Kurt Kren

Kurt Kren

Versuche mit Film und Kunst

| Andrea Winklbauer |

Eine Ausstellung im Wiener Atelier Augarten und eine Retrospektive im Österreichischen Filmmuseum würdigen den großen Filmavantgardisten Kurt Kren.

Das Gesamtwerk des Wiener Filmemachers Kurt Kren (1929–1998) dauert keine vier Stunden, zählt aber zu den intensivsten und größten Vermessungen der Möglichkeiten des Kinos. So lautet die Kurzfassung der filmhistorischen Einordnung dieses österreichischen Pioniers des strukturellen Films in der aktuellen Presseinformation des österreichischen Filmmuseums anlässlich der Kurt-Kren-Retrospek-tiven im Atelier Augarten und in der Wiener Augustinerstraße. Würdigungen von Kurt Krens Werk fanden bislang eher im Rahmen der Bildenden Kunst statt: So waren es die Grazer Secession und die legendäre, für die österreichische Kunst nach 1945 so bedeutsame Wiener Galerie nächst St. Stephan, wo 1960 die ersten öffentlichen Vorführungen von Kurt Krens Filmen statt fanden. 1977 war Kren Teilnehmer der documenta 6 in Kassel. 1996 fand seine erste Einzelausstellung tausendjahrekino in der Wiener Secession statt.

Kunst im Bauchladen

Am direktesten ist der Zusammenhang zwischen Film und Kunst im Werk Krens in der Zusammenarbeit mit den Wiener Aktionisten Otto Muehl und Günther Brus festzumachen. Zwischen 1964 und 1966 entstanden sieben Filme zu verschiedenen Aktionen der beiden und 1967 ein weiterer aktionistischer Film in Zusammenarbeit mit Günther Brus. Der Wiener Maler Wolfgang Ernst gab zwischen 1972 und 1973 vier Boxen mit einer Super-8-Kopie eines Werks von Kurt Kren heraus, jeweils in einer Auflage von 50 Stück: den Aktionismusfilmen 6/64 Mama und Papa, 10/65 Selbstverstümmelung und 7/64 Leda und der Schwan sowie den frühen strukturellen Film 2/60 48 Köpfe aus dem Szondi-Test. Kren folgte diesem Beispiel und verlegte 1974 selbst eine fünfte Box mit dem Film 26/71 Zeichenfilm oder Balzac. Jede der gestalteten Boxen enthielt auch Fotos und ein Faksimile der Partitur, die Kren bis zu Beginn der 80er Jahre seinen Filmen zugrunde legte. Er fuhr damit zu deutschen Kunstmessen, wo er seine Editionen in einem Bauchladen für 150 Mark feilbot. Heute sind es Künstler wie Matthew Barney, deren Filme in natürlich noch weit exklusiveren und teureren Editionen zu haben sind.

Die Ausstellung im Atelier Augarten ist auf das Frühwerk konzentriert. Wer mehr und vor allem die Filme der 70er bis 90er Jahre sehen will, sollte die Retrospektive im Wiener Filmmuseum besuchen, wo im Juni das Gesamtwerk und zwei Filme über Kurt Kren auf dem Programm stehen. Im Atelier Augarten wird dafür erstmals zu den Filmen auch ein Blick hinter die Kulissen möglich. Gezeigt werden die höchst originell und immer anders gemachten Partituren, die zur Vorbereitung der gerade in den frühen Jahren Kader für Kader aufgenommenen Filme dienten. In ihnen verzeichnete Kurt Kren exakt, wie lange und in welcher Abfolge welches Bild zu sehen ist. Dass er in der Umsetzung bei seinem Plan blieb, lässt sich mit Muße nachvollziehen.

Tendenzwechsel

Die Partituren weisen auch auf die Entstehung des Wiener Formalfilms der 50er Jahre aus dem Geist der Zwölftonmusik hin, dessen Entwicklung, wie Peter Weibel feststellte, aber gerade durch Kurt Krens zweiten nummerierten Film, 2/60 48 Köpfe aus dem Szondi-Test, eine neue Richtung nahm. Weibel sieht den Tendenzwechsel von einer musikalischen Strukturierung in den Filmen von Ferry Radax und Peter Kubelka zu einer perzeptiven bei Kurt Kren. 2/60 48 Köpfe aus dem Szondi-Test (die Zahl nach der Werknummer steht immer für das Entstehungsjahr) besteht aus Schwarzweißfotos, die im Rahmen eines psychologischen Wahrnehmungstests zur Diagnostik von Triebstrukturen verwendet wurden. Kurt Kren montierte sie seriell gleich direkt in der Kamera, wobei er beim Filmen nach der zuvor in der Partitur festgelegten Abfolge vorging. Die 48 Gesichter folgen dabei so aufeinander, dass Mund, Nase und Augen immer an ungefähr der gleichen Stelle auftauchen, was bei Krens extremem Kurzschnitt die Wahrnehmung eines einzelnen Gesichts unmöglich macht. Eine Art Morphingeffekt entsteht durch die Trägheit des menschlichen Auges, in dem Bilder auf der Netzhaut länger abgebildet als tatsächlich zu sehen sind. Mithilfe der Köpfe des Wahrnehmungstests schuf Kren ein Filmexperiment, das die Funktionsweise des Mediums hinterfragte: „Die Sukzession von Fotografien (wahren Stills) sollte dabei nicht Bewegung analysieren oder synthetisch simulieren, sondern auf die Wahrnehmung selbst und die sie begleitenden psychischen Mechanismen hinweisen, also eine Subjekt- und keine wie ehedem Objekt-intendierte Vorgangsweise.“ (Peter Weibel) Weitere in der Ausstellung gezeigte frühe Wahrnehmungsexperimente sind die Filme 1/57 Versuche mit synthetischem Ton (Test), 3/60 Bäume im Herbst und 11/65 Bild Helga Philipp, für das Kren ein Op-Art-Bild der Wiener Künstlerin abfilmte, das natürlich ebenfalls Teil der Ausstellung ist.

Ein weiterer wichtiger Block von Krens Frühwerks besteht aus den Filmen, die zu Aktionen von Otto Muehl und Günther Brus entstandenen sind. Für die Ausstellung wurden drei davon ausgewählt und den Partituren, begleitenden Zeichnungen und den dokumentarischen Fotos von Ludwig Hoffenreich gegenüber gestellt. Es sind diese Fotos, die erst deutlich machen, wie sehr Kren beim Filmen der Aktionen nur seine eigenen, strukturellen Ziele vor Augen hatte. Zugleich unterscheidet er formal zwischen den Aktionen von Muehl und Brus. Die einen sind farbig flackernde Bilderorgien, die anderen in Schwarzweiß und expressiver.

Der letzte Block der Ausstellung besteht aus zwei Filmen, die nach der aktionistischen Phase entstanden sind. In 15/67 TV und 20/68 Schatzi kündigen sich Ende der 60er neue Wege an, weg vom „unbehaglichen“, aggressiven Kurzschnitt hin zu langsameren Erzählweisen, die Sehen und Verbergen neu und anders als zuvor thematisieren. Krens einst mit Abstand provozierendstes Werk 16/67 20. September, auch präzise beschreibend „Eating Drinking Pissing Shitting Film“ genannt, und weitere Meisterwerke wie den kompliziertest durch Mehrfachbelichtung in der Kamera montierten Jahreszeitenfilm 31/75 Asyl, kann man im Filmmuseum sehen.