Patrick Brammall als Ian Ridley in „Last Seen“
Patrick Brammall als Ian Ridley in „Last Seen“

Serie | Apple TV+

Last Seen

| Pamela Jahn |
Australisches Vermisstendrama unter der Regie von Christian Schwochow

Einen Schlussstrich ziehen, mit dem Leben weitermachen, nach elf Jahren ist auch Ian Ridley (Patrick Brammall) bereit, endlich loszulassen. Sämtliche Spuren, die zur Klärung des mysteriösen Verschwindens seiner Tochter Margaret (Chloe Jean Lourdes) hätten beitragen können, führten bisher ins Leere. Nun wurde im nahegelegenen Wald eine Leiche gefunden. Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass es sich diesmal um Maggies Überreste handeln könnte. Erst setzt Ian, der vor dem Unglück als Ermittler bei der Kripo tätig war, noch einmal zur Jagd an, geht den Hinweisen nach und seinem Schmerz. Doch schließlich zieht auch er die Reißleine. Gemeinsam mit seiner Ex-Frau Debs (Jessica Wren) will er ein Begräbnis organisieren; im Ort ist eine Gedenkveranstaltung geplant. 

Parallel dazu nimmt die örtliche Polizei die Ermittlungen in dem neuen alten Kriminalfall auf. Sechs Episoden hat Kris Mrksa darauf angelegt, das Rätsel zu lösen. Die Vorlage lieferte der Roman „The Dispatcher” von Ryan David Jahn. Spannend wird es, als Ian, der mittlerweile in der Notrufannahme arbeitet, eines Nachts ein Mädchen am anderen Ende der Leitung hat, die nach der Trauerfeier für Maggie verwirrt scheint, wer sie selbst ist. Erinnerungen kommen hoch, im Drehbuch werden erste Fährten gelegt und Verbindungen geknüpft. Bald ist klar, worauf die Handlung hinausläuft. Aber Christian Schwochow ist nach seinen Regiearbeiten für Bad Banks und The Crown ausreichend serienerfahren, um Emotionen und Thrill effektiv auszutarieren. Nicht wie Maggie entführt wurde, interessiert hier, sondern warum. 

Patrick Brammall erweist sich in der Aufklärung der Umstände als empathischer, von Wut und Schuldgefühlen getriebener Vater. Man denkt gelegentlich an Kate Winslets zynische, gebrochene Polizistin Mare Sheehan, die in Mare of Easttown (2021) dem brutalen Mord an einem jungen Mädchen nachgeht und dabei ein ganzes Gesellschaftspanorama des heutigen Kleinstadt-Amerikas aufreißt. Last Seen spielt zwar im australischen Victoria und im Vergleich zu der verarmten Gegend um Philadelphia vor idyllischer Kulisse mit grünen Wäldern, Sandstrand und Sonnenschein. Aber auch in dem beschaulichen Küstenort ist die Dynamik zwischen den Einwohnern angespannt, gibt es Klassenunterschiede, Alkoholprobleme, Gläubige und Verzweifelte, und es herrscht Misstrauen unter den Mitmenschen. Ian will die Wahrheit rausfinden, das ist er sich selbst und seiner Tochter schuldig. Dafür ermittelt er auf eigene Faust und Mithilfe von Detective Izzy Pena (Zahra Newman), die in den wenigen Szenen, die ihr zur Verfügung stehen, eine bemerkenswerte Wirkung erzielt.