Lido Blog 4

| Thomas Abeltshauser |

Auch am Lido ist der Herbst angekommen. In der Nacht auf Montag brach ein Unwetter los, das die Insel in wenigen Minuten unter Wasser setzte. Seither ist es nun merklich kühler und ein recht unberechenbar auftretender Nieselregen sorgt für zahlreiche Verlegungen von Parties, Interviews und Geschäftsessen. Ein neuer Lieblingsort der internationalen Presseagenturen für ihre Interviews mit Filmemachern und Stars ist in diesem Jahr ein Tennisclub, der ein paar Plätze für Kamerateams und aufblasbare Sessel freigeräumt hat.

Den bislang schwer erträglichsten Film des Festivals hat man nun auch hinter sich. Shinya Tsukamotos Fires on the Plain / Nobi ist die Neuverfilmung des Romans von Shohei Ooka, den Kon Ichikawa bereits 1954 als Skandalfilm adaptierte. Tsukamoto macht aus der Geschichte eines japanischen Soldaten im philippinischen Dschungel gegen Ende des Zweiten Weltkriegs ein blutrünstiges Inferno, dessen Splatterelemente in ihrer Drastik pornografisch wirken. Nach dem desaströsen Einsatz ist jeder auf sich gestellt und kämpft ums schiere Überleben. Tsukamoto dreht das digital mit teils bizarren Bildern und einem nervenzerrenden Soundtrack. Eine physische Tortur, auch für den Zuschauer. Kaum ein Filmemacher lässt sich so wenig Kontrolle aus der Hand nehmen wie Tsukamoto, der (wie bei seinen dreizehn Filmen vorher, darunter Tokyo Fist) nicht nur inszeniert, sondern auch produziert, Kamera geführt, geschnitten sowie Beleuchtung und Produktionsdesign verantwortet hat, und hier auch erneut die Hauptrolle spielt.

Einen nicht minder eigenen, aber sehr viel leichteren Ton schlägt der berüchtigte Schwede Roy Andersson mit seiner metaphorischen, melancholischen Komödie A Pigeon Sat on A Branch Reflecting On Existence an. Darin schickt er zwei ältere Handelsreisende wie Don Quichote und Sancho Panza durch die Lande, um Scherzartikel unter die Leute und diese damit zum Lachen zu bringen. Nur kauft nie jemand was und so lacht nur der Lachsack, unter Druck. Der Abschluss von Anderssons „Living“-Trilogie – nach Songs from the Second Floor (2000) und You, the Living (2007) – atmet wieder einen absurd-komischen Humor, der sich in 39 kleinen, gemäldeartigen Tableaus entfaltet. Zum ersten Mal gab es bei einer Vorführung sogar Szenenapplaus.

Noch existenzialistischer geriert sich der neue Film des französischen Regieduos Gustave Kervern und Benoit Delépine, die in ihrer No-Budget-Produktion Near Death Experience niemand Geringeren als den Literaturstar Michel Houellebecq als suizidalen Callcenter-Mitarbeiter zum Sterben in die Berge schicken. Dort philosophiert dieser über Leben und Tod und jedes Mal, wenn er kurz davor ist, dem Leben ein Ende zu setzen, kommt ihm etwas oder jemand dazwischen. Gespickt mit dem typisch schwarzen Humor von Kervern und Delépine und irgendwie sogar mit einer Art Happy End.