La Vie d’Adèle – Warum Liebe weh tut

La Vie d’Adèle – Warum Liebe weh tut

| Pamela Jahn |

Erst die Goldene Palme, dann Kontroversen um explizite Sexszenen und allzu konservative männliche Sichtweisen auf die Liebe unter Frauen: Abdellatif Kechiches La Vie d’Adèle kommt nicht unbelastet ins Kino, entwickelt daraus jedoch seine eigene leise Wucht und unterläuft die Erwartungshaltungen.

Wie erkennt man, dass dem Herzen etwas fehlt? Mit dieser Frage, die Adèles Lehrerin zu Beginn des Films in den Raum stellt, ist eigentlich schon alles gesagt. Liebe und Leidenschaft, ob erfüllt oder unerfüllt, einfach oder dramatisch, Verlust und Einsamkeit, der Schmerz und seine Überwindung, man ahnt, worum es in Abdellatif Kechiches La Vie d’Adèle gehen wird, bevor es für uns erzählt wird. Daher vielleicht auch die losgelöste, man möchte fast sagen: unschuldige Haltung dieses Films, der von seinen Geschehnissen bei stolzen 179 Minuten Laufzeit nicht gerade überrumpelt wird. Umso überraschender scheint es, mit welcher Kraft und Leichtigkeit der Film trotz epischer Länge sein Publikum erobert und dafür gewinnt, der 15-jährigen Adèle drei emotionsgeladene Kinostunden dabei zuzuschauen, wie sie genau diese Erfahrung durchlebt: Wenn die erste große Liebe, hat man sie überhaupt erst einmal gefunden, nicht selbstverständlich von Dauer ist, und was danach kommt für das gebrochene Herz und den Menschen, der es trägt. Das ist, grob gesagt, die Seele von „Blue“ (wie der Film liebevoll in Kritikerkreisen genannt wird). Und im Rückblick wirkt Kechiches feinsinnige Charakterstudie tatsächlich wie eine gebrochene Einheit, die traurige und leichte, bewegende und heitere Momente, eben die verschiedenen Gewichte einer Erzählung in bemerkenswert schwereloser Balance hält.
Darüber hinaus lässt sich natürlich noch mehr sagen über den Film, der in diesem Jahr unter dem Juryvorsitz von Steven Spielberg die Goldene Palme gewann, allerdings seither in den Medien nicht nur positiv und weniger leidenschaftlich besprochen wurde, als das noch direkt nach der ersten Pressevorführung in Cannes der Fall war. Damals überschlug sich die internationale Kritik regelrecht vor Entzücken und Begeisterung: ein coup de foudre, sozusagen Liebe auf den ersten Blick, fast so wie bei Adèle (Adèle Exarchopoulos) und der burschikosen, blauhaarigen Kunststudentin Emma (Léa Seydoux), als sie sich eines Tages an einer Ampel im Passantengetümmel von Lille zufällig zum ersten Mal begegnen, um sich kurz darauf in eine zugleich innige und ungestüme Beziehung zu stürzen. Plötzlich jedoch hagelte es von allen Seiten Kritik, angeführt von Julie Maroh, Autorin der französischen Graphic Novel, auf der Kechiches Film lose beruht, die vor allem an den ausdauernden, intimen lesbischen Sex-Szenen Anstoß nahm, diese kurzum als Pornografie verschrie und damit eine grundsätzliche Debatte über Kechiches Film auslöste. Kurz darauf beklagte sich Léa Seydoux in einem Interview öffentlich über die harschen Bedingungen bei den Dreharbeiten, die mitunter „grausam“ gewesen sein sollen. Doch anstatt direkt ans Eingemachte zu gehen, scheint es sinnvoll, einen genaueren Blick auf das Objekt der Begierde und Kritik zu werfen, um das sich die Gemüter jetzt zum Kinostart erneut eifrig erhitzen.
La Vie d’Adèle fällt zunächst einmal deshalb auf, weil er sich nicht so leicht fassen lässt. Ein weitschweifig angelegtes Coming-of-Age-Drama, das wie der Versuch einer Biografie daherkommt: Einerseits ein Bildungsroman im klassischen Sinn über die persönliche und sexuelle Entwicklung einer jungen Frau, von der ersten unbefriedigenden Erfahrung beim Sex mit einem Schulkameraden über die schicksalhafte Begegnung mit Emma sowie ihre darauffolgende, langjährige Beziehung, bis hin zum schmerzlichen Bruch und seinen Folgen. Andererseits eine wirklichkeitsnahe Sozialstudie über das Aufwachsen und Anderssein in der französischen Provinz. Und natürlich ist La Vie d’Adèle in jeder Hinsicht auch eine große Abhandlung über die kleinen Formen, Gesten und Temperamente der Liebe in all ihrer Kraft und Unbedingtheit, ekstatischen Leidenschaft und verspielten Leichtigkeit. Aber wie gesagt, nur zum einen. Denn im Original heißt der Film nicht umsonst La Vie d’Adèle Chapitres 1 & 2, und deshalb geht es irgendwann eben auch um den Hohlraum, der entsteht, wenn die Liebenden sich zunehmend voneinander entfernen, um die Erfahrung des Mangels, des Nicht-Verstehens, und um jene Leere, wie sie nur von der Liebe in all ihrer vernichtenden Radikalität hervorgebracht wird. Am Ende des Films ist Adèle selbst eine junge Lehrerin, die anscheinend gestärkt aus den Erfahrungen hervorgeht, die sie in der gemeinsamen Zeit mit Emma gesammelt hat.  
Wie bereits in seinen früheren Filmen beobachtet Kechiche kompromisslos, mit großer Gelassenheit und schier unendlicher Geduld, wie zunächst das Erwachen und irgendwann auch der Tod der Liebe erst schleichend und schließlich eruptiv Einzug halten in Adèles Welt. Spannung und Drama entfalten sich in langen Einstellungen mit flüssigen Konversationen; Kechiches naturalistischer Umgang mit dem Licht, reduzierte Ausdrucksformen und eine Geschichte, die konsequent eher aus beiläufig erzählten, alltäglichen Situationen besteht, verlangen dem Betrachter hellwache Aufmerksamkeit ab. Und auch die Hauptdarstellerinnen tragen diese Tour de Force verblüffend engagiert und sicher. Wo andere dazu verleitet wären, sich den immer gleichen Gesten der Zuneigung hinzugeben oder sich in der einmal vorgegebenen Emphase einzurichten, bleiben Exarchopoulos und Seydoux erstaunlich wandlungsfähig. Sie sind zur Ruhe imstande, zum Innehalten, aber auch zu heftigen, impulsiven Blick- und Wortwechseln. So besitzt ihre Liebesgeschichte nicht nur eine verstörende Energie durch die leise Unbedingtheit, mit der sie erzählt wird, sondern auch eine schier überwältigende Zärtlichkeit für ihre beiden Hauptfiguren, denen der Sinn naturgemäß zuweilen nach anderen, direkteren Gefühlen steht.
Kein Zweifel: Hier geht es um die größten, die tiefsten, die erns-testen Gefühle im Augenblick intimster Wahrheit. Das hört sich gefährlich an, so, als hätte Kechiche alles daran gesetzt, Maßlosigkeit in seinen Film zu bringen. Hat er gewissermaßen auch, und wenn man ihm etwas vorhalten möchte, dann dies: dass er mitunter zu dick aufträgt, zu stur und entschlossen nach dem Sinnlichen sucht. Jedoch zwingt der Regisseur die Emotionen dem Zuschauer nicht auf, er lässt sie ganz bei den Figuren und betrachtet sie mit einer Diskretion, die vielleicht gerade deshalb noch radikaler ans Mark geht. Die schönsten, die nachhaltigsten Momente spielen sich ohnehin eher am Rande dessen ab, was man gewöhnlich die Geschichte nennen würde. Und wenn Adèle zum Schluss wieder allein durch die Straßen von Lille läuft, ist es zwar auch eine Ernüchterung, aber noch lange nicht das Ende, sondern ein neuer Anfang. Zwischen aller Lebenswucht und Liebesmüh liegt die überraschendste Stärke des Films darin, dass er einem auch nach drei bewegenden Kinostunden unbeirrt das Gefühl vermittelt: Ja, so könnte es weitergehen.