Le Passé – Schau nicht zurück

Le Passé - Schau nicht zurück

| Christina Tilmann |

In „Le Passé – Das Vergangene“ erzählt Asghar Farhadi, stiller Star des internationalen Festivalkinos, vom Ende einer Ehe.

Ein Leben in Durchgangsräumen: Das kleine Haus am Ende der Straße, in einem Vorort von Paris, ist nur scheinbar ein Hafen, mit verwildertem Garten, Sandkasten und Wäschespinne. Hinter der Gartenmauer verlaufen die Gleise der Vorortzüge, vor dem Haus die Straße, unweit eine Brücke über die Gleise – hier kommt man nicht an, nicht im Leben und nicht in der Liebe. Alles ist in Bewegung, im Umbau, ständig: „War es nicht früher schöner hier?“, fragt Ahmad entgeistert, als er nach vier Jahren Abwesenheit wieder im Flur steht. Farbeimer, Planen, ein Neugestaltungsprojekt, in der Mitte steckengeblieben. „Wo sind denn meine Sachen?“ – „In einer Kiste in der Garage.“

Es sind Leben im Transitbereich, die Asghar Farhadi schildert. Leben im Transitbereich zwischen Ländern – nicht umsonst spielt die erste Szene von Le Passé am Flughafen – und im Transitbereich zwischen Beziehungen: Der eine Mann ist der Ex, angereist zur Scheidung. Der andere der Neue, noch nicht ganz angekommen im gemeinsamen Leben. Dann gibt es noch einen früheren Ex, irgendwo in Brüssel. Und dazwischen jede Menge Kinder, hin- und hergeschleift zwischen temporären Behausungen, mal diese Wohnung, mal eine andere, mal das Zimmer und mal das nächste, und heute Nacht schläfst du bitte woanders. Ein Vater, das meint hier längst nicht mehr die biologische Funktion, sondern den, der gerade da ist, sich kümmert, zuhört – und abends am Herd das Essen kocht.

Der iranische Regisseur, der mit seinen komplexen, strengen Filmen in den letzten Jahren zu einem stillen Star des internationalen Festivalkinos geworden ist, ist Spezialist für solche transitorischen Räume – Behausungen, die gedacht waren für Sicherheit und Schutz beständiger Beziehungen, die dort in kürzester Zeit ihre Brüchigkeit erweisen. Sei es die düstere Teheraner Wohnung in Nader und Simin – Eine Trennung (2011), die zum Schauplatz einer Ehe wird, die an unterschiedlichen Lebensvorstellungen – Teheran verlassen oder bleiben? Den Vater versorgen oder ins Heim geben? – zerbricht. Oder das geräumige Ferienhaus am Strand in Alles über Elly (2009), das zur Bühne eines Krimis zwischen traditionellen und fortschrittlichen Geschlechtervorstellungen wird.

Auch in Le Passé, dem ersten in Paris und nicht im Iran gedrehten Film, bleibt Farhadi sich treu, zeichnet Szenen menschlicher Entfremdung im Weichbild unwirtlicher Vorstädte. Erneut geht es um das Scheitern von zwischenmenschlichen Beziehungen, um eine Ehe, die am Ende ist, und eine andere, die gar nicht erst beginnen wird. Es geht um unterschiedliche Lebensvorstellungen, um Freiheit, Sehnsucht, Heimatlosigkeit. Und es geht, wie schon in Nader und Simin, um Kinder, die im Zentrum dieses Rosenkriegs stehen, Kinder wie Strandgut, angespült in unwirtlichen Häusern, hin- und hergezerrt zwischen Beziehungen, überforderte kleine Verantwortungsträger, schuldlose Auslöser unausweichlicher Entwicklungen – herausragend hier die 16-jährige Pauline Burlet als älteste Tochter Lucie. Farhadi überlässt nichts dem Zufall, lässt nichts im Ungefähren: Mit der Erbarmungslosigkeit eines antiken Dramatikers baut er ein Drehbuch der moralischen Verstrickungen, in denen das Wort „Schuld“ zum Movens allen Unglücks wird.
Es ist geradezu eine Fortsetzung seines Vorgängererfolgs von 2011, der Asghar Farhadi den Goldenen Bären auf der Berlinale und den Oscar für den besten fremdsprachigen Film einbrachte – auch Le Passé ist als iranischer Beitrag 2014 nominiert. Marie und Ahmad könnten genauso gut Nader und Simin heißen. Vor vier Jahren waren sie ein Paar, nun reist er von Teheran nach Paris, um die Scheidung zu vollziehen. Und schon die erste Szene am Flughafen zeigt, dass hier längst nicht alles geschieden ist: Sie erwartet ihn am Gate, während er sich noch um die Koffer kümmert. Ein Leuchten im Gesicht, der prüfende Griff ins Haar, das verstohlene Winken, schnell noch die Bandage von der Hand gezerrt und in der Tasche verstaut: Erwartung, Erregung, Vorfreude, alles in einem Blick. Aber schon auf der Fahrt vom Flughafen in die Stadt bröselt die Vertrautheit. Vorwürfe und Missverständnisse reißen die beiden erneut in die quälende Endlosschleife einer unglücklichen, aber offenbar emotional noch nicht aufgelösten Beziehung. „Wer sich nach vier Jahren immer noch so streitet, hat noch Dinge offen“, wird ein Freund über die beiden sagen.

Die französische Schauspielerin Bérénice Bejo, die durch The Artist bekannt wurde und in Cannes 2012 als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde, ist als Marie eine perfekte Farhadi-Frauenfigur: sprunghaft, emotional unberechenbar, egoistisch in ihrem Wunsch nach Liebe und Glück, aber allzumenschlich in ihrem Versuch, den Zentrifugalkräften ihres Lebens Einhalt zu gebieten. Sie treibt die Geschichte voran, wenn alle anderen damit beschäftigt sind, permanent zurückzublicken. Verglichen mit ihr erscheint Ahmad (Ali Mosaffa) als bedachter Macher, der viel mehr reparieren soll als nur eine kaputte Spüle in der Küche und damit schnell an seine Grenzen kommt. Und Samir (Tahar Rahim), Maries neuer Lover, schließt sich diesem unerwarteten Konkurrenten mit einer Verlorenheit an, die zu Herzen geht.

Es ist eine sehr moderne Form der Einsamkeit und Unbehaustheit, die alle Filme von Farhadi prägt, ein Gefühl der Entwurzelung. Es ist viel von Depression die Rede in diesem Film, von einem spezifischen, sprachlosen Leiden am Leben in der Fremde. Doch Asghar Farhadi ist nicht Jafar Panahi oder Rafi Pitts, die Zensur und Meinungsfreiheit, Politik und Unterdrückung im Iran in ihren Filmen viel direkter thematisieren. Was Farhadis Beziehungsdramen auf dem Schlachtfeld der Geschlechter ausfechten, sind grundsätzliche Fragen von versuchter Nähe und unmöglicher Verständigung, von Freiheitsdrang und Abhängigkeit, Fürsorge und Egoismus. Moralische Fragen, die das menschliche Miteinander betreffen und sich daher ohne Temperaturverlust von Teheran nach Paris übertragen lassen.