Brian Helgelands „Legend“ durchleuchtet den Mythos der berühmt berüchtigten Kray-Zwillinge.
In den sechziger Jahren gelang zwei Brüdern in London ein atemberaubender Aufstieg, der sie von lokalen Berühmtheiten geradewegs zu Figuren machen sollte, die bis heute als urbane Legenden gelten, inklusive einem Fixplatz als feste Größen der Populärkultur. Eine Position, die umso bemerkenswerter ist, als sich die Karriere der Gebrüder Kray darauf begründete, dass sie sich an die Spitze des organisierten Verbrechens in der britischen Metropole emporgearbeitet hatten.
Ronald und Reginald Kray wurden am 24. Oktober 1933 geboren und wuchsen im damals eher berüchtigten Londoner East End auf. Die Atmosphäre des Arbeiterviertels mit der notorisch hohen Kriminalitätsrate sollte auf die Gebrüder Kray einen prägenden Einfluss haben. Von klein auf hatten die eineiigen Zwillinge Ronnie und Reggie ein besonders enges Verhältnis, eine Bindung, die sich trotz aller Ambivalenzen durch ihr ganzes Leben ziehen sollte. Zu Beginn der sechziger Jahre hatten die Krays es dank einer Mischung aus Härte, Verwegenheit und Cleverness geschafft, neben ihren gewöhnlichen kriminellen Aktivitäten, wie etwa Schutzgelderpressung, in höhere Sphären aufzusteigen. Als Besitzer einiger angesagter Clubs dehnten sie ihren Einfluss auch auf das mondäne West End aus und wurden zu Szenegrößen des Londoner Nachtlebens. Im Zeitgeist von „Swinging London“ entwickelten sich die Brüder Kray ungeachtet ihres Rufs als berüchtigte Unterweltgrößen zu Celebrities. Politiker, Aristokraten und Größen des Showbusiness empfanden es als schick, sich in ihrem Umfeld zu tummeln. Wie Ronnie Kray es in seiner 1993 veröffentlichten Autobiografie „My Story“ formulierte: „They were the best years of our lives. They called them the swinging Sixties. The Beatles and the Rolling Stones were the rulers of pop music, Carnaby Street ruled the fashion world … and me and my brother ruled London. We were fucking untouchable.“
Zwischen Mythos und Wahrheit
Im Verlauf der Jahrzehnte haben sich um die Biografien der Kray-Zwillinge neben den Fakten so viele – die naturgemäß sehr subjektiven Darstellungen der Brüder in ihren Interviews und Autobiografien haben da eine nicht unwesentliche Rolle gespielt – Geschichten, Mythen, Anekdoten und populärkulturelle Versatzstücke gebildet, dass sich eine halbwegs objektivierbare Annäherung als zusehends schwierig erweist.
Brian Helgeland hat sich nun mit Legend an eine fiktionale, filmische Aufarbeitung der Kray-Saga gemacht – erstaunlicherweise nach Peter Medaks reichlich durchwachsenem The Krays (1990) erst der zweite Anlauf, sich dieses Sujets anzunehmen. Angesichts der erwähnten Mythenbildung hat sich Helgeland für ein ebenso mutiges wie ungewöhnliches dramaturgisches Konzept entschieden. Denn Legend – der Titel ist dabei durchaus programmatisch zu verstehen – macht gar nicht erst den Versuch, sich der Geschichte entlang den Parametern eines Biopics konventionellen Zuschnitts zu stellen. Zwar basiert das Drehbuch auf John Pearsons „The Profession of Violence: The Rise and Fall of the Kray Twins“ (1972), für die der renommierte Autor – der unter anderem eine viel beachtete Biografie von Ian Fleming verfasst hatte – 1968 recht enge Kontakte mit den Brüdern aufbauen konnte, doch Legend spielt ganz bewusst mit dem Verschwimmen der Grenzen zwischen Mythos und Wahrheit. Dabei spielt Brian Helgelands Inszenierung kongenial mit höchst unterschiedlichen Elementen und Versatzstücken, die von klassischen literarischen Vorlagen bis zum Genre des Gangsterfilms reichen.
Das beginnt bereits mit dem narrativen Modus, den man zunächst eher im Roman des 19. Jahrhunderts als im gegenwärtigen Kino verorten würde. Erzählt wird die Geschichte der Brüder Kray in Legend nämlich aus der Perspektive von Reggies Frau Frances (Emily Browning), die dabei jedoch nicht nur als Protagonistin ein Teil des Geschehens ist – samt den damit einhergehenden Limitierungen die Erzählperspektive betreffend – sondern über weite Strecken als eine Art von auktorialer Erzählerin fungiert, die auch mittels ausgedehnter Voice-over-Kommentare den Plot aufbereitet (dieser Erzählsituation haftet noch eine ganz eigene Besonderheit an, die jedoch nicht vorweggenommen werden soll).
Zu Beginn der sechziger Jahre nimmt Legend also seinen Anfang. Ronnie Kray verbüßt gerade eine Haftstrafe, da er jedoch – vorsichtig formuliert – als psychisch instabil gilt, steht eine Entlassung in weiter Ferne. Doch für dieses Problem findet Reggie eine einfache Lösung: Ein Mitglied der Kray-Gang sucht den Psychiater auf, der Ronnie von Amts wegen untersucht hat, und macht jenes bekannte Angebot, das man nicht ablehnen kann – das Gutachten fällt so positiv aus, dass Ronnie Kray umgehend wieder ein freier Mann ist. Doch der Arzt warnt Reggie eindringlich: Sein Bruder sei ein gefährlicher Psychopath mit paranoid-schizophrene Zügen: Selbst bei regelmäßiger Einnahme entsprechender Psychopharmaka sei er kaum unter Kontrolle zu halten. Von solchen Kleinigkeiten lassen sich die Brüder jedoch nicht aufhalten, sie übernehmen die Leitung eines fashionablen Nachtclubs und gehen daran, ihr kriminelles Reich sukzessive aufzubauen.
Brian Helgeland, der sich bislang als Regisseur gediegener Genrearbeiten (Payback) oder Biopics (42), vor allem aber als Autor so hervorragender Drehbücher zu Filmen wie L.A.Confidential, Mystic River oder Green Zone einen Namen machen konnte, präsentiert die Protagonisten von Legend nicht als nuancierte, ausgefeilte Charaktere, die in einem sorgsam rekonstruierten soziokulturellen Umfeld agieren. In Helgelands Inszenierung sind Ronnie und Reggie viel eher Figuren, die mit ihren klar – manchmal sogar bewusst grob – geschnittenen Zügen wie archetypische Figuren eines großen Bühnendramas agieren. Reggie erscheint dabei als Pragmatiker der Macht, der im Spannungsfeld zwischen der Ausübung seines (kriminellen) Einflusses und dem Versuch gegenüber seiner Frau, Respektabilität konventionellen Zuschnitts zu leben, zusehends zerrissen wird. Ronnie wiederum, der neben der rücksichtslosen Grausamkeit, mit der er seine Ziele verfolgt, ebenso souverän Analogien zur römischen oder griechischen Mythologie herzustellen vermag, wirkt wie eine jener faszinierend-abstoßenden Schurkengestalten bei Shakespeare – der Typus, der sich als „competent, but evil“ charakterisieren lässt.
Helgeland setzt sein Regiekonzept der Überhöhung sowohl auf der dramaturgischen als auch auf der visuell-formalen Ebene konsequent und durchdacht durch. Seine Inszenierung versteht es auf der Bildebene mit einer Mischung aus Opulenz und Detailgenauigkeit Lokalkolorit und Geist der „Swinging Sixties“ zu treffen. Wie bei diesem Umfeld geht es dem Regisseur auch bei der Lebens- und Kriminalgeschichte der Krays weniger um eine zeitgeschichtlich exakte Rekonstruktion, sondern vielmehr um jenes durch popkulturelle Medien geprägte Bild. Aus diesem Fundus bedient sich Brian Helgeland dann auch reichlich. So werden etwa populäre Songs nicht nur als Hintergrund sondern oft gezielt leitmotivisch eingesetzt, ein Stilmittel, das Martin Scorsese kongenial bei GoodFellas und Casino zu etablieren verstanden hat. Die Anlehnung an meisterhafte Arbeiten des Genres ist keineswegs zufällig, denn Legend spielt geschickt mit charakteristischen Elementen großer Gangsterfilme, um die dabei im kollektiven Gedächtnis verankerte Vorstellung des organisierten Verbrechers – neben Scorsese sollen in diesem Konnex nur Francis Coppola und Sergio Leone erwähnt werden – als Basis zu nehmen.
Legend schwelgt im Kanon des Gangsterfilms der letzten Jahrzehnte, um den Mythos, der die Krays umgibt, opulent in Szene zu setzten, diesen Mythos und seine popkulturelle Perspektive aber auch gekonnt zu hinterfragen. Dabei verzichtet Helgelands Inszenierung weitgehend auf Psychologisierung oder Moralisieren, setzt den Aufstieg von Ronnie und Reggie mit jener Verve in Szene, mit der auch Scorsese in GoodFellas und Casino geradezu Lust auf eine Karriere als Gangster zu machen verstand. Bei einer ihrer ersten Verabredungen fragt etwa Frances Reggie unverblümt: „You like being a gangster?“ Dass dabei Gewalt – die Krays hatten hart daran gearbeitet, sich ihren berüchtigten Ruf in diese Richtung mehr als zu verdienen – ein wesentlicher Faktor bei diesem Aufstieg war, wird deutlich. Die Gewalt in Legend wird streckenweise mittels Stilisierung und Überhöhung präsentiert – was der archaischen Wucht, mit der die Krays agieren, keinen Abbruch tut –, ohne jedoch zum Selbstzweck zu mutieren.
Familienbande
Entlang all dieser Überhöhungen und Querverweise integriert Helgeland jedoch markante Eckpfeiler aus der Biografie der Brüder Kray, die ebenso charakteristisch wie entscheidend für ihr Schicksal sein sollten. Da wäre zunächst die besonders enge Verbindung, die – ungeachtet aller charakterlichen Unterschiede – Reggie und Ronnie zusammenschweißt – for better or worse, wie das im Englischen so treffend heißt. Eine Verbindung, der jedoch auch eine merkwürdige Ambivalenz, die Selbstzerstörungskraft entwickelt, anhaftet. Eine Prügelei zwischen Ronnie und Reggie, zunächst eher grotesk-komisch in Szene gesetzt, die jedoch zunehmend ungeahnte Härte entwickelt, wird dabei zu einer Schlüsselszene in Legend, um das Verhältnis zwischen den Brüdern unter die Lupe zu nehmen. Ein Verhältnis, das nicht zuletzt auch durch die besondere Nähe der Zwillinge zu ihrer Mutter entscheidend geprägt ist.
Diese enge Verbindung trägt im Stil eines großen Dramas jedoch auch den Keim des Untergangs in sich. Denn ganz gleich wie geschickt und professionell Reggie bei Aufbau und Organisation des Imperiums der Krays auch vorgeht, das psychopathische Verhalten seines Bruders erweist sich immer wieder als unkontrollierbarer Störfaktor. Obwohl Reggie natürlich die Gefahr sieht, vermag er doch nie die Bande mit Ronnie zu lösen. Als das organisierte Verbrechen aus den Vereinigten Staaten Geschäftsverbindungen mit Reggie aufnehmen möchte, was seine Macht immens erhöhen würde, macht ihm der Abgesandte – gespielt von Chazz Palminteri, einem der großen Darsteller des US-amerikanischen Gangsterfilms, als eine deutliche Hommage an dieses Genre – des berüchtigten Meyer Lansky klar, dass Ronnie ein Problem darstelle, das Reggie zu lösen habe – wobei ziemlich klar ist, was Lansky & Co unter „Problembeseitigung“ versteht. Das jedoch ist für Reggie inakzeptabel. „I can’t do that. He is my brother“, erwidert er nur lapidar, wissend, dass damit jede Menge Probleme auf ihn zukommen.
Anhand des pathologischen Charakters von Ronnie Kray mit all seinen schillernden Facetten wird die Gratwanderung der Inszenierung zwischen biografischem Material, genreimmanenter Härte und bühnenreifer Überhöhung bis hin zur Farce besonders deutlich. Jemand, der verblüffend offen zu seiner Homosexualität – im Großbritannien der sechziger Jahre ohnehin ein gewagtes Bekenntnis – steht, dessen Handlanger in kriminellen Angelegenheiten auch seine Gefährten in amourösen Dingen sind, bildet einen starken Kontrast zum erdigen Machismo in Londons Unterwelt dieser Jahre. Wenn Ronnie Kray während einer gefängnisbedingten Abwesenheit seines Bruders durch sorgsam orchestrierte Eskapaden die Besucher ihres noblen Nachtclubs vertreibt, hat er mehr von einem Narren im Stil Shakespeares an sich als das Gehabe eines Gangsters. Da passen auch kuriose Verhaltensweisen ins Bild. Als Reggie seinen Bruder zur Rede stellen will, weil der in seiner Impulsivität das Mitglied einer rivalisierenden Gang mitten in einem Pub vor vielen Zeugen niedergeschossen hat, findet er Ronnie in der Wohnung ihrer Mutter, wo dieser glücklich und entspannt Mamas Kuchen verspeist, als wäre überhaupt nichts passiert. Doch obwohl Ronnies psychische Instabilität zunehmend zum Risikofaktor wird, sorgt seine brutale, rücksichtslose Härte auch für den berüchtigten Ruf der Krays. Oder wie Sam Rothstein in Martin Scorseses Casino seinen Kumpel Nicky Santoro charakterisierte: „The word got around that finally there was a real gangster in town.“
Brian Helgeland setzt Legend als fulminante Mischung zwischen Biopic, Genrearbeit, Metafilm als Reflexion über das Genre und dessen Kanon und Anleihe an großes Drama kongenial in Szene. Dass mit diesem auf den ersten Blick ebenso gewagten wie aberwitzigen Mix ein vielschichtiges Bild über Mythenbildung modernen Zuschnitts gelingt, das weit über die ohnehin spannende Geschichte der Krays hinausgeht, ist neben Helgelands Skript und seiner Umsetzung vor allem Tom Hardy geschuldet. Hardy, der bereits mehrfach seine Vielseitigkeit zwischen Arthouse (Bronson, Locke) und Blockbuster (The Dark Knight Rises, Mad Max: Fury Road) nachhaltig unter Beweis stellen konnte, liefert nun mit der Doppelrolle von Reggie und Ronnie Kray eine schauspielerische Tour de Force der Sonderklasse ab. Mit unglaublicher Intensität schafft es Hardy, Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Charakter der Zwillinge deutlich zu machen und so ihre ambivalente Beziehung klarzulegen. Dabei vermittelt er die archaische Energie des exaltierten Ronnie ebenso gekonnt wie die zunehmende Zerrissenheit Reggies, der beinahe wie ein tragischer Held seinem Untergang entgegenzusehen scheint. Unterstützt wird Tom Hardy von der fabelhaft agierenden Emily Browning – angesichts dieser Leistung im bisherigen Verlauf ihrer Karriere sträflich unterfordert – , die in ihrer Darstellung mühelos zwischen bodenständigem East-End-Girl und ätherischer Erscheinung balanciert.
Frances bildet jenen scharfen Kontrast zum brutalen Geschäft ihres Mannes, der ihm so immer deutlicher vor Augen geführt wird und ihn in einen unlösbaren Konflikt stürzt. Es ist nur eine der vielen Facetten, die zum legendenumwobenen Ruf der Brüder beigetragen hat. Frances hat es zu Beginn mit einem ihrer Off-Kommentare auf den Punkt gebracht. „Everyone had a story about the Krays.“ Legend gehört zweifelsfrei zu den besten.
