Korrupt, gefühllos und ohne Gnade

| Kirsten Liese |

Die 69. Filmfestspiele Locarno überzeugten mit unbequemen Gegenwartsanalysen

Das Gesicht mit dem mitleidlosen, unerbittlichen Blick und der kleinen Warze neben der Nase prägt sich fest ein. Es ist das Gesicht einer gewissenlosen Altenpflegerin, die ihre Arbeit in einer entlegenen bulgarischen Stadt mechanisch verrichtet und sich nicht scheut, schwache, hilflose Menschen, die auf sie angewiesen sind, gnadenlos auszunehmen und ihnen ihre Papiere zu stehlen, mit denen ihr Freund dann illegale Geschäfte macht. Erst als Gana einen alten Mann näher kennen lernt, der einen Amateur-Chor leitet, und ihr von seiner langen Gefangenschaft in einem Steinbruch erzählt, regen sich bei ihr Schuldgefühle, aber eine Erlösung bleibt aus.

Godless, auf den 69. Filmfestspielen in Locarno verdient mit dem Goldenen Leoparden für den besten Film und einem Silbernen für Irena Ivanova als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet, ist eine an die Nieren gehende, schwer verdauliche Bestandsaufnahme. Der Titel bezieht sich dabei weniger auf den Verlust religiöser Werte als vielmehr auf die menschliche Verrohung in einem Land im Angesicht der Korruption. Zwischen hohen Betonbauten und vereinsamten steinigen Gegenden zeichnet die bulgarische Regisseurin Ralitza Petrova eine postsowjetische, farblose Tristesse. Dazu passen wortkarge, kalte Dialoge. Schon der erste schreckliche Satz eines Killers geht einem durch Mark und Bein: Der Hund, der unablässig seinem Auto hinter läuft, glaube wohl, sein Herrchen befinde sich noch im Kofferraum, obwohl es doch eben „beseitigt“ wurde.

Jeder denkt hier nur an den eigenen Vorteil, viele gehen über Leichen. Und bringt eine Patientin den Mut auf, die Polizei zu rufen, schickt Gana den Freund vorbei, um sie einzuschüchtern. Danach ist die Rebellin tot.

Die eindrückliche neue Welle aus dem Osten Europas, sie setzt sich in Locarno überzeugend fort. Allein drei der vier osteuropäischen Beiträge räumten Preise ab – eine beachtliche Bilanz.

Aber auch die von der Jury unbeachtete  bulgarisch-griechische Koproduktion Slava (Glory) empfiehlt sich, mit aberwitzigem Humor korrupte Machenschaften entlarvend, als ein cineastisches Juwel.

Zwei  Originale dominieren diese groteske Geschichte von Kristina Grozeva und Petar Valchanov:  der einfache Bahnangestellte Tsanko, ein skurriler, aber liebenswerter Zeitgenosse mit Riesenbart und schweren Sprachstörungen, der sich fast die Zunge abbricht, wenn er reden muss. Und Staikova, die skrupellose, hektische PR-Managerin des Transportunternehmens, die sich immer und überall telefonisch im Dienst befindet, sogar noch bei ihrem Frauenarzt, wo sie Embryos für einen günstigeren Kinderzeitpunkt einfriert.

Als Tsanko eines Morgens einen riesigen Haufen Geld auf den Gleisen findet, meldet er den Fund der Polizei. Aber mit seiner Ehrlichkeit handelt er sich nichts als Ärger ein, kommt doch seine Heldentat der Pressechefin wie gerufen, um  von den Skandalen im Ministerium ihres Wirkungsbereiches abzulenken. Also zerrt sie den unbeholfenen Stotterer vor die Kameras und reißt ihm achtlos eine Uhr vom Arm, auf dass der Minister ihm eine neue digitale zur Anerkennung anlegen kann. Aber Tsanko will seine alte Uhr, ein Erbstück seines Vaters, zurück und nervt fortan die PR-Managerin mit seinen täglichen Anrufen.

Die aber nimmt sich für solch eine vermeintliche Bagatelle keine Zeit, sondern versucht sich den Sturkopf mit einer ähnlichen Uhr ohne Gravur vom Hals zu schaffen. So leicht aber lässt sich Tsanko nicht abwimmeln, er wendet sich an die Medien und provoziert damit eine abstruse Eskalation des Konflikts.  Ein Drama mit lakonischem Biss.

Wie sich politische Desillusionierung auf eine Gesellschaft auswirkt, in der alte Seilschaften und Strukturen aus Zeiten des Kommunismus weiterbestehen, davon erzählt auch die großartige, von einem geradezu makabren Humor getragene, post-apokalyptische polnische Tragikomödie The Last Family. Fast unbemerkt scheint sich hier die Wende vollzogen zu haben, jedenfalls hat sie für die Protagonisten, nichts geändert. Immer wieder versucht der Sohn der Familie, ein neurotischer junger Mann mit einem konfliktreichen Verhältnis zu Frauen und seinem dominanten Vater (bester Darsteller: Andrzej Sewerin), mit absurden Aktionen seiner sinnentleerten Existenz ein Ende zu setzen, und immer wieder kommt sein an diese selbstmörderischen Rituale fast schon gewohnter, gelassener Vater zur rechten Zeit, um ihn zu retten bis nach und nach die ganze Familie stirbt.

Einzig der Rumäne Radu Jude entzieht sich einer unbequemen Gegenwartsanalyse. Etwas langatmig und eintönig, aber doch atmosphärisch inspiriert von der Zauberberg-Atmosphäre eines Thomas Mann adaptiert er den autobiographischen Roman Vernarbte Herzen des rumänischen, im Alter von 29 Jahren an Knochentuberkulose verstorbenen Schriftstellers Max Blecher um dessen zehnjährige Leidenszeit in einem Sanatorium. Scarred Hearts gewann in Locarno den Spezialpreis der Jury.

Es ist Festivalleiter Carlo Chatrian gewiss hoch anzurechnen, dass er wie kein anderes renommiertes A-Festival das Autorenkino selbst in seinen sprödesten Ausprägungen protegiert. In der Qualität gilt es allerdings noch ein bisschen nachzubessern, verirrten sich doch in den Wettbewerb der 69. Ausgabe auch eine Reihe bedeutungsloser Produktionen, darunter etwa auch das kryptische jüngste Werk aus Angela Schanelecs Berliner Schule, Der traumhafte Weg, eine Montage zusammenhanglos wirkender Stimmungsbilder, über die sich geradezu bleiern die von den Figuren behauptete Müdigkeit legt.

Nicht minder zeigt sich an dem Regiepreis für das bildgewaltige portugiesische Opus El Ornitologo, dass Vieles, was unter dem Label Autorenkino  auf den Markt kommt, nicht unweigerlich den hohen Anspruch auf Filmkunst einlöst.  João Pedro Rodrigues besticht zwar optisch mit sensationellen Tieraufnahmen und Märchenbildern und zeigt Sinn für Originalität, aber das reicht nicht aus. Die seltsame, abstruse Geschichte um einen in einem abgelegenen Fluss nach einer bedrohten Art forschenden Vogelkundler, der von einer merkwürdigen Katastrophe in die nächste schliddert,  verliert sich zunehmend in kaum noch interpretierbare Dimensionen des Utopischen.

Große Filmkunst jenseits Osteuropas zeigte Locarno auf seiner Piazza Grande, allen voran Maria Schraders Künstlerporträt Vor der Morgenröte um den Schriftsteller Stefan Zweig in seinen letzten Lebensjahren im Exil, und Christian Schwochows in Weltpremiere gezeigter Film Paula, das faszinierende Porträt der expressionistischen Malerin Paula Modersohn Becker, die ihren gegen alle Widerstände ihre Vision künstlerischer Selbstverwirklichung lebte.

Mit dem französischen Drama Le ciel attendra fand überdies ein brisanter, höchst sehenswerter Beitrag zum islamistischen Terror den Weg auf die Piazza. Er zeichnet auf beängstigende Weise nach, wie junge französische Frauen über soziale Netzwerke zu Fundamentalistinnen werden und sich für den Islamischen Staat rekrutieren lassen. Zum Beispiel Mélanie, eine ganz normale 16-Jährige, die einem Jungen im Chat ihr Vertrauen schenkt, der sie mit Schmeicheleien und gesellschaftlichen Verschwörungstheorien für sich einnimmt. Der gut recherchierte, aufwühlende Film bedient zum Glück keine Klischees von schlechten Versager-Eltern oder unterprivilegierten Kindern der Unterschicht, stellt indirekt eher europäischen Bildungssystemen ein Armutszeugnis aus, die es im angestrengten Bemühen um politische Korrektheit, falsch verstandener Toleranz und Weltoffenheit versäumen, Schülerinnen über die patriarchalen, frauenfeindlichen Strukturen jenes Systems aufzuklären, dem sie in die Falle gehen.

In Michael Kochs Schweizer Wettbewerbsfilm Marija um Migranten in Dortmund gilt es schließlich noch einmal ein markantes Gesicht zu entdecken, ein Gesicht mit stechenden, staunenden Augen. Marija alias Margarita Breitkreiz, kommt aus der Ukraine und träumt von einem eigenen Frisiersalon. Sie zählt nicht zu den Frauen, die moralisch besser sein wollen als die Männer. An ihrem Fall untersucht Koch, wie sich die moralischen Grenzen von Menschen verändern, wenn die Umgebung härter wird, wie legale Migranten mit den Ärmsten Geschäfte machen, die auf Schwarzarbeiterjobs und eine primitive Bleibe angewiesen sind. Marija dient sich Abzockern an, nachdem sie einen Job in einem Hotel verloren hat. Aber sie tut dies keineswegs leichtfertig. Wenn sie an ihre Grenzen stößt, fährt die Kamera dicht an ihr Gesicht heran, mit geradezu unheimlich geweiteten Augen versinkt sie dann ins Schweigen bis ihr Gegenüber in die Knie geht.