Wenn raffinierte Lichtdramaturgien, die Kostüme, das Orchester wegfallen, dann bleibt die Arbeit.
Auch die Pariser Oper ist bei dem großen amerikanischen Dokumentaristen Frederick Wiseman nicht davor gefeit, als großes Ganzes eine Filetierung zu erleiden. Durch seine Linse entäußert die hohe Kunst des Ballettbetriebes ihre repetitive Natur, dabei tritt hinter dem Zauber der Choreografie eine geradezu emotionslos antrainierte Perfektion hervor. Knapp 160 Minuten nimmt sich La Danse Zeit, um vom Training bis zum ebenso beinhart kalkulierten Management zu beobachten, wie in dieser Institution die Rädchen ineinander greifen. Was sich mühsam anhört, offeriert sich als ungezwungene Tour durch die Räume dieses Hauses. Bald stellt sich das Gefühl ein, direkte Einblicke ohne jegliche vermittelnde Instanz zu erleben. Dass sich in diesen Bildern Hunderte Stunden Material verdichten, wer würde es glauben?
Scheinbar ungeleitet lässt sich beobachten. Konturierte Körper in blassem Licht illustrieren gewissermaßen ein Gespräch an anderer Stelle, bei dem von der üblichen Pensionierung von Tänzern und Tänzerinnen mit etwa 40 Jahren die Rede ist. Dann ist der Körper am Ende. Ein Generationen- und vielleicht auch Kultursprung offenbart sich zwischen jungen (britischen?) Ballettlehrern, die ihre Kritik mit einem „Wir“ formulieren, und (französischen) Old-School-Vertretern, die ihr autoritäres Selbstverständnis auf dem Rücken der Tänzerinnen ausleben. Der ältere Meister hockt mit Föhnfrisur, Hirschknopf-Jackett und Krawatte da und reinigt mit Spucke einen Fleck vom Pullover. Da ist jemand übrig geblieben, aber nebenbei bestimmt er noch die Normen von Femininität. Auch das sorgt für Spannung, wie die Zurichtung des Individuums hier zur Regel erhoben wird. Am Ende steht die Kunst, auch bei Wiseman, in der sich größte Disziplinierung und Kraftanstrengung mit höchstem künstlerischen Ausdruck paart. Scheitern gibt es in La Danse nicht, weil Wiseman keine Geschichten einzelner Akteure erzählt.
Die Wahrnehmung dient ausschließlich dem Apparat und seinen Wirkungsweisen. Auf diese Weise findet La Danse selbst zu seiner eigenen Dramaturgie, in der sich etwa die Whiteness des Balletts allein anhand der Präsenz einer schwarzen Kassiererin in der Kantine offenbart. Wir streben nach Exzellenz, sagt einmal eine der Direktorinnen in einem anderen Zusammenhang. Diesen Elitismus teilt Wiseman nicht, seine Erzählung dürfte auch jeden faszinieren, der mit Ballett nicht das Geringste am Hut hat.
