„Good Night, and Good Luck“, „Syriana“ und „North Country“: drei Filme, die darauf hindeuten, dass Hollywood wieder einmal nach links abbiegt.
„Die Welt ändern durch eine Geschichte nach der anderen. Participant glaubt an die Macht der Medien, um einen umfassenden sozialen Wandel herbeizuführen. Unser Ziel ist es, überzeugende Unterhaltung zu bieten, die die Zuschauer inspiriert, sich in den Belangen zu engagieren, die uns alle angehen.“ Oder: „Wir hoffen, unsere Filme wecken das Bewusstsein für wichtige soziale Themen und erziehen das Publikum dazu, selbst aktiv zu werden.“ Solche Statements klingen aus Hollywood recht ungewohnt; nicht so bei Participant Productions. Dort wird nicht gekleckert, sondern geklotzt: Alle drei oben genannten Filme stammen aus der Werkstatt von Participant, with a little help from their friends, darunter George Clooney und Steven Soderbergh, die schon länger dabei sind, die Welt Film für Film zu verbessern, selbst mit Hymnen an den Hedonismus wie Ocean’s 11. Participant (= Mitwirkende/r), das sind mehrheitlich junge Leute, die sich auf PR-Fotos gerne im Grünen fotografieren lassen, allen voran Präsident Ricky Strauss sowie Gründer und Chief Executive Officer Jeff Skoll.
Gute Idee
Jeff Skoll, 40-jähriger Kanadier, war immer schon ein schlaues Kerlchen: 1996 ersann er mit einem Freund die Geschäftsidee, Menschen könnten Freude daran haben, gebrauchte Dinge im Internet zu kaufen und zu verkaufen. Obwohl ihn viele für verrückt erklärten, startete er 1998 sein Projekt; der Rest ist Geschichte: 2001, mit 36 Jahren, war Skoll Dollar-Milliardär, und eBay boomt ohne Ende. 2004 gründete er Participant Productions, und seither gibt’s kein Halten mehr. Hollywoods Intelligentsia, zu der man ja durchaus einige Stars zählen kann, steht Schlange, um mit dem Wunderwuzzi ins Film-Geschäft zu kommen. Strauss („Ich wünschte, jeder würde einmal wirklich ein Meile lang in den Schuhen eines anderen gehen. Die Leute fürchten, was sie nicht kennen, und Angst und Unsicherheit sind die Wurzel alles Bösen“) und Skoll („Wir dürfen nicht die Not anderer, weniger glücklicher Gemeinschaften dieser Welt ignorieren“) gibt der Erfolg Recht: Die drei Vor-zeige-Produktionen des Jahres 2005 sind keine Blockbuster, haben aber sehr respektabel abgeschnitten, wenn man bedenkt, dass sie dem US-Durchschnittspublikum einiges zumuten: George Clooneys Good Night, and Good Luck. beschäftigt sich mit der Kommunistenjagd von Senator Joe McCarthy in den 50er Jahren und mit dem Widerstand des Fernsehjournalisten Eward R. Murrow, Stephen Gaghans Syriana nimmt die Machenschaften der CIA und der Öl-Lobby im Nahen Osten aufs Korn, und Niki Caros North Country berichtet vom ersten Gerichtsverfahren, das in den USA wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz angestrengt wurde.
Das alles sind Themen, die man in Hollywood zuletzt eher selten auf die Leinwand brachte. Das viel gelästerte Message Movie („If you want to send a message, call Western Union“, wie einer der großen Studiobosse einst höhnte) war, von Ausnahmen abgesehen, anderswo anzutreffen: „Das soziale Bewusstsein wanderte ins Fernsehen ab, wo Serien wie Roots und zahllose ‚Movies of the Week’ das Publikum mit Rassismus, Aids, Bulimie, prügelnden Vätern, schwulen Verwandten usw. konfrontierten“, konstatierte Tim Cavanaugh 2002 in seinem Artikel Shoot the Messenger: Hollywood Calls Western Union Again. Message Movies lassen sich bis in die 40er Jahre zurückverfolgen; ihre Hochblüte erlebten sie in den 60er und 70er Jahren unter Regisseuren wie Norman Jewison, Stanley Kramer oder Sidney Lumet. Robert Redford und Warren Beatty (mit denen George Clooney, etwas voreilig, bereits verglichen wird) waren jene Schauspieler, die mit ihrer vielen Kohle mehr anfangen wollten als den zehnten Porsche zu kaufen und das Geld lieber in eigene, ambitionierte Projekte steckten. Filme wie Network (1976, Lumet), Klute (1971), The Parallax View (1972) und All The President’s Men (1976, alle drei von Alan J. Pakula), Three Days Of The Condor (1975, Sidney Pollack), The Conversation (1974, Francis Ford Coppola), The Front (1975) und Norma Rae (1979, beide von Martin Ritt) oder James Bridges’ The China Syndrome (1979) prangerten alles an, was schlecht und böse war: Machtmissbrauch durch das Fernsehen, Sicherheitslücken im Atomkraftwerk, schmutzige Politik, Abhörskandale, McCarthy oder die Knebelung der freien Meinungsäußerung.
History repeats itself
Angesichts der Politik der Bush-Regierung seit 9/11 fühlen sich nicht nur die (Links-)Liberalen in Hollywood an die Schrecknisse der Nixon-Ära erinnert: Die Desinformation in Bezug auf die angeblichen Massenvernichtungswaffen im Irak, die anrüchigen Geschäftsverbindungen von Cheney und Halliburton, die Folterszenen in Abu Ghraib, Guantanamo, Geheimgefängnisse in Osteuropa usw., lassen sich durchaus mit den illegalen Praktiken der frühen 70er (Sabotierung der Wahlkämpfe der Demokraten, gezielte Verleumdungskampagnen, Watergate) vergleichen. Das pseudoreligiös-ideologisch fundierte Machtstreben der Republikaner heute erinnert an die Skrupellosigkeit der Nixon-Zeit, ebenso wie die wachsende Spaltung der US-Gesellschaft – die Parallele Vietnam-Irak ist ja ohnehin offenkundig. So wie Watergate durch die Journalisten Robert Woodward und Carl Bernstein aufgerollt wurde, so gab es damals auch in Hollywood Leute, die dem Treiben der Regierung nicht tatenlos zusehen wollten. Und heute ist es nicht anders. Die Schere klafft in Hollywood mehr denn je: grenzenlose, nur noch auf sich selbst bezogene Spektakel mit Welteroberungs-Appeal auf der einen, engagierte, unterschiedlich gelungene, aber bemerkenswerte Filme mit „Anspruch“ auf der anderen Seite. 2006 werden diese (von den traditionellen Studios) unabhängigen Filme einen Gutteil der Oscars abräumen – ein Hinweis darauf, dass auch die notorisch konservativen Mitglieder der Academy nicht so blind und taub sind, wie man manchmal meint. Spätestens seit der demonstrativen Ablehnung gegenüber dem Ehren-Oscar-Empfänger Elia Kazan (1999), der in den 50er Jahren mehrere Kollegen vor dem House Un-American Activities Committee als Kommunisten denunziert hatte, und seit Michael Moores Anti-Bush-Brandrede anlässlich seines Dokumentarfilm-Preises 2003 rührt sich wieder etwas in Hollywood.
Einzelkämpfer
Syriana, basierend auf Robert Baers See No Evil: The True Story of a Ground Soldier in the CIA’s War on Terrorism, ist der komplexeste der drei Filme, erzählt in der spätestens seit Short Cuts erprobten zeitlich und räumlich verflochtenen Struktur. George Clooney spielt den erfahrenen CIA-Agenten Bob Barnes, der allmählich erkennen muss, dass ihm die schmutzigen Spiele, in die er von Berufs wegen involviert ist, über den Kopf wachsen. Die ungesunde Verbindung von Öl-Lobby, CIA, Waffenhandel, Geldgier, Skrupellosigkeit, ideologischem und religiösem Fanatismus ergibt ein explosives Gemisch, das jederzeit in die Luft gehen kann – und die Welt mit ihm. Die „alten Werte“, die es auch bei der CIA einmal gegeben haben mag, sind jedenfalls passé. Stephen Gaghan, für das Drehbuch zu Steven Soderberghs Traffic mit dem Oscar ausgezeichnet, gelingt es, die zum Teil recht unübersichtlichen Handlungsstränge immer wieder zu bündeln und sozusagen auf ein nächstes Level des geopolitischen Irrsinns zu heben. Das CIA-Hauptquartier, Genf, Marbella, Teheran, Beirut, ein nicht näher genanntes Emirat und ein nicht näher bezeichneter Golfstaat dienen als Bühne für das atemlose Geschehen.
Clooneys Regiearbeit Good Night, and Good Luck. dagegen ist formal schlicht, aber extrem konzentriert: In nur 93 Minuten erzählt Clooney vom „Fernduell“ zwischen Kommunisten-jäger Joe McCarthy, dessen Umtriebe bekanntlich zahlreiche Künstler in Hollywood für viele Jahre den Job und die persönliche Reputation kosteten, und dem alles andere als linken, aber aufrechten CBS-TV-Anchorman Edward R. Murrow (das zu einer Zeit, als es Angestellten des Senders noch verboten war, miteinander verheiratet zu sein). Murrow wagte sich gegen McCarthy weit vor – ein Akt der Zivilcourage, dessen filmische Aufbereitung ganz offensichtlich auch als Clooneys Appell an die US-Medien und an Hollywood zu lesen ist, „sich aus dem Fenster zu lehnen“ (siehe auch das Interview mit George Clooney).
Weit aus dem Fenster gelehnt hatte sich auch eine einfache Arbeiterin namens Lois Jenson. Seit sie 1975 in einem Bergwerk im Norden Minnesotas zu arbeiten begannen, waren ihre Kolleginnen und sie massiver sexueller Belästigung ausgesetzt. 1984 reichte Jenson Beschwerde beim Minnesota Human Rights Department ein, 1988 begann der erste Prozess, 1992 verließ sie die Mine, weil sie an posttraumatischem Stress litt. Erst 1998 wurde der Fall durch einen Vergleich, im Zuge dessen die betroffene Firma den Frauen 3,5 Millionen Dollar bezahlte, abgeschlossen. In North Country, gedreht von der neuseeländischen Regisseurin Niki Caro, wird der komplexe Rechtsstreit stark vereinfacht und zeitlich gerafft dargestellt. Charlize Theron spielt (oscarreif) Josey Aimes, die Lois Jenson nachempfunden ist, Frances McDormand eine patente Kollegin und Gewerkschafterin, die aber im Bergwerk auch nichts zu lachen hat. Die Szenen, in denen männliche Arbeiter verbal und mit allerlei Sauereien über ihre Kolleginnen herfallen, beschreiben recht genau die Realität, mit der Jenson seinerzeit konfrontiert war. Niki Caro zeigt ein bemerkenswert hässliches Amerika; die geistige Dumpfheit der male chauvinistskorrespondiert mit der Trostlosigkeit des Kaffs, in das Josie mit ihren beiden Kindern vor dem prügelnden Boyfriend flüchtet. Als allein stehende Frau gilt sie als Hure, selbst der eigene Vater teilt diese Ansicht. North Country ist auch deshalb interessant, weil er 2005 mit den Mitteln des klassischen 70er-Message-Movie eine Geschichte aus den späten 80er Jahren erzählt – angemessen parteiisch und schwarz-weiß gezeichnet.
Lois Jenson war eine Einzelkämpferin, Edward R. Murrow war ein Einzelkämpfer, Bob Barnes in Syriana ist ein Einzelkämpfer – das gefällt auch dem liberalen Hollywood. Die nötigen Milliarden, um weiter solche Filme zu produzieren, sind vorhanden. Schon hat sich der Alt-Liberale Robert Redford eingefunden und will mit Jeff Skoll eine TV-Serie über „alternative“ amerikanische Helden drehen: Umweltschützer, Indianer-Aktivisten, Protagonisten der Bürgerrechtsbewegung. Ob aus einer Handvoll paradigmatischer Filme allerdings gleich eine Bewegung wird, wie in US-Medien behauptet, bleibt noch abzuwarten.
