Künstliche Erregung – Filme, die für moralische Entrüstung sorgten

Achtung, Skandal!

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Wer wird sich denn gleich so aufregen? „ray“ widmet sich in Bild und Text Filmen, die zum Zeitpunkt ihres Erscheinens kontrovers diskutiert wurden.

Redaktion ~ Oliver Stangl

Aufregung und Kontroversen begleiteten das Kino von Anfang an. Stand zunächst noch das Medium selbst als sensationalistisches Teufelsvergnügen im Zentrum der Kritik, richtete sich der Furor schon bald gegen Einzelwerke, die der gängigen Moralauffassung widersprachen. Anfangs brauchte es, nach heutigen Maßstäben, nicht viel: Hedy Lamarrs Nacktauftritt in Ekstase (1933) sorgte ebenso für Proteste von Kirchenkreisen wie Hildegard Knefs entblößte Brust in Willi Forsts Die Sünderin (1951). Dass Knef im Film eine Prostituierte spielte, die Sterbehilfe leistet, machte den Skandal perfekt. Finanziell zahlten sich solche Aufreger meist aus: Beide Filme waren Kassenschlager, wozu im deutschsprachigen Raum die legendären Wertungen des Katholischen Filmdienstes („Wir raten ab“) nicht unwesentlich beitrugen – der Reiz des Verbotenen … Kein Wunder also, dass Skandale immer öfter mit Kalkül eingesetzt wurden. Hollywoodstar Michael Douglas etwa schien geradezu eine Karriere daraus zu machen, in Filmen mit medial kontrovers diskutiertem Inhalt aufzutreten: Wall Street (1987) attackierte ein gieriges Wirtschaftssystem, Fatal Attraction (1987) verhandelte das Thema Seitensprung, Basic Instinct (1992) beinhaltete für Hollywood-Verhältnisse explizite Sexszenen (und hatte eine weibliche Hauptfigur, die ihr Sexualleben genoss), Falling Down (1993) ließ einen Biedermann nach dem Jobverlust Amok laufen, und in Disclosure (1994) war der Mann das Opfer sexueller Belästigung am Arbeitsplatz. Richtig problematisch wurde es, wenn der Staat den Zensor spielte: Herbert Achternbuschs Satire Das
Gespenst
(1982) ist in Österreich bis heute wegen Herabwürdigung religiöser Lehren verboten. Könnte man das Werk nicht endlich pardonieren? Im Zentrum der folgenden Bild- und Textstrecke stehen übrigens großteils Werke, bei denen die Aufregung genuin und für viele Beteiligte nicht gerade lustig war. Und wenn Sie sich nach dem Grund für diese Strecke fragen, eine Gegenfrage: Brauchen Skandale wirklich einen Anlass?

 


 

 

Peeping Tom (Michael Powell, 1960)

Ein Film über das Kino: Peeping Tom erzählt von einem mordenden Kameramann, der die Todesangst seiner Opfer filmt. Das konnte 1960 noch nicht gutgehen. Die Reaktionen auf Michael Powells im selben Jahr wie Hitchcocks Psycho erschienenes Meisterwerk waren heftig und sind im Rückblick der eigentliche Skandal. Die Karrieren des Regisseurs und seines Hauptdarstellers Karlheinz Böhm, der es mit Peeping Tom darauf anlegte, von seinem Sissi-Image wegzukommen, waren bis auf weiteres beendet. Auch der dümmste Filmkritiker spürte, dass Powell eine Verbindung zwischen dem vom Kino ermöglichten Voyeurismus und der Mordlust seines schwer neurotischen Protagonisten suggerierte. Was bleibt, ist ein inzwischen rehabilitierter Meilenstein, der mehr über das Medium zu erzählen hat als zwei Regalbretter Filmtheorie.
Benjamin Moldenhauer

The Last Temptation of Christ (Martin Scorsese, 1988)

Für christliche Fundamentalisten war der Anblick eines Jesus, der ein Leben mit Frau und Kindern der Qual am Kreuz den Vorzug gibt, offenbar so unerträglich, dass neben massiven Protesten und Boykottaufrufen sogar ein Kino in Paris während der Aufführung des Films angezündet wurde. Dass sich der alternative Lebensweg Jesu letztendlich nur als Vision, als die titelgebende letzte Versuchung vor seiner Passion erweist, wollte man im blinden Fanatismus wohl gar nicht mehr zur Kenntnis nehmen. Dabei ist Martin Scorseses Adaption des Romans von Nikos Kazantzakis eine höchst respektvolle Annäherung an einem Jesus mit zutiefst menschlichem Antlitz – der mit all seinen Selbstzweifeln und inneren Qualen den von ihm in den Evangelien gezeichnetem Bild vermutlich näher ist, als konservative Kreise dies wahrhaben wollen.
Jörg Schiffauer

Pink Flamingos (John Waters, 1972)

Filth are my politics, killing and blood make me come.“ Mit diesem feuchtfröhlichen Stoßgebet des schlechten Geschmacks begann 1972 im New Yorker Elgin Theatre das Phänomen Midnight Movie. Jedes Wochenende horteten sich die Exzentriker der Jugendkultur im Kino, um diesem unfassbaren 10.000-Dollar-Schnellschuss zu huldigen: Die Johnsons und die Marbles, versiffter Trailer-Trash versus Wohlstandsperverse, kämpfen um den Titel der versautesten Portion Menschheit. Die Disziplinen sind Nekrophilie, Menschenraub, Live-Tötungen im TV und jede Menge sonstiger Pfuigacks. Ein transgressives Meisterstück, das die Drag-Queen-Pop-Ikone Divine und Indie-Regisseur John Waters als King of Kink aus den Vororten von Baltimore auf die Weltbühne brachte. Sozialporno-Docusoaps und die eigenen Kinder (The Simpsons, South Park & Co.) haben Waters längst überholt.  Aber Egg Lady Edith Massey, der singende Anus zum Rock-Hadern „Surfin’ Bird“ der Trashmen und nicht zuletzt das Schock-Finale, wenn Divine lüstern lächelnd eine frisch gekotete Pudelwurst runterwolft, lassen heute noch das Rückenhaar steigen.
Paul Poet

 

Salò o le 120 giornate di Sodoma (Pier Paolo Pasolini, 1975)

Als Pasolinis Bearbeitung von de Sades gnadenlosem Roman in die Kinos kommen sollte, schlugen die Wellen hoch. Doch wie so oft lag der eigentliche Skandal nicht im Film selbst begründet. Der ließ sich schwer aber doch ertragen. Unerträglich hingegen die Heuchelei von Kirche, Politik und Medien, die die Stimmung so aufheizten, dass Pasolinis Opus magnum letztlich nur in einer verstümmelten Version gezeigt werden konnte. Und natürlich hatten viele der Moralapostel den Film gar nicht gesehen, denn sonst hätten sie bemerken müssen, dass Pasolini das dekadente Geschehen in die letzten Tage des untergehenden faschistischen Italien verlegt hatte, während er gleichzeitig gegen die Gleichgültigkeit und den Konsumismus seiner Zeit Anklage erhob. Als der (Kultur-)Kampf um seinen Film noch tobte, wurde Pasolini am 2. November 1975 am Strand von Ostia unter bis heute dubiosen Umständen ermordet. Und tatsächlich gab es Medien, die sich nicht entblödeten, darin implizit so etwas wie „Gerechtigkeit“ zu erkennen.
Andreas Ungerböck

Kids (Larry Clark, 1995)

„A wake-up call to the world“ nannte die „New York Times“ diesen Film. Was später in dramatisch glänzenderer Ausführung etwa in Catherine Hardwickes 13 (2003) oder in der britischen Jugendserie Skins (seit 2007) deutlich weniger erregte, war im Fall von Larry Clarks Kids noch ein Skandalon: Sex unter Minderjährigen (hier übrigens mit großteils volljährigen Laiendarstellern). Ein Handlungsstrang folgt dem Aids-infizierten 16-jährigen Skateboarder Telly (Leo Fitzpatrick), der sich auf die Entjungferung eben erst geschlechtsreifer Mädchen spezialisiert hat. Im zweiten Strang erfährt (die von Chloë Sevigny in ihrem Debütfilm dargestellte) Jenny, dass sie sich beim Sex mit Telly angesteckt hat. Zum Schluss werden die Stränge des von Harmony Korine mitverfassten Drehbuchs verbunden, doch die aufgerissene Wunde bleibt deprimierend offen. Fotograf („Teenage Lust“) und Filmemacher Larry Clark, oft und oft für seinen voyeuristischen Blick kritisiert, zeichnet hier das erste seiner schockierend naturalistischen Laufbilder einer vernachlässigten und/oder wohlstandsverwahrlosten Generation US-amerikanischer Kids zwischen Drogen, Langeweile, Sex und Party. Immerhin, die Welt schläft nicht mehr.
Roman Scheiber

A Clockwork Orange (Stanley Kubrick, 1971)

Die Abenteuer des jungen Alex (Malcolm McDowell), der im sozial desolaten England der näheren Zukunft „rape, ultra-violence and Beethoven“ zu schätzen weiß, sorgten weit über das Erscheinungsjahr hinaus für Kontroversen. In Großbritannien von Kubrick selbst aus den Kinos genommen (mediale Vorwürfe, der Film hätte jugendliche Gewalttäter zu Nachahmungstaten inspiriert, trafen den Regisseur schwer, zudem gab es Drohungen gegen ihn und seine Familie), findet sich der visuell experimentierfreudige, bis in Details hinein durchstilisierte Film zwar mittlerweile in fast jedem Kanon, die zentrale Frage bleibt aber bis auf weiteres ungelöst: Ist es besser, Menschen psychisch so zu brechen, bis sie nur noch harmlose Lämmer sind, oder soll man den freien Willen zulassen, auch wenn es diesen nach Gräueltaten gelüstet? Dass Pessimist Kubrick das Happy End der Burgess’schen Romanvorlage – Alex verliert die Lust an der Gewalt und will eine Familie gründen – wegließ, nimmt jedenfalls nicht wunder. Sprach Kubrick: „To try and fasten any responsibility on art as the cause of life seems to me to put the case the wrong way around. Art consists of reshaping life but it does not create life, nor cause life.“
Oliver Stangl

Starship Troopers (Paul Verhoeven, USA 1997)

Der Griff nach der Faschismus-Keule erfolgte reflexartig: Nazi-Ästhetik, Gewaltverherrlichung, militaristische Propaganda, simplizistisches Weltbild, so die Vorwürfe. Paul Verhoeven hatte sich Robert A. Heinleins 1959 erschienenen SciFi-Roman „Starship Troopers“ vorgenommen, ihn mit TV-Schauspielern als Kriegsfilm-Chargen bevölkert, mit US-amerikanischer Weltpolizisten-Hybris gekreuzt und das Ergebnis mit den Konventionen des Action-Genres kollidieren lassen. Wer sich von der krawallösen Oberfläche des totalen Mensch-gegen-Käfer-Krieges ablenken ließ, verpasste Subtext und Selbstironie, sah nicht, wie Starship Troopers seine eigene Blödsinnigkeit und Banalität zur Kenntlichkeit entstellte. „Geeignet, sozialethisch zu desorientieren“, deswegen in Deutschland auf dem Index.
Alexandra Seitz