La Grazia Film

Filmstart

La Grazia

| Pamela Jahn |
Eine kongeniale Zusammenarbeit zwischen Paolo Sorrentino und seinem Stammschauspieler Toni Servillo

Mariano De Santis (Toni Servillo) ist ein Denker, ein Stratege, ein brillanter Geist, aber auch ein „Betonkopf“, wie es im Kabinett hinter seinem Rücken heißt. Schnelle Entscheidungen sind von ihm nicht zu erwarten, da schlummert der alte Christdemokrat in ihm. Doch in seiner Position als italienischer Präsident läuft ihm nun die Zeit davon. Bald endet seine Amtszeit und es gibt noch wesentliche Dinge zu regeln: Ein Gesetz zur Sterbehilfe steht aus, ebenso wie zwei heikle Gnadengesuche, die ihn moralisch vor ein Dilemma stellen.

Was die Sache so kompliziert macht, ist Marianos eigene Befangenheit. Erzkatholisch erzogen, muss er nicht nur für die italienische Gesellschaft entscheiden, sondern auch für sich selbst. Diese Last der Verantwortung drückt so sehr auf seinen Schultern, dass sein ganzes Leben ihm plötzlich leer und qualvoll erscheint. Vor allem seit dem Tod seiner geliebten Frau Aurora fällt es ihm schwer, Freude und Schönheit im Alltag zu erkennen. Selbst die Zuneigung und offene Bewunderung seiner Tochter Dorotea prallen scheinbar wirkungslos an ihm ab.

Toni Servillo verleiht Marianos Verbohrtheit Ausdruck. Er hat den Schmerz und die Trauer seiner Figur ebenso verinnerlicht wie Würde, Eleganz, Grazie, mit der sich der Staatsmann durch diesen Film bewegt. Sein Auftritt erinnert unweigerlich an den zynischen Reporter Jep, den der italienische Regisseur Paolo Sorrentino einst in La grande bellezza geistreich und lebensmüde zugleich durch die nächtlichen Straßen Roms flanieren ließ. Doch Mariano wirkt noch einsamer, unglücklicher, gebrochener. Von seinen politischen Verpflichtungen abgesehen, umschleicht ihn der Verdacht, dass Aurora ihn vor 40 Jahren betrogen hat. Nur mit wem?

Während Mariano verzweifelt inneren Frieden mit seiner Vergangenheit sucht, bewegt sich die Kamera geschmeidig durch die pompösen Räume des Quirinalspalastes oder beobachtet geduldig, wie der Präsident seinen letzten Verpflichtungen nachgeht. All das ist von Sorrentino wie immer filmisch geschmackvoll und stilistisch gewagt orchestriert. Gleichzeitig erweist sich La Grazia auch als gelungene Rückkehr des Regisseurs zu den absurden Tableaus der politischen Macht, die er bereits in Il Divo über den früheren italienischen Regierungschef Giulio Andreotti zugleich lehrreich und unterhaltsam untersuchte. Aber hier wie dort ist es Sorrentinos langjähriger Stammschauspieler, der dem Ganzen das besondere Etwas verleiht: Unübertrefflich in seiner beherrschten Nonchalance, schmiegt sich Servillo mit seinem nuancierten Spiel sanft in den gewollt nachdenklich-melancholischen Ton des Films ein – und übertrifft damit einmal mehr sich selbst.