Kurze Filme, lange Nächte

| Günter Pscheider |

Das Fastnet Shortfilm Festival im irischen Schull

Wer dem Trubel von Cannes entfliehen will oder generell eher familiäre Events bevorzugt, dem sei das Fastnet Shortfilm Festival ans Herz gelegt, das jedes Jahr Ende Mai nicht nur die irische Filmprominenz in das idyllische Dorf Schull in West Cork lockt. „Our village is our screen“ lautet nicht umsonst der Slogan wohl eines der freundlichsten Filmfestivals der Welt. H hier muss man sich weder als Journalist noch als Filmfan stundenlang um ein günstiges Ticket (50 Euro für den Viertagespass, 15 Euro pro Tag), anstellen, das vielfältige und umfangreiche Programm wird in Pubs, Geschäften, Galerien, Privathäusern und im Gemeindesaal gezeigt.

Irland ist eine typische Touristendestination mit begeiserten Fans, die immer wieder gerne zurückkommen – wegen der grandiosen Küsten, der freundlichen Einheimischen oder wegen des vielfältigen kulturellen Angebotes. Einigen wenigen sind die Landschaft zu rau, die Straßen zu eng oder das Guinness zu bitter, aber prinzipiell findet jeder Reisende, der sich auf die Eigenheiten von Land und Leuten einlassen kann, auf dieser Insel sein ganz privates kleines Paradies. Schull liegt auf jeden Fall nicht unbedingt auf einer typischen Touristenroute. Von Cork kommend, fährt man noch 90 Minuten durch diese vor allem im Abendlicht unnachahmliche Mischung aus sattem Grün und wuchernden gelben Büschen, langsam wird der Abstand zwischen den Kleinstädten immer größer, bevor die Bucht von Schull, einem norwegischen Fjord gleich, vor einem liegt. In einem der bunten Häuser an der Hauptstraße ist das Festivalbüro untergebracht, dass erst spät abends schließt, wo auch gern der hiesige Ladies Book Club einige Lieder für die Abschlussparty probt. Es scheint wirklich so, als fühlte sich das gesamte Dorf für das Gelingen des Festivals verantwortlich, alle Lokale wurden weithin sichtbar mit passenden Filmtiteln versehen, in den Fenstern der Geschäfte werden die Dekorationen von Animationsfilmen ausgestellt. Dass im tiefsten Stout Country so viele Leute mit einem Corona Bier in der Hand herumlaufen, verwundert auf den ersten Blick, aber immerhin ist der Importeur des mexikanischen Biers der Hauptsponsor des Festivals, der mit seiner Ware auch nicht sparsam umgeht. Ein Guinness oder Murphy’s beim Filmeschauen wird allerdings auch nicht überall geboten.

Hier schaute einen niemand schief an, sitzt man doch im Hinterzimmer eines Pubs, während man die enorme Anzahl von Kurzfilmen aus aller Welt auf einem Riesenbildschirm verfolgt. Schull hat, wenig überraschend, kein Kino anzubieten, deswegen wird das Programm überall gezeigt, wo sich entweder eine Leinwand aufstellen lässt oder eben ein großer Fernseher zur Verfügung steht. Die Intimität der Locations (u.a. eine Galerie, ein Buchgeschäft, ein Restaurant mit Spitzenküche) trägt viel zum gelungen Gesamtkonzept des Festivals bei, man kommt leichter ins Gespräch, wenn man mit nur zehn anderen Menschen zusammen Filme schaut, viel mehr passen teilweise auch gar nicht in den Raum. Mit dem Gemeindesaal steht allerdings auch ein größeres Venue zur Verfügung, das vor allem bei den wenigen Langfilmen sehr gut besucht ist. Der irische Regisseur Lenny Abrahamson, der hierzulande zu Unrecht noch wenig bekannt ist, stellte seinen neuen Film What Richard Did, persönlich vor. Schon mit seinem Debut Adam and Paul, in dem er unnachahmlich lakonisch komisch vom Alltag zweier Junkies in Dublin erzählt, bewies er sein Talent dafür, den richtigen Ton zu treffen. Das gelingt ihm auch beim schwierigen Stoff von What Richard Did: Richard ist ein allseits beliebter Gewinner, er hat wohlsituierte Eltern, spielt erfolgreich Rugby und ist gerade frisch verliebt. Erst langsam zeigen sich kleine Risse in dieser perfekten, von Konkurrenz geprägten Welt. Sein Vater erwartet große Dinge von ihm, wenn er im Herbst auf die Universität kommt, der Druck, immer der Beste sein zu müssen, lastet schwer auf seinen Schultern. Als seine neue Freundin öfter mit ihrem Ex redet, fühlt sich Richard ausgeschlossen und gedemütigt, kann seine Gefühle aber nicht zeigen. Nach einer Party eskaliert der schwelende Konflikt, und Richard trifft in Sekundenbruchteilen eine von Adrenalin gepushte Entscheidung, die sein Leben verändert. Oder auch nicht, denn die Zeugen seines Gewaltausbruchs schweigen, und nur sein Gewissen kann ihn dazu bringen, sich der Polizei zu stellen.

Vor allem der subtile Realismus dieser komplexen Bestandsaufnahme nicht nur eines Milieus sondern auch des Zustands des Erwachsenwerdens überzeugt voll und ganz, die Dialoge wie die (Laien-)Darsteller wirken authentisch. Der Regisseur interessiert sich mehr dafür, wie es zu solch einer Tat kommt, allerdings ohne zu moralisieren, als für die Auswirkungen (der einzige Schwachpunkt des Films): Richard ist durchaus sympatisch als klassische Identifikationsfigur gezeichnet, sein Akt der Aggression erscheint zwar nicht direkt nachvollziehbar, für einen Zuschauer mit anderen Lebensumständen, aber in seinem Kontext ist er zumindest verständlich. Diese oft schwer auszuhaltende Ambivalenz glaubwürdig auf die Leinwand zu bringen, gelingt den wenigsten Filmen. Lenny Abrahamson meistert diese schwierige Aufgabe in diesem kühlen und doch empathischen Drama mit Bravour, es wäre schön, würde sich ein hiesiger Verleiher dieses kleinen Meisterwerks annehmen.

Am nächsten Tag erntete ein Mini mit Riesen-Red-Bull-Dose auf dem Dach direkt vor dem Gemeindesaal verwunderte Blicke, erst am Abend bei der Weltpremiere von Oceans Seven wurde der Zusammenhang klar, wurde doch diese Dokumentation über den ersten Menschen, der sieben Meereskanäle durchschwamm, vom Red Bull Media House produziert. Filmisch nicht weiter bemerkenswert, wurde das Werk und vor allen seines Protagonist trotzdem mit Standing Ovations bedacht, was nicht weiter verwundert, lebt doch der überaus sympathische Held der Geschichte, ein leicht beleibter Ex-Triathlet, der sein Leben dem Meereslangschwimmen gewidmet hat, im nur wenige Kilometer entfernten Ballydehop. Weitere Ehrengäste waren der Film- und Fernsehveteran Jack Gold und die mexikanische Schauspielerin Diana Bracho. Bei so einem auf Kommunikation angelegtem Festival muss es natürlich auch Programmpunkte geben, bei denen man sich aktiv beteiligen kann. Nach Mike Leigh im letzten Jahr veranstalteten heuer der Polnischstämmige Hollywood-Kameramann (Speed) und Regisseur (Romeo Must Die) Andrzej Bartkowiak und das irische Urgestein Jim Sheridan (My Left Foot) einen Workshop, für den die zahlreichen Teilnehmer ein Kurztreatment einreichen konnten, wovon eines innerhalb von zwei Tagen vor Ort mit Hife der beiden Profis und einigen Schauspielern verfilmt wurde. Verschiedene Stoffe wurden von den beiden kundig analysiert, wohlwollend kritisiert und auch auf ihre Umsetzbarkeit in dieser kurzen Zeit überprüft. Das Rennen machte schließlich eine sehr offene Szenenfolge über eine Frau, die über den Verlust eines ihr Nahestehenden nicht hinwegkommt.

Beim Bicycle-Kino war man überhaupt mit zwei Mitstramplern allein dafür verantwortlich, dass sich auf der Leinwand etwas abspielte, für die jüngeren Zuschauer gab es wie jedes Jahr ein eigenes Programm mit dem Titel Sminky Shorts. Leider fand zeitgleich ein Ausflug auf eine vorgelagerte Insel statt, wo nur mehr sieben Menschen und einige Rinder und Schafe leben. Dort im Wohnzimmer eines Hauses (von der Badewanne hat man einen herrlichen Blick über die Bucht) erfuhr man in wunderbar altmodischen Dokumentationen einiges über die Geschichte dieses speziellen Landstrichs, auf dem vor der großen Hungersnot drei Mal so viele Menschen lebten wie heute. Aus einem so umfangreichen Programm (200 Kurzfilme aus Irland, Großbritannien und dem Rest der Welt, dazu Länderschwerpunkte zu Polen, Spanien, Türkei und Lateinamerika) einzelne Höhepunkte heraus zu picken, ist fast unmöglich. Die technische Qualität der Filme war durchwegs hoch, wirklich innovative Werke sind auch im Kurzfilmbereich nicht unbedingt die Regel. Geldpreise von zweitausend Euro und eine Pat-Connor-Skulptur gewannen auf jeden Fall Lucy contra los limites de la voz von Monica Herrera und Atrophy von Mairtin de Barra. Die 1.500 Euro für den besten irischen Beitrag konnte Brian Oglanby für Outside the Box mit nach Hause nehmen. Wenn wie dieses Jahr zumindest in den ersten Festivaltagen fast durchwegs die Sonne scheint, versteht man, warum in diesem milden Klima sogar Palmen wachsen. Man kann dann herrlich in den wohlverdienten Pausen zu Fuß die Bucht erkunden oder mit einem Mietauto auf einer Panoramastraße zur Schwindel erregenden Brücke und den Klippen von Mizen Head fahren. Auch der Ring of Beara ist nicht weit weg, wenn man sich für einen ganzen Tag den phantastischen Ausblicken in die Natur statt auf die Leinwand widmen möchte.

Gerade das Gesamtpaket aus kundig ausgewählten Filmen, interessanten Gästen, extrafreundlichen Einheimischen und besten Wandermöglichkeiten für Naturliebhaber machen das Fastnet Shortfilm Festival zu einer der liebenswertesten Alternativen zu den hektischen, Bussiness orientierten Großfestivals. Die Pubs schließen zum Glück auch nicht mehr um 23h, sodass man noch lange über die Filme oder das Leben diskutierenoder einfach einer tradtionellen Irish Session lauschen kann. Kein Wunder, dass Mike Leigh versprochen hat, jedes Jahr wieder zu kommen, wenn er nicht gerade einen Film dreht, was heuer leider (oder zum Glück) der Fall war.