in der Rolle verlieren, sondern darum, dass man eine Sympathie für einzelne Schauspieler oder im besten Fall das ganze Ensemble hat.
Sprechen wir ein bisschen über Ihr Ensemble, das sich durchaus sehen lassen kann. Wie kam denn die illustre
Besetzung zustande?
Rian Johnson: Daniel Craig war als erster dabei. Und in dem Moment, wo feststand, dass er die Hauptrolle übernehmen würde, wussten wir, dass wir einen Film hatten. Und wir wussten, dass uns nur ein ganz bestimmtes Zeitfenster für den Dreh zur Verfügung stand, und zwar bevor Daniel mit dem Dreh zu James Bond beginnen würde. Aber natürlich will eigentlich jeder mit Daniel Craig arbeiten, was, glaube ich, auch ein Grund dafür war, dass wir letztlich die Besetzung bekommen haben, die Sie im Film sehen. Zumindest ging es, nachdem Daniel unterschrieben hatte, Schlag auf Schlag. Als nächster kam Michael Shannon dazu, und auch Michael steht hoch im Kurs, nicht nur bei Regisseuren. Danach sprangen auf einmal alle gleichzeitig in den Pool. Es schien fast so, als würden sich die Schauspieler gegenseitig ködern. Und meine Augen wurden immer größer und größer, jedes Mal, wenn ich auf die Cast-Liste schaute.
Was hat es mit dem französischen Namen auf sich, den Sie Daniels Figur verpasst haben?
Rian Johnson: Benoit Blanc? Mein Französischlehrer hieß mit Vornamen Benoit, und das gefiel mir. Da habe ich mir den Namen einfach gestohlen.
Sein Blanc unterscheidet sich eindeutig von seinem Bond.
Rian Johnson: Absolut, die beiden sind wie Tag und Nacht. Und das ist das Schöne daran. Ich denke, darin lag auch für Daniel der Reiz. Ich weiß, er liebt es, James Bond zu spielen. Und es tut ihm so gut. Aber manchmal ist es auch nicht schlecht, etwas anderes auszuprobieren, vor allem, wenn man eine Sache so lange gemacht hat wie er. Und eines darf man nicht vergessen, Daniel ist ein unheimlich spaßiger Typ. Wenn man ihn nur als Bond kennt, könnte man denken, er ist von Natur aus ein sehr intensiver, ernster Mensch. In Wirklichkeit ist er das komplette Gegenteil. Er ist extrem lustig und hat einen großartigen Sinn für Humor.
Und Toni Collette? Don Johnson meinte, sie stahl am Set allen die Show.
Rian Johnson: Oh Gott, die Frau ist unglaublich. Sie hat wirklich allen alles gestohlen. Selbst wenn sie nichts sagt und nur im Hintergrund zu sehen ist, richten sich trotzdem alle Blicke auf sie. Sie verblüfft mich immer wieder. Ich bin davon überzeugt, dass sie alles kann.
Angeblich ist sie die beste Augenrollerin?
Rian Johnson: Es sind bei ihr wirklich die kleinsten Bewegungen. Sogar in der allerletzten Szene im Film, wenn eigentlich alle Blicke auf Marta gerichtet sind. Wenn sie da stattdessen auf Toni achten, sehen sie dieses kleine … etwas, was sie mit ihren Augen macht, bis zur letzten Sekunde. Sie ist wirklich erstaunlich.
Mal ganz abgesehen von den Hauptrollen, war es auch schön, jemanden wie M. Emmett Walsh auf der Leinwand wiederzusehen.
Rian Johnson: M. Emmett Walsh gibt es wirklich nur einmal. Wenn er ans Set kommt, verteilt er als erstes Zweidollarnoten an jeden Mitarbeiter. Sie müssen dazu wissen, die Scheine sind extrem selten. Und Emmett sagt dann immer: „Wenn du den Schein nicht verprasst, wird dir nie das Geld ausgehen.“ Und dann verteilt er auch noch seinen Lebenslauf, der nur aus einem Blatt Papier besteht und über drei Spalten mit einzeiligem Zeilenabstand alle Filme auflistet, in denen er mitgespielt hat. Und dann geht man die Liste durch und stellt fest: Oh Gott, der Mann war fast überall dabei. Er ist wirklich außergewöhnlich. Ich war so froh, dass er mitgemacht hat, und auch Frank Oz.
War das eine kleine Hommage an „Star Wars“?
Rian Johnson: Na ja, weniger eine Hommage, als einfach ein Wiedersehen zweier Freunde. Er ist ein liebenswerter Mensch, und wir hatten eine wunderbare Zeit zusammen, als wir die Szene mit Yoda drehten. Wir sind damals zusammengewachsen, und ich habe mich gefreut, dass er für die kleine Rolle extra nach Massachusetts gekommen ist.
Der Film ist ein großes Familienszenario. Hatten Sie beim Schreiben eine bestimmte Familie vor Augen, an der Sie sich orientierten?
Rian Johnson: Nein. Ich komme zwar selbst auch aus einer großen Familie und bin mit ihr sehr verbunden, aber da gibt es keine Parallelen. Meine Familie ist wunderbar, und wir kommen ganz ohne Rivalitäten aus. Das Einzige, was vielleicht auch auf unsere Familie zutrifft, ist, dass wir viel miteinander diskutieren. Das kann man tatsächlich über die Familie Johnson sagen, wir wissen eine gute Auseinandersetzung sehr zu schätzen. Und die Szenen, in denen alle zusammensitzen und losreden, die erinnern am ehesten an meine Jugend, an Abende im Kreis der Familie, einer Familie, die sich liebt und die das Streiten liebt.
Ihr Film ist eine Hommage an das klassische Krimigenre. Fühlte sich das beim Drehen anders an, als beispielsweise Ihre Arbeit an „Brick“ oder „The Brothers Bloom“?
Rian Johnson: So wie sich Brick aus Dashiell Hammetts Romanen ableitet, The Brothers Bloom von anderen Hochstaplerfilmen und -geschichten inspiriert ist und Looper auf die Tradition von Zeitreisen und anderen Sci-Fi-Elementen aufbaut, genauso ist auch Knives Out im Einklang mit dem Genre entstanden, dem der Film zugehörig ist. Die Grundvoraussetzung ist bei jedem Film ähnlich, aber was mich daran interessiert und was mir unheimlich Spaß macht, ist, das Genre und die speziellen Genreregeln als eine Art Schachbrett zu nutzen, um mit den Zuschauern ein Spiel zu spielen, ihre Erwartungen auf den Kopf zu stellen und das Alte, das Altbekannte, das bereits Vorhandene so zu drehen und zu wenden, dass es etwas Neues ergibt.
Wir haben „Star Wars“ bereits kurz angesprochen. Jetzt liegt das Ende der aktuellen Trilogie unmittelbar vor uns.
Rian Johnson: In der Tat, und ich kann es kaum erwarten, den Film zu sehen. Es ist großartig, wieder Star-Wars-Fan sein zu können, sich einfach zurückzulehnen, den Trailer zu schauen, sich die Hände zu reiben und wilde Theorien über die mögliche Handlung aufzustellen. Das Ganze wird sicher ein großer Spaß werden.
Sie hatten diesmal überhaupt keinen Einfluss?
Rian Johnson: Nein, ich habe mich mit Absicht komplett herausgehalten. Ich will mir den Film einfach nur anschauen und als solchen erleben, wie ein Zehnjähriger, der seinen ersten Star-Wars-Film im Kino sieht.
Wie schreibt man für einen „Star-Wars“-Film? Wie muss man sich den Prozess vorstellen?
Rian Johnson: Es ist keine Prüfung, wenn Sie das meinen. Es ist eher eine große Zusammenarbeit mit einer ganzen Menge an Leuten, die alle im gleichen Team spielen. Alle wollen, dass es ein toller Film wird. Es ist nicht so nach dem Motto „Künstler gegen Studio“, sondern es findet von vornherein eine offene Diskussion über alles statt. Es ist ein ständiges Vor und Zurück, bis es irgendwann passt.
Ist Ihnen dieses gemeinsame Arbeiten lieber, als wenn Sie zu Hause allein an einem Drehbuch basteln?
Rian Johnson: Es macht mehr Spaß, mit anderen Leuten zu schreiben. Alleine schreiben ist fad. Schreiben im Allgemeinen ist anstrengend. Ich traue keinem, der behauptet, dass Schreiben Freude bereitet.
Haben Sie einen Lieblingssatz im Film?
Rian Johnson: Oh je, da gibt es viele. Aber was ich mir immer wieder anschauen kann, ist Daniels Donut-Rede. Die ist der Wahnsinn. Dabei hätte ich sie fast aus dem Drehbuch gestrichen, weil sie mir auf dem Papier etwas zu albern vorkam. Aber dann am Set trug Daniel die Zeilen mit einer solchen Überzeugung im Blick und in der Stimme vor, wie ein Prediger beim Sonntagsgottesdienst, dass ich total von der Rolle war. Und ich breche jedes Mal aufs Neue in schallendes Gelächter aus, wenn ich die Szene sehe.
Wer ist Ihnen eigentlich lieber, Miss Marple oder Poirot?
Rian Johnson: Poirot, keine Frage. Ich mag auch Miss Marple sehr, aber Poirot hat diesen Clown-Aspekt an sich, und das ist es, was Peter Ustinov in seiner Darstellung so brillant getroffen hat. Er ist mein absoluter Lieblings-Poirot, weil er eben dieses etwas Alberne an sich hat, was, wie ich finde, für die Figur sehr wichtig ist. Wichtig deshalb, weil ein Detektiv etwas an sich haben muss, das die potenziellen Verdächtigen entwaffnet. Bei Miss Marple gibt es das ja auch. Da ist es ihre Art, wie sie zum Tee bittet, so dass sie keiner mehr tatsächlich ernst nimmt, bis sie schließlich überführt werden.
Und wie behauptet sich Ihrer Meinung nach Daniel Craig gegenüber Ustinov und Branagh?
Rian Johnson: Was soll ich sagen? Er ist „mein“ Detektiv. Ich habe weder mit dem einen noch mit dem anderen gearbeitet. Also, ich stehe komplett hinter Daniel. Ich liebe Ustinov, aber an Daniel kommt für mich keiner heran.
Wären Sie denn persönlich auch ein guter Detektiv, was glauben Sie?
Rian Johnson: Um Gottes Willen, ich wäre schrecklich. Ich bin völlig unbrauchbar, so vergesslich, wie ich bin. Ich weiß heute schon nicht mehr, was gestern war. Wenn meine Frau mich nicht ständig an alles erinnern würde, wäre ich komplett verloren. Nein, das ist keine gute Idee. Ich bin auch eine totale Niete, wenn es darum geht, den Mörder zu erkennen. Vielleicht ist, einen Krimi zu schreiben, deshalb jetzt meine Revanche.
