Kottan ermittelt – Rien ne va plus

Kottan ermittelt

Aus der Wut kommt die Kraft

| Gustav Ernst |

Der geistige Vater des Kottan war der große, früh verstorbene linke Autor Helmut Zenker. Ein Porträt aus persönlicher Sicht.

Ich lernte Helmut Zenker im Herbst 1969 kennen. Er war 20, hatte die Pädagogische Akademie in Wien absolviert und mit Peter Henisch gerade „wespennnest. zeitschrift für brauchbare texte“ gegründet. „Brauchbar“ war programmatisch gemeint, stand für ein neues literarisches Konzept, für eine gesellschaftskritische, realistische Literatur, und war zugleich eine Kampfansage gegen die „bloß“ sprach- und formexperimentelle Literatur. „Brauchbar“ waren für Zenker Texte, die die Lebens- und Arbeitsverhältnisse der „gewöhnlichen Menschen“ konkret und rücksichtslos zu beschreiben und darzustellen verstanden. Die also dafür „brauchbar“ waren, Unglück und Elend, kapitalistische und faschistoide Macht- und Ausbeutungsstrukturen aufzuzeigen, vorzuführen, kenntlich zu machen. Ihn interessierte in der Literatur das Gewöhnliche, Alltägliche, inhaltlich und sprachlich. Er hasste alles Elitäre und was sich elitär zu geben versuchte – Dichterposen, elitäre Reden („Gscheiteln“), die Hochkultur, Studenten, den Literaturbetrieb, überhaupt die Kulturbetriebsamkeit und ihre Vertreter und Konsumenten, und vor allem geschwollene Literatursprache, Texte, die die besondere literarische Könnerschaft, Kunstsinnigkeit und Bildung ihrer Urheber zu demonstrieren suchten und dafür eifrig um Beifall bemüht waren. Und er hasste die Verachtung und das Desinteresse all dieser Leute und Haltungen für die Nicht-Kunstsinnigen, für das „gewöhnliche“ Volk, für das Leben jener Leute, unter denen er im 20. Wiener Gemeindebezirk aufgewachsen war, den Arbeitern und Angestellten, Hilfsarbeitern, Arbeitslosen und Taglöhnern mit ihren desolaten Familien, aussichtslosen Liebschaften, mit ihrem Alkoholismus, ihrer Gewalt, aber auch mit ihrem besonderen Lebensmut, ihrem Humor und Witz, ihrem Aufbegehren, ihren speziellen Formen von Widerstand, Lebensfreude und Lebenstüchtigkeit.

Zenker bestand darauf, dass Literatur von diesen einfachen Leuten zu erzählen habe, in einer einfachen, auch für sie lesbaren Sprache, und von jenen Herrschaften, die ihnen das Leben erschweren und behindern. Und seine ersten Bücher handelten auch davon: „Wer hier die Fremden sind“ (1973), „Kassbach“ (1974) und „Für so einen wie dich“, ein Roman, den er gemeinsam mit Friedemann Bayer verfasste, dem Hilfsarbeiter und Sohn einer Nazi-Familie, der auch als Vorbild für die Hauptfigur in Zenkers Roman „Das Froschfest“ diente, den er später gemeinsam mit John Cook für den Film Schwitzkasten (1978) adaptierte. Überaus produktiv schrieb Zenker weitere Romane, Kinderbücher, Erzählungen, Hörspiele, Theaterstücke. Alle spielen in Zinshäusern, Zimmer-Küche-Wohnungen, Bordellen, Wirtshäusern, im Arbeitermilieu, in der Nazi-Szene und erzählen das Schicksal von Jugendlichen und ihren oft aussichtslosen Bemühungen, sich darin ein einigermaßen befriedigendes Leben einzurichten.

Helmut Zenker war in jeder Hinsicht ein politischer Autor. Er war Aktivist der KPÖ und Aktivist des neuen sozialkritischen literarischen Realismus. Er wollte seine Texte und seine Darstellungen der Zustände und somit seine Botschaft auch verbreitet wissen – auch eben durch die Gründung einer Zeitschrift, die er mit einigen Mitredakteuren, die ebenfalls Autoren waren, eigenhändig druckte und verbreitete. Und er veranstaltete und tat mit bei Lesungen an den ungewöhnlichsten Orten, dort nämlich, wo es normalerweise keine Lesungen gab, aber viele Menschen – in der Schottentorpassage, in Diskotheken (Voom Voom, Camera), in Freibädern, auf dem Volksstimme-Fest, in Studentenheimen, in Kinos. Er wollte genau jene Menschen mit seiner Literatur erreichen, die entschieden andere Sorgen hatten, als sich seine Literatur anzuhören.

In Zenkers literarischen und kulturpolitischen Strategien und Aktionen, die er mit seinen Autoren-Freunden entwickelte und die auch andere Autoren(-gruppen) Anfang der Siebziger Jahre intensiv praktizierten, findet man nicht nur Momente des Wiener Aktionismus, etwa in der öffentlichen, provokanten künstlerischen Demonstration, auch wenn Zenker mit dem Aktionismus nichts am Hut hatte, sondern vor allem Strategien der Studentenbewegung, wie das „Anagitieren“ und offensive Aufklären, die politische Eroberung öffentlicher Räume und das Schaffen eigener Produktions- und Kommunikationsmittel, obwohl Zenker – wie auch die KPÖ – mit der Studentenbewegung erst recht nichts am Hut hatte und sich wohl eher der kommunistischen Aufklärungs- und Agitationstradition verbunden fühlte als der Studentenbewegung. Die proletarischen Romane der Zwischenkriegszeit, die Arbeitsweltromane der Siebziger Jahre, etwa eines Max von der Grün oder Gernot Wolfgruber, und die DDR-Literatur standen ihm näher als Peter Handke oder Thomas Bernhard.

Im Unterschied zu vielen seiner Kollegen hielt Zenker aber an dieser Strategie fest. Je mehr Bücher er veröffentlichte und je mehr er den österreichischen und deutschen Kunst- und Literaturbetrieb kennen lernte, desto mehr wuchsen sein Misstrauen und seine Aversion gegen diesen, und somit auch jene „Literaturbetriebsmenschen und -autoren“, die ihm ein Gräuel waren. Er verließ nicht nur Wien und übersiedelte nach Kössen in Tirol, er verließ auch die Literatur immer mehr, auch wenn er weiter Bücher schrieb, und übersiedelte in ein Medium, in dem es für ihn offenbar nüchterner und pragmatischer und weniger kunstschnöselig zuging, mit dem er viel mehr Menschen erreichen konnte als mit Büchern, und wo er endlich auch Geld verdienen konnte: zu Film und Fernsehen. Was nahe lag, denn Zenker interessierte sich immer schon mehr für jene Vergnügungen und Künste, die auch die Massen interessieren: Fußball, Rock- und Schlagermusik, Krimis, Kriminalfilme und Italo-Western.

Die erste Kottan-Folge (Hartlgasse 16a) wurde 1976 ausgestrahlt. Wolfgang Ainberger, damaliger Fernsehredakteur, berichtet: „Helmut Zenkers Roman ‚Wer hier die Fremden sind‘ hatte ich kurz zuvor gelesen und war beeindruckt. Ausgeschickt, nach neuen Drehbuchautoren zu suchen, schien Zenker mir für dieses Metier sehr geeignet.“ Daraufhin lieferte Zenker ein Film-Exposé nach seinem Roman „Kassbach“, wofür der ORF keine Verwendung hatte, und dann Kottan, einen Stoff, der auf eine kleine, zehnseitige Erzählung zurückgeht, die Zenker 1974 geschrieben hatte und die 1975 als Hörspiel produziert wurde.

Die Reaktionen auf die Ausstrahlung des ersten Kottan sind bekannt: „Proletenfilm … reine Sauerei … eine Beleidigung der Wiener“ einerseits, „ ein außergewöhnlicher Kriminalfilm … Kottan ist eine Antifigur, wie sie schöner nicht gedeihen kann … “ andererseits. Und die heftigsten Proteste kamen von der Polizei. ORF-Krimi-Standard waren damals die Inspektor-Marek-Krimis mit Fritz Eckhardt, eine Fernseh- und Klischeewelt, in die nun Peter Vogels Kottan, „verbiestert“ und „verbohrt“, und die realis-tischen Figuren eines Zinshauses in Peter Patzaks Regie locker und rücksichtslos authentisch hineintanzten und dem Wiener plötzlich ein Bild von sich und seinem Leben zeigten, das er nie und nimmer, auch wenn er es noch so sehr als sein eigenes erkannte, von der Autorität des Fernsehens dermaßen ungeschönt öffentlich bestätigt haben wollte. Es war der Einbruch der österreichischen Realität ins österreichische Fernsehen und in die österreichischen Wohnstuben. Dieser Einbruch hatte zwar schon begonnen, etwa mit der Alpensaga von Turrini/Pevny (1974), aber das hatte noch die Bauern betroffen, den Bauernbund und die ÖVP. Jetzt aber betraf es die Wiener, die Familien- und Zinshausidyllen, die Polizei und die SPÖ.

In Zenkers „Kottans“ und seinen anderen Filmen spielte genau das eine Rolle, was in seinen literarischen Arbeiten davor Thema, Absicht und Intention gewesen war, was er dort geübt, erprobt und entwickelt hatte: den genauen Blick auf das Alltägliche, auf das Leben der „einfachen Leute“, jenseits des gewohnten Blicks, der gewohnten und schon längst falsch und somit verlogen und wirkungslos gewordenen Bilder. Die Differenz zwischen dem, was er sah, erlebte und was die offiziellen Bilder lieferten, ließ ihn nicht ruhen und neue, genauere, deutlichere Geschichten und Bilder erfinden, in einem Medium, in dem man am unterhaltsamsten, am spektakulärsten und am weitreichendsten die neuen Bilder zeigen und widerborstige Botschaften, in Plots versteckt, vermitteln kann. Aber wie lange lässt die Unterhaltungsstruktur des Fernsehens das zu? Hat Zenker mit der zunehmenden Verblödelung von Handlung und Figuren und den popmusikalischen Nummernrevuen in den späteren Folgen des Kottan seine anfängliche Intention nicht selbst verraten? Hat er deswegen die Verblödelung auf die Spitze getrieben, um damit die Fernsehunterhaltung zu entlarven? Sah Zenker, nachdem die literarischen, auch die filmischen Formen der Sozialkritik der Siebziger Jahre in den Achtzigern obsolet geworden waren, nur mehr die Möglichkeit, mit überhitztem Klamauk – auch mittels seiner Sendung Tohuwabohu – Gesellschaftskritik wenigstens als Medienkritik noch zu retten? Wollte er sich, resigniert, selber nur noch unterhalten, seine Musikleidenschaft in Szene setzen, anarchisch alten Ballast abwerfen, sich befreien? Oder, positiv gesehen, aus der neuen Situation eine neue Form entwickeln?  Hatte er genug von seinen Hoffungen, die aufklärerischen Möglichkeiten des Fernsehens betreffend, das Aufträge an ihn immer mehr verzögerte und ihn schließlich ganz fallen ließ?

Tatsache ist: Helmut Zenker wollte Anfang des neuen Jahrhunderts zur Literatur zurück. Er nahm zu seinen alten Autoren-Freunden und zu Verlagen verstärkt Kontakt auf. Ein erstes neues literarisches Buch nach über zehn Jahren, merkwürdigerweise über den Mond, „Mondgeschichten“, erschien im Frühjahr 2003. Aber er erlebte es nicht mehr. Er starb, für mich überraschend, aber, wie ich hinterher hörte, doch nach längerer Krankheit, im Jänner desselben Jahres.