Krystian Lupa

Wiener Festwochen | Krystian Lupa

15 Minuten Ruhm in acht Stunden

| Erna Cuesta |

Der polnische Theaterguru Krystian Lupa begibt sich mit „Factory 2“ auf die Spuren Andy Warhols. Seine neue Arbeit ist demnächst bei den Wiener Festwochen zu sehen.

Der Pop-Art Künstler Andy Warhol sagte 1968 einmal: „In the future, everyone will be famous for 15 minutes.“ Im gleichen Jahr wurde er von einer – je nach Sichtweise – radikalen Feministin oder verwirrten Psychopathin namens Valerie Solanas angeschossen und überlebte das Attentat nur knapp. Es handelt sich um einen Satz, der in die Ruhmes-Geschichte der Populärkultur eingegangen ist, und der dem Regisseur, Drehbuchautor und Produzenten John Herzfeld als Initialzündung für einen Film (15 Minutes) gedient hat; um einen Satz, der Andy Warhol wohl noch rätselhafter machte, aber zweifellos zu seiner Unsterblichkeit beigetragen hat.

Achselschweiß

Es war wohl kaum der Satz, der den großen polnischen Theater-Denker Krystian Lupa dazu inspiriert hat, sich ein Jahr lang mit Andy Warhol auseinanderzusetzen, zu proben und daraus „Factory 2“, ein achtstündiges Kunst-Konstrukt, zu entwickeln. Es war, wie so oft bei Lupa, der Mensch Warhol selbst und seine vordringliche Ambition: das Ergründen des Unergründlichen. Hunderte Stunden Probe wurden aufgezeichnet. „Seit Jahren versuche ich, egal ob im Theater oder in meiner wissenschaftlichen Arbeit mit Studenten, tiefer in das erstaunliche Phänomen der Improvisation einzutauchen, also in die Fähigkeit der Schauspieler eine Realität, einen Text zu erstellen“, sagt Lupa.

Krystian Lupa gehört zu jenen Regisseuren, die der „menschlichen Existenz und Essenz“ auf der Spur sind. Und dafür nimmt er sich sehr viel Zeit. Theaterkritiker beschreiben immer wieder seine bis aufs letzte Detail komponierten einzelnen Szenen und seine durch-interpretierten Schweigepausen. Lupa wiederholt konsequent manche Sequenz, verlangsamt das Tempo der Geschehnisse, experimentiert mit Zeit und Raum im Theater.

Mit seinen großen Romanadaptionen wurde der 1943 geborene Lupa berühmt – Bulgakows „Meister und Margarita“ oder Dostojewskis „Brüder Karamasow“. In jeder Hinsicht ist sein Abend „Factory 2“, mit dem er bei den diesjährigen Wiener Festwochen zu Gast ist, „in dem sich eine von Warhols Factory inspirierte Künstlercrew auf ausgesuchtem schauspielerischen Niveau ausgiebig in sich selbst versenkt, angefangen beim erotischen Verhältnis zum eigenen Achselschweiß“ – so ein deutsches Pressezitat – exemplarisch für Lupas Arbeit.

Wie aber kam es zu „Factory 2“? Alles begann mit der Warhol-Biografie von Victor Bockris, eines amerikanischen Journalisten, der sich gut zwei Jahrzehnte mit der New Yorker Underground-Szene beschäftigt. Lupa fühlte sich beim Lesen in seine eigenen Erinnerungen und Erfahrungen der Sechziger Jahre zurückversetzt, in die mythischen Zeiten des Aufbruchs, in denen vieles in Frage gestellt wurde und sich allerlei Künstler-Gruppen formierten. Dieses Gefühl fand Lupa in der Warhol-Fabrik in der East 87th Street wieder, einem Ort der seltsamen gegenseitigen Abhängigkeiten, erstaunlichen Beziehungen, und vor allem der riskanten künstlerischen Experimente. Warhols Studio symbolisierte Ruhm und Wohlstand, zog viele Künstler und Exzentriker an; Leute, die einen Platz für ihre Kreativität brauchten und vor allem jenen Menschen, der ihrer Arbeit Sinn verleihen konnte – Andy Warhol. Und so stieß Lupa auf dieses Phänomen und somit auf den Kern seiner Arbeit.

Und wer war jetzt dieser Andy Warhol? Ihn auf Pop-Art zu reduzieren, wäre zu kurz gegriffen. „Das ist wahr“, erklärte Lupa in einem Interview für ein polnisches Kunstmagazin, „er selbst nannte sich zwar Pop-Künstler. Aber auf der anderen Seite war Warhol ein Künstler, der Pop-Art wie kein anderer in Frage stellte. Seine Vorstellungen waren keine kommerziellen. Er berührte die Grenzen der Wahrnehmung. Wie sonst können wir seinen Underground-Experimentalfilm Sleep, einen schwarzweißen Stummfilm, verstehen? Einen Film, der sechs Stunden lang einen schlafenden Mann beobachtet. Warhol interessierte sich für das menschliche Dasein. Natürlich hat er die Gleichgültigkeit der Reaktionen nicht nachvollziehen können und fühlte sich missverstanden. Und genau diese Erfahrungen sind mir sehr nahe.“

Die Reise in einen anderen Menschen

Letztlich ist Lupa bei „Factory 2“ dem Weg Andy Warhols gefolgt, hat sich von Intuition und Phantasie leiten lassen. „Wir haben versucht, Warhols Methoden nachzuahmen, also mit und in der Gruppe zu provozieren, gewisse dramatische Konflikte heraufzubeschwören, und den Zuschauer intensiven Angriffen auf die Gefühle auszusetzen.“ Das Theaterstück schildert zwei Tage aus dem Leben in der Fabrik und beginnt mit der Aufführung des kontroversen Warhol-Films Blow Job aus dem Jahr 1963. Der Film führte zu einer Krise in der Factory, wirbelte negative Emotionen auf. „Warhol selbst“, so Lupa, „war eine außerordentlich passive Person und sagte von sich: ,Ich bin eine Maschine’. Der Sinn seines Handelns war ihm nicht wichtig, und er wollte auch nichts analysieren.“ Warhol startete eine Reihe von Experimenten und Improvisationen für ein neues Projekt. Und da setzt Lupas Stück an und lässt seine Theater-Fiktion beginnen: Lupa gestaltet eine Art von Theater, die Warhol so nie gefilmt hätte. Damit grenzt sich Lupa im Übrigen auch von seinen früheren Arbeiten ab.

„Factory 2“ ist weit davon entfernt, ein bloßes Warhol-Porträt zu sein. Die Identifikation der Schauspieler mit den Figuren ist nicht erwünscht, das Nachempfinden diverser kreativer Entstehungsprozesse aber sehr wohl. Es lässt sich, kennt man Lupa, ohnehin nicht verhindern. „Wir haben gemeinsam mit den Schauspielern eine Art von parasitärem Leben in den Körpern und Seelen der Künstlergemeinde von damals geführt. Das ist eine extreme Erfahrung, und die hat auch uns verändert. Man könnte es mit dem Versuch umschreiben, eine persönliche Reise in einen anderen Menschen gemacht zu haben und dabei zu beobachten, was und wie es geschieht. Dies ist ein sehr intimer Prozess, und hat wenig mit der ,herkömmlichen‘ Arbeit des Schauspielers, etwas von sich in eine andere Person zu stecken, zu tun.“

„Lupa brachte mir das Wichtigste bei, nämlich, dass das Theater mehr als Selbstdarstellung und Befriedigung eigener Geltungsbedürfnisse ist“, fügt Piotr Skiba als langjähriger Mitstreiter des großen polnischen Regisseurs hinzu. In den Aufführungen Lupas ist und bleibt der Mensch eine seltsame und unbegreifliche Gestalt. In ihm geschehen unverständliche Dinge. Motive und Taten, Gefühle und Gedanken, Rührungen und Ängste sind ununterbrochen in Bewegung. Der Absurdität des Daseins folgt Lupa in seinem Theater stets minuziös. Und er lebt in seiner Vision des Gesamtkunstwerks: Lupa ist darin ein Meister. Oft übersetzt und überarbeitet er seine Texte selbst, schafft das Bühnenbild und führt gleichzeitig Regie, übernimmt da und dort die Rolle des Erzählers in seinen Aufführungen. Lupa braucht das, um das von ihm erdachte extrem fordernde Theatererlebnis zu schaffen. So schrieb die polnische Zeitschrift „Notatnik teatralny“ („Theaternotizen“)? „Das Theater Krystian Lupas ist ein Theater der psychologischen Extreme, die in Zeiten der Verlogenheit und der billigen Unterhaltung sichtbar werden. Lupa warnt: Billige Unterhaltung bedeutet billiger Mensch, billiges Leben, billige Seele, billiger Verstand, billige Sensibilität … Seine Aufführungen beginnen an einer Stelle, wo man keine Fragen mehr stellt, und enden dort, wo alles, was uns angeht, in Frage gestellt wird.“

Auf seinen Erfolg, an dem Lupa in all den Jahren nie gelegen ist, hat er lange gewartet. Das Theater, sagt er, sei kein Mittel zur Erlangung von Popularität oder Berühmtheit, sondern diene der Erkundung der menschlichen Seele und des Geistes der Welt.  Seine 15 Minuten Ruhm hat dieser unter den europäischen Theatermachern einzigartige Denker längst erreicht.