Park Chan-wook hat unter dem Titel „No Other Choice“ den gleichen Roman verfilmt wie der legendäre Costa-Gavras im Jahr 2005. Eine schöne Gelegenheit, zwei großartige Filme zu vergleichen.
Auf den ersten Blick ist nichts Außergewöhnliches an dem 1997 erschienen Roman „The Ax“ des US-amerikanischen Krimiautors Donald E. Westlake (1933–2008). Und doch hat er zwei der nachweislich bedeutendsten Regisseure der Gegenwart dazu inspiriert, ihn zu verfilmen.
2005 kam Le Couperet („Die Axt“) von Costa-Gavras in die Kinos – nicht aber in Deutschland und Österreich (Wer ihn auf DVD nachholen will, was unbedingt zu empfehlen ist, muss unter dem sinnigen Titel Jobkiller – Eine mörderische Karriere suchen). Das Drehbuch verfasste Costa-Gavras zusammen mit Langzeit-Ko-Autor Jean-Claude Grumberg, mit dem er erstmals bei La petite Apocalypse (1993) zusammengearbeitet hatte. Es bleibt – bis auf die Transformation in französische Verhältnisse – recht nahe an der Vorlage. Wenn man Costa-Gavras kennt, den legendären griechisch-französischen Regisseur von erstklassigen Politthrillern wie Z, Das Geständnis, Der unsichtbare Aufstand, Missing oder Musicbox, kann man sicher gehen, dass Le Couperet kein Krimi von der Stange ist. Der Plot ist im Grunde recht simpel: Bruno Davert, ein Mann mittleren Alters mit Frau und zwei halbwüchsigen Kindern, ein höherer, stets loyaler Angestellter in einer Papierfabrik, wird eines Tages recht unvermittelt gekündigt, aus den bekannten Gründen: Rationalisierung, Effizienzsteigerung, usw. – in Wahrheit: Profitgier, Ignoranz, menschliche Kälte. Während er sich zunächst brav in sein Schicksal fügt und Bewerbung um Bewerbung abschickt, ist er doch zunehmend frustriert.
Als er in einem Imagefilm einer Konkurrenzfirma Raymond Marchefer sieht, der in etwa den Job bekleidet, den Bruno hatte, schmiedet er einen Plan: Er gibt sich selbst als Inhaber einer Papierfabrik aus und schaltet eine Anzeige, in der er Angestellte sucht. Unter den zahlreich eintrudelnden Bewerbungen wählt er fünf aus, die, wie er meint, seine größten Konkurrenten wären, sollte Marchefers Job einmal freiwerden – und diese fünf will er alle töten. Und siehe da: Als er einmal damit begonnen hat, ist er überrascht, wie einfach das geht …
Costa-Gavras’ Film ist eine bitterböse Satire auf, ja, alles: die Gier der Industriebosse, die Verlogenheit der Personalabteilungen, den Mittelstand, der sich alles gefallen lässt, die Polizei, die nichts kapiert, und noch vieles mehr. Im Hintergrund sieht man ständig – wie zum Hohn – Werbeplakate oder es fahren als Werbeträger genutzte LKWs und Busse durchs Bild, die den Menschen den Himmel auf Erden versprechen. Die Besetzung (José Garcia, großartig, als Bruno, Karin Viard als seine Frau, Olivier Gourmet als sein nichts ahnender „Erzfeind“ Marchefer, dazu noch Ulrich Tukur als einer von Brunos Konkurrenten), die Ausstattung, das Tempo, die Figurenzeichnung, die Dramaturgie – alles ist vom Feinsten. Schön ist auch ein winziger Cameo-Auftritt von Costa-Gavras‘ US-amerikanischem Regiekollegen John Landis (The Blues Brothers, Into the Night), da muss man aber schon sehr genau hinsehen. Und trotz aller düsteren Gedanken, die Bruno mit sich herumträgt, und trotz der Verzweiflung, die ihn leitet, ist Le Couperet immer wieder umwerfend komisch. Kein Zweifel: Es handelt sich um ein funkelndes, leider allzu wenig bekanntes Juwel selbst im großartigen Schaffen eines Regisseurs wie Costa-Gavras.
KEIN REMAKE
Nun gibt es also eine weitere Verfilmung von Donald E. Westlakes Roman. Regie führte Park Chan-wook, der gefeierte Vielbeschäftigte, der Regisseur von meisterlichen Filmen wie Joint Security Area, Sympathy for Mr. Vengeance, Oldboy, Lady Vengeance, Thirst, The Handmaiden und Decision to Leave, aber auch der beiden großartigen Miniserien The Little Drummer Girl und Sympathizer. Dass er diesen Krimi als Vorlage benützen würde, ist vielleicht weniger überraschend als im Falle von Costa-Gavras. Mit dem Motiv der Rache, mit dem Ringen eines Mannes um seine Würde kennt sich Park nun wirklich aus, das beweisen allein schon seine Filmtitel. Würde man eine Rangliste des filmgeschichtlich nicht gerade unterrepräsentierten Subgenres des Rache-Thrillers erstellen, nähme Park Chan-wooks Oldboy ganz bestimmt einen der vorderen Plätze ein. Sein Protagonist Oh Dae-su, der sich 15 Jahre lang scheinbar ohne Grund in einem Zimmer eingesperrt sieht, aus dem es kein Entrinnen gibt, stürzt sich mit einer solchen Wut und einem solchen Ingrimm in seinen Rachefeldzug, dass er (Stichwort: Zahnbehandlung) die zarten Gemüter so mancher Zuschauender nachhaltig erschütterte. Nach seinen eher grimmigen früheren Filmen hat Park Chan-wook aber mit The Handmaiden und Decision to Leave bewiesen, dass er auch anders kann. Besonders letzterer Film, mit der Eben-nicht-Romanze zwischen einem einsamen Polizisten und einer attraktiven Tatverdächtigen überraschte – wegen seiner leisen Wehmut, aber auch wegen seines zarten Humors, der jedoch, bei genauerer Betrachtung, auch schon in Parks älteren Filmen durchaus vorhanden war.
Immer wieder kann man jetzt lesen, es handle sich bei No Other Choice, das auch im koreanischen Original so heißt, um ein Remake des französischen Films, zumal Costa-Gavras‘ Frau Michèle Ray und sein Sohn Alexandre in den Credits als Produzenten angeführt sind und sich in den Endcredits eine Widmung an den großen Regisseur findet. Diese Behauptungen sind falsch. Das kann man sehr leicht feststellen, wenn man die beiden Filme sieht, außerdem wusste Park, als er (schon im Jahr 2009!) ankündigte, er wolle den Stoff verfilmen, gar nicht, dass es bereits einen französischen Film nach der Vorlage gab. Besonders überrascht war er, als er erfuhr, dass Costa-Gavras über die alleinigen Filmrechte verfügte. Die Legende besagt, Costa-Gavras sei zunächst von der Idee einer weiteren Verfilmung gar nicht begeistert gewesen; letztlich aber war er von Park Chan-wooks Filmen so angetan, dass er dem koreanischen Regisseur eine Zusage gab.
Wie es im Filmbusiness manchmal der Fall ist und auch weil Park so umtriebig ist, dauerte es geraume Zeit, bis der langgehegte Plan endlich umgesetzt wurde. Am Drehbuch arbeitete Don McKellar mit. Zu Beginn seiner Karriere war der Kanadier auch als Regisseur erfolgreich (Roadkill, Highway 61), später schrieb er Drehbücher, u.a. für Fernando Meirelles, und war immer wieder auch als Schauspieler tätig, so bei Atom Egoyan, Edgar Wright und David Cronenberg. Mit Park Chan-wook zusammen schrieb McKellar das Buch zur Miniserie The Sympathizer.
ZUSPITZUNG
Für Park stand es außer Frage, dass sein Langzeit-Buddy, Südkoreas Superstar Lee Byung-hun, die männliche Hauptrolle spielen würde. Gemeinsam hatten sie im Jahr 2000 schon Joint Security Area gedreht, der damals alle nationalen Box-Office-Rekorde gebrochen und beide mit einem Schlag bekannt gemacht hatte. Im Laufe seiner Karriere, die ihn kurz auch nach Hollywood führte, war Lee Byung-hun in zahlreichen koreanischen Blockbustern zu sehen; nicht zuletzt spielte er eine Hauptrolle in der weltweit erfolgreichen Hit-Serie Squid Game. Dazu sorgt sein, nun ja, turbulentes Privatleben in Südkorea immer wieder für Aufsehen. Auch Son Ye-jin, die in No Other Choice seine Ehefrau spielt, gehört seit vielen Jahren zu den Top-Stars des Landes. Zu ihren größten Erfolgen zählt die weibliche Hauptrolle in der unfassbar beliebten Serie Crash Landing on You (2019/20), die (wieder einmal) die Sehnsucht der (Süd-)Koreaner nach der Wiedervereinigung des geteilten Landes entfachte. Mit solchen Stars und weiteren Spitzenkräften in den Nebenrollen konnte eigentlich nichts schiefgehen. Tatsächlich war und ist der Erfolg von No Other Choice durchschlagend, bei der Kritik ebenso wie beim Publikum. Der immer noch anhaltende Preisregen umfasst unter anderem sechs Auszeichnungen bei den nationalen Blue Dragon Film Awards. Während der Film bei den Golden Globes dreimal nominiert war, schaffte er es bei den Oscars überraschenderweise nicht auf die Shortlist für den besten Internationalen Film.
Die Ausgangssituation und der Plot sind, logischerweise, dieselben wie bei Costa-Gavras – die Zahl der potenziellen „Opfer“ des Protagonisten (hier heißt er Yoo Man-su) ist allerdings auf drei reduziert, inklusive Choi Seon-chul, dem Mann, dessen Job bei der Firma Moon Paper Man-su gerne hätte. Er ist hier neben seinem Papier-Job auch Online-Influencer und noch durchgeknallter als sein Pendant im französischen Film. Wie man es von Park Chan-wook erwarten konnte, sind alle Situationen und Konstellationen deutlich zugespitzt, sowohl in komischer Hinsicht als auch, was Man-sus ziemlich drastisches Vorgehen betrifft. Die Familie hat wesentlich mehr Raum als im früheren Film, und das nicht nur physisch – sie wohnen hier in einer prächtigen Villa im Grünen, in der Man-su aufgewachsen ist und die sie wegen seiner Arbeitslosigkeit zu verlieren drohen. Die kleine Tochter ist ein Cello-Wunderkind und bräuchte eigentlich teuren Unterricht. Es gibt zwei große Hunde, die eine prominente Rolle spielen, und einen großen Garten (wichtig). Eine entscheidende Änderung ist, dass Mi-ri, die Gattin, wesentlich aktiver ist als bei Costa-Gavras. Der Nebenjob, den sie bei einem attraktiven Zahnarzt annimmt, um den finanziellen Engpass überbrücken zu helfen, wird zu einem prominenten Handlungselement.
Die Komik entsteht zum einen durch Man-sus nach außen hin stoischem, an Buster Keaton gemahnendem Ertragen der Situation, während er innerlich allmählich vor Wut kocht, zum anderen hat Park Chan-wook herrlich absurde und abgründige Situationen eingebaut, dazu jede Menge Slapstick, wie in der Situation, als Man-su einen großen Blumentopf… oder als er von einer Schlange… Sehen Sie selbst. No Other Choice ist ein Film, der großen Spaß macht, auch wenn die 139 Minuten, zwanzig mehr als bei Le Couperet, dann und wann doch ein wenig lang erscheinen. Es ist festzuhalten, dass Park Chan-wooks Film, ebenso wie Costa-Gavras‘ Westlake-Verfilmung, trotz aller Komik die ernsten Aspekte der Geschichte nicht außer Acht lässt: die fast schon groteske Personalpolitik erfolgreicher Konzerne, das Dilemma, in das Langzeit-Arbeitslose schlittern, ihre Verbitterung und ihre Scham, oder das Fehlen eines wirklich brauchbaren sozialen Netzes für Menschen, denen der „Sinn des Lebens“ abhanden gekommen ist.
Der Höhepunkt von No Other Choice ist sein Schluss. Dem Drehbuch-Team ist eine wirklich grandiose letzte Pointe eingefallen, die dem ohnehin schon sehr guten Film die Krone aufsetzt.
