Zum 58. Mal: das renommierte DOK Leipzig-Festival
316 Filme in sieben Festivaltagen, 19 Preise, 75.000 Euro Preisgeld: Bei DOK Leipzig lässt man es so richtig krachen. Dabei gibt sich das altehrwürdige Festival, das sich schon zu DDR-Zeiten einen besonderen Ruf als Ort der Begegnung zwischen Ost und West erworben hatte, betont entspannt. Die gegenwärtig verheerende politische Lage in Europa drückte – zumindest nach außen hin – nicht auf die Stimmung, auch wenn ausgerechnet parallel zur Eröffnung des Festivals eine weitere Demonstration der menschenfeindlichen „Legida“ den schönen Slogan konterkarierte, der per Transparent an der geschichtsträchtigen Nikolaikirche angebracht ist: „Willkommen in Leipzig – eine weltoffene Stadt der Vielfalt“.
Gewohnt weltoffen und vielfältig präsentierte sich jedenfalls das Filmfestival, das in den letzten Jahren immer stärker und diesmal auch ganz offiziell den Animationsfilm als gleichwertigen Programmbestandteil neben dem Dokumentarfilm akzeptiert hat. Vor allem unter den Kurzfilmen, die oft vor den langen Dokumentarfilmen gezeigt werden, finden sich viele Animationsfilme, die ein breites künstlerisches Spektrum offenbaren. Ganz glücklich ist man als Besucher mit dieser Praxis allerdings nicht, finden doch die Gespräche mit den Filmemachern gleich im Anschluss an den Kurzfilm statt. Das führt zu teils erheblichen Verzögerungen und Unterbrechungen. Frage-und-Antwort-Sessions am Ende des jeweiligen Programms wären sicher zielführender.
Der Hauptpreis des Festivals, die mit 10.000 Euro dotierte Goldene Taube im Wettbewerb für lange Dokumentar- und Animationsfilme, ging an den in Leipzig schon öfter ausgezeichneten polnischen Filmemacher Wojciech Staroń. Brothers (Bracia) ist ein bewegender Film über ein altes polnisches Brüderpaar, der Regisseur erhielt dafür außerdem den Preis der Ökumenischen Jury. Die Goldene Taube im Deutschen Wettbewerb langer Dokumentar- und Animationsfilm ging an Tom Lemke für seinen Film Land am Wasser. Im Kurzfilm-Wettbewerb wurde die russische Filmemacherin Anastasia Novikova (The Conversation) mit der Goldenen Taube für den besten Dokumentarfilm und der Schweizer Georges Schwizgebel mit jener für den besten Animationsfilm (Erlkönig) ausgezeichnet. Beide Preise sind mit jeweils 5.000 Euro dotiert. Die FIPRESCI-Kritikerjury verlieh ihren Preis an Crystal Moselles The Wolfpack (USA 2015), der ja auch bei der Viennale zu sehen war. Die österreichischen Beiträge, u.a. Jakob Brossmanns Lampedusa im Winter, Günter Schwaigers Since the World Was World und Constantin Wulffs Wie die anderen, gingen diesmal leer aus.
Visuelles Flanieren
Am besten hat man es in Leipzig (und ja auch bei anderen Festivals), wenn man sich – frei von strengen redaktionellen oder sonstigen Verpflichtungen – kreuz und quer durch das reichhaltige Programm treiben lassen kann. Neben den Wettbewerben luden eine Retrospektive („Grenzen ziehen. Europa seit 1990“), zwei Hommagen (an John Smith und an den Animationskünstler Witold Giersz) und zahlreiche weitere Reihen zum visuellen Flanieren ein. Als besonders interessant erwies sich dabei ein Länderfokus auf die Republik (Süd-)Korea, aus der man zwar seit Jahren viele Spielfilme, aber kaum Dokumentarfilme zu sehen bekommt. Nicht, dass die in Leipzig gezeigten koreanischen Dokus formal so aufregend waren, aber thematisch hatten sie doch einiges zu bieten. Besonders Factory Complex (2105) von Im Heung-soon erwies sich als überaus kämpferische und aufschlussreiche Dokumentation über die Geschichte des ehemaligen Billig-Produktionslandes Korea, in dem vor allem Frauen in Textilfabriken und Schneidereien, aber auch beim Elektronikriesen Samsung gnadenlos ausgebeutet wurden. Heute verlegen aber auch koreanische Firmen die Produktion in Länder wie Kambodscha, wo junge Frauen für einen Schandlohn von 90 Dollar pro Monat Kleidungsstücke, Sportschuhe und andere Konsumgüter herstellen. Regisseur Im zieht darüber hinaus eine Parallele von der historischen Ausbeutung zu aktuellen Missständen, mit denen Flugbegleiterinnen (die sich über die zu kurzen Röcke beschweren, die sie tragen müssen, oder über die Tatsache, dass sie im Gespräch mit dem Fluggast in die Hocke gehen müssen, was ebenso demütigend wie anstrengend ist) oder Frauen in Call Centers, die praktisch keine Pause zwischen den Anrufen haben, konfrontiert sind.
Mit einer anderen Art von Stress beschäftigt sich Reach for the SKY (2014) vom belgisch-koreanischen Regie-Duo Steven Dhoedt und Choi Woo-young. Die beiden schildern auf spannende und durchaus humorvolle Art den kollektiven Wahnsinn, der das Land erfasst, wenn im Herbst jeden Jahres die Aufnahmeprüfungen an die Universitäten des Landes stattfinden. Alle 660.000 (!) Kandidatinnen und Kandidaten wollen an eine der drei Elite-Universitäten (abgekürzt S-K-Y), aber weniger als 0,01% von ihnen werden auch tatsächlich aufgenommen. Den anderen bleibt es vorbehalten, entweder eine „mindere“ Universität zu besuchen oder es im nächsten Jahr noch einmal zu probieren. Rund um diesen D-Day hat sich eine gewaltiger Wust aus überteuerten Nachhilfeschulen, Star-Englischlehrern, selbsternannten Ratgebern, Quacksalber-Psychologie, gedrucktem Material, Wahr- und Weissagungen und religiösem Aberglauben gebildet, der wahrlich beeindruckend ist.
Sehenswert war auch Jin Mo-youngs My Love, Don’t Cross That River, ein Dokumentarfilm, der in der Republik Korea nicht weniger als rekordverdächtige fünf Millionen Menschen in die Kinos lockte. Überraschen kann einen das nicht, wenn man den Film sieht: Er beobachtet ein altes Ehepaar, das seit 76 Jahren verheiratet ist und in der tiefsten Provinz in einer einfachen Behausung lebt. Die Frau ist 90, der Mann 95, und sie begegnen einander immer noch mit Liebe, Respekt und Sorgfalt, aber auch mit viel Witz – etwa bei einer improvisierten Schneeballschlacht oder beim gemeinsamen Singen. Dass der reizende alte Mann im Laufe der Doku immer mehr erkrankt, schwächer wird und schließlich stirbt, drückt auch auf die Tränendrüsen hartgesottener Festivalbesucher.
Von einer großen Liebe ganz anderer Art berichtet die rumänisch-tschechische Fernseh-Doku Cinema mon amour: In der nicht mehr allzu sehr florierenden kleinen Industriestadt Piatra Neamt kämpft Victor Purice den aussichtlosen Kampf, sein „Dacia“-Kino vor dem drohenden Untergang zu bewahren. Dafür lassen er und seine beiden Mitarbeiterinnen sich alles Mögliche einfallen, aber das mit einst stolzen 900 Plätzen heute reichlich überdimensionierte Kino, das sich kaum heizen lässt, lockt nur noch wenige Zuschauer an – und die müssen mit Decken und mit heißem Tee versorgt werden, damit sie einen ganzen Film lang ausharren. Da bleibt der Glamour der alten Zeit, als das Kino zur Titanic-Premiere noch gestürmt wurde, auf der Strecke.
Den Glamour der alten Zeit beschwört auch der unterhaltsame deutsche Film Herr von Bohlen privat: Arndt von Bohlen und Halbach, Älteren noch bekannt aus dem deutschen Illustrierten-Dschungel der sechziger und siebziger Jahre, war Erbe des Krupp-Stahlkonzerns (er verzichtete zugunsten der Firma auf drei Milliarden D-Mark und auf den Namen Krupp), Playboy, Lebemann und Jet-Setter. In überraschend schlüssig nachgestellten Szenen und im Gespräch mit Menschen, die den 1986 verstorbenen Dandy noch kannten, entsteht das schillernde Panorama einer fast rührend anmutenden Zeit, in der man sich den Ruhm in der Yellow Press und in dem bisschen Fernsehen, das es damals gab, noch hart erarbeiten musste.
Und apropos hart erarbeiten: Die US-amerikanische Doku T-Rex von Drea Cooper und Zackary Canepari begleitet die damals 17-jährige Boxerin Claressa Shields auf ihrem steinigen Weg von regionalen und nationalen Ausscheidungskämpfen bis zu den Olympischen Spielen in London 2012, wo die junge Frau tatsächlich die Goldmedaille erringt. Dass Claressa nicht nur sportliche Kämpfe auszufechten hat, sondern auch in ihrem Umfeld in der durch Michael Moore berühmt gewordenen Heimatstadt Flint, Michigan, Überzeugungsarbeit leisten muss, versteht sich fast von selbst. Ein sympathischer, positiver und humorvoller Film als Gegenpol zu den Boxer-Epen Hollywoods.
