La Vie d’Adèle – Abdellatif Kechiche im Gespräch

| Pamela Jahn |

Abdellatif Kechiche im Gespräch über den ausgeprägten Freiheitssinn seiner Hauptfigur, die Logik expliziter Sexszenen und seinen Umgang mit schlechten Kritiken.

Ihr Film La vie d’Adèle strahlt eine bemerkenswerte Kraft aus, die die Aufmerksamkeit der Zuschauer fast unbemerkt für gute drei Stunden im Bann hält. Welche Gefühlen wollen Sie beim Publikum auslösen?
Danke es freut mich zu hören, wenn meine Filme aktiv wahrgenommen werden und einen Eindruck in der persönlichen Erfahrung des Zuschauers hinterlassen. Genau das ist es, wonach man als Regisseur strebt, oder zumindest in meinem Fall ist das so. Mir geht es nicht darum, Leben auf der Leinwand lediglich widerzuspiegeln. Ich möchte, dass meine Filme lebendig sind und im Moment des Anschauens vom Publikum bewusst durchlebt werden, und zwar das ganze Spektrum der Gefühle. Aber die Kraft, von der Sie sprechen, hat ja nicht nur mit mir zu tun, sondern zeigt vielmehr, mit wie viel Energie und Hingabe alle Beteiligten an dem Film mitgearbeitet haben.

Was hat Sie daran gereizt, ausgerechnet aus dem Leben von Adèle zu erzählen?
Zum einen hat mich die wunderschöne Liebesgeschichte fasziniert, die den Kern der Geschichte bildet. Aber darüber hinaus hat mich vor allem auch interessiert, wie sehr die Begegnungen und Erfahrungen, die wir im Leben machen, vom Schicksal bestimmt sind. Wenn uns zum Beispiel an der Ampel jemand auffällt und wie ein flüchtiger Blickkontakt mit derjenigen Person plötzlich unser Leben komplett auf den Kopf stellen kann. Ich hatte bereits zuvor an einem Drehbuch geschrieben, in dem es um eine junge Lehrerin ging und die Schwierigkeiten, die eine Beziehung zwischen zwei Menschen aus verschiedenen Milieus mit sich bringt, ganz unabhängig von sexuellen Neigungen. Aber ich war nicht recht zufrieden damit. Als ich dann Julie Marohs Graphic Nobel las, gab mir das neue Inspiration. Und irgendwie hat mich Adeles Figur von dem Moment an nicht mehr losgelassen, und ich begann immer weiter nachzubohren, was da in ihrem tiefsten Inneren vor sich geht. Ich bewunderte ihren ausgeprägten Sinn für Freiheit und Gerechtigkeit und ihren Mut. Und so wurde sie schließlich immer mehr zur wahren Heldin meines Films.

Adèles Charakter im Buch unterscheidet sich allerdings recht maßgeblich von dem im Film.
Ja, das stimmt. Im Buch ist sie eine eher fragile junge Frau, die viel zweifelt. Am Ende stirbt Adèle an einer an einer sehr seltenen Krankheit. Aber in dem Moment, wo wir der Figur einen anderen Charakter zugeschrieben hatten, hat sich auch ihre Geschichte grundsätzlich in eine andere, eigenwillige Richtung entwickelt.

Haben Sie vor oder während der Entwicklung des Drehbuchs mit Julie Marod zusammengearbeitet?
Nein. Ich habe ihr gesagt, dass ich von ihr Graphic Nobel inspiriert wurde, aber grundsätzlich mir der Geschichte im Film meinen eigenen Weg gehen würde. Ich wollte mich dadurch in erste Linie von den Zwängen befreien, die eine Adaption mit sich gebracht hätte.

Nun ist ihr Film trotzdem in die Kontroverse geraten. Haben Sie damit gerechnet, dass der Film eine derart heftige Kritik auslösen würde, was die explizite Darstellung der Sexszenen angeht?
Nein, gar nicht. Die Szenen sind logisch und notwendig, um die Leidenschaft zwischen den Liebenden zu verdeutlichen und die Intensität ihrer sexuellen Gefühle füreinander. Ich habe die Szenen in dem Glauben gedreht, dass sie eine gewisse Schönheit innehaben, und nicht um damit zu provozieren.

Worin besteht für Sie der Unterschied zwischen Kunst und Pornografie?
Pornografie ist vulgär, unecht und ohne jegliche Ästhetik. Aber es kommt natürlich immer darauf an, in welchem Zusammenhang Sie den Begriff diskutieren. Denken Sie nur an all die Kunstwerke oder Bücher, die zur Zeit ihrer Entstehung noch als pornografisch  verschrien wurden und heute dagegen als Meisterwerke gelten. Für mich ist Schönheit im künstlerischen Sinn, wenn in einer Szene zum Beispiel die Eleganz der Körperbewegungen zum Ausdruck kommt, oder ein schöner Mund im Close-Up zu sehen ist, ganz leicht ob dieser Mund küsst, isst oder spricht.

Wie Sie zu Beginn angedeutet haben, lebt ihr Film auch von der Darstellungskraft der Schauspielerinnen. Wie sind Sie vorab und später gemeinsam mit den Hauptdarstellerinnen an die Entwicklung der Figuren herangegangen?
In diesem Fall hat das wirklich extrem viel mit dem Casting zu tun. Ich habe beide Schauspielerinnen aus ganz bestimmten Gründen ausgewählt, und es gibt mitunter konkrete Anhaltspunkte aus ihren persönlichen Erfahrungen und Backgrounds, die sich jeweils in den Figuren widerspiegeln. Adèle Exarchopoulos stammt zum Beispiel auch privat aus bürgerlichen Verhältnissen, Léa Seydoux dagegen aus eher elitären Kreisen. Aber vor allem als ich Adele zum ersten Mal traf, hatte ich sofort den Eindruck, dass sie genau die Richtige ist für die Rolle. Ich konnte mir sehr gut vorstellen, dass sie quasi eins wird mit der Figur, die sie verkörpert, weshalb der Film letztlich auch ihren Namen trägt.

Wie würden Sie ihre Arbeitsweise mit den Darstellerinnen beschreiben?
Filmemachen, und das beinhaltet die Schauspielerei als auch das Regieführung, ist für mich ein großes Privileg, das aber auch eine große Verantwortung nach sich zieht. Es geht darum, Leben auf der Leinwand so wahr wie möglich darzustellen. Aber um das zu erreichen, müssen Sie als Schauspieler oftmals ziemlich viel investieren. Jeder, der schon einmal mit mir zusammengearbeitet hat, weiß, worum es mir dabei geht und worauf man sich einlassen muss. Aber ich zwinge niemanden dazu, etwas zu tun, das er oder sie nicht will.

Sie haben in der Vergangenheit Ihre eigenen Erfahrungen mit der Schauspielerei gemacht. Was haben Sie persönlich dabei als am schwierigsten empfunden?
Was mir am meisten zu schaffen machte, war die Enge, in der man sich bewegt. Da gibt es so viele Parameter, unheimlich viele technische Details und die große Anspannung, der man permanent ausgesetzt ist und die einen mitunter davon abhält, sich hundertprozentig in die Rolle hineinzuversetzen. Deshalb ist es mir jetzt als Regisseur auch extrem wichtig, meinen Schauspielern so viel Freiraum wie nur möglich zu schaffen.

Schauspielern sollte es grundsätzlich leichter fallen, auf den Regiestuhl zu wechseln, möchte man meinen. Wie war das bei Ihnen?
Als Schauspieler habe ich nebenbei immer schon sehr viel geschrieben und dachte eigentlich, ich würde irgendwann einmal Drehbuchautor werden. Aber im Lauf der Zeit und mit meiner eigenen Handkamera herumexperimentierend habe ich recht bald entdeckt, dass da noch eine andere Leidenschaft in mir schlummert. Ob meine Entscheidung, ins Regiefach zu wechseln, am Ende richtig oder falsch war, können andere besser beurteilen.

Sie gelten als sehr genauer Beobachter sozialer Realitäten. In ihren Filmen geht es um die Gebrochenheit von Identität, Sie erzählen von Außenseitern und von Menschen, die sich selbst suchen. Was interessiert Sie daran so?
Es gibt verschiedene Themen, die in meinem Filmen immer wieder zum Vorschein kommen, manchmal mehr, manchmal weniger deutlich. Aber was mich dabei noch immer am meisten interessiert, sind die Unterschiede in den sozialen Verhältnissen und die Möglichkeiten, diese zu überwinden beziehungsweise einander anzunähern. Das heißt, wie man vom unteren Ende der sozialen Ordnung aus agiert, welche Beziehungen man knüpft, welche Entscheidungen man trifft und wie man dadurch eventuell in eine bessere soziale Schicht aufsteigen kann.

Angesichts der mitunter harschen Kritik, die der Film nach Cannes einstecken musste, schienen Sie in den vergangenen Monaten ziemlich entmutigt. Haben Sie tatsächlich mit dem Gedanken gespielt, das Filmemachen an den Nagel zu hängen?
Mir ist das bisher im Grunde nach jedem Film so gegangen. Ich habe dann immer erst mal das Gefühl, dass ich aufhören will. Aber gleichzeitig denke ich, das ist das Kreuz, das ich zu tragen habe. Jeder neue Film ist eine Herausforderung, der ich mich letzten Endes immer wieder gern neu stelle.

Wie steht es um die Geschichte von Adèle? Wird es eventuell einen dritten Teil geben?
Dazu kann ich im Moment leider noch nichts sagen. Ausgeschlossen ist es nicht. Aber warten Sie ab, so wie ich.