Das stahlstädtische Arthouse-Festival Crossing Europe findet heuer von 29. April bis 4. Mai statt. Eine Vorschau auf die 22. Ausgabe.
Mit dem 2024er-Jahrgang des Linzer Filmfestivals Crossing Europe (Kurzform: XE) konnten dessen Leiterinnen Sabine Gebetsroither und Katharina Riedler durchaus zufrieden sein: Frühsommerliche Temperaturen zu Beginn garantierten gute Atmosphäre und Partylaune rund um das Festivalzentrum (Ursulinenhof, OK Linz); Regenwetter sorgte dann besonders in der zweiten Festivalhälfte auch für gut besuchte Kinosäle (Moviemento, City-Kino und Central). 14.500 Besucherinnen und Besucher entsprachen in etwa dem Niveau des Jahres 2023, in dem man das 20. Jubiläum begangen hatte. Crossing Europe steht also stabil da, was den Publikumszuspruch betrifft, und auch das Medienecho fiel positiv aus.
Doch selbstredend ist nicht alles eitel Wonne in der Stahlstadt (und auch anderswo), denn Kulturveranstalter haben es seit ein paar Jahren zunehmend schwerer. Wie steht es finanziell um das Festival? „Die Nachwirkungen der Teuerung sind immer noch stark zu spüren – das, was massiv in den letzten beiden Jahren teurer wurde, konnte nur oder gar nicht von den Förderungen aufgefangen werden“, so Gebetsroither & Riedler. Aber: „Wir haben das Glück, dass wir dieses Jahr wieder auf die Fördergeber – Stadt, Land, Bund, EU – zählen und das Festival in gewohnter Größe durchführen können. Trotz alledem ist die Finanzierung jedes Jahr aufs Neue eine Herkulesaufgabe, da wir im Vergleich zu anderen Veranstaltungen eine sehr kleinteilige Finanzierung mit mehr als 50 Finanzierungspartnern aufweisen.“
Eine Kraftanstrengung ist in diesem Kontext auch die Berücksichtigung sozialer Aspekte, so die Geschäftsführerinnen: „Fair Pay spielt eine große Rolle, aber man kann sich dem Ziel nur sehr langsam nähern, weil die Teuerung drei Jahre lang das Budget belastet hat. Aber für uns ist es wichtig zu betonen, dass wir Fair Pay als eine unserer wichtigsten Aufgaben sehen.“ Einem geänderten Publikumsverhalten – die Besucher von Kulturveranstaltungen sind immer öfter kurzentschlossen und entsprechen immer weniger einem klassischen Stammpublikum – versuche man mit gezielten Impulsen zu begegnen. Dazu gehören etwa neue Online-Features, die das XE-Programm besser vermitteln sollen.
Wie steht es also um die Erwartungen und die programmatischen Leitlinien des Duos für 2025? „Wir hoffen, dass 2025 die Kinos wieder so gut gefüllt sind wie im letzten Jahr. Auch heuer versuchen wir die Filmauswahl zeitgemäß, spannend, politisch und künstlerisch edgy zu treffen. Europa steht vor großen Herausforderungen, und das bildet sich auch im filmischen Output ab. Kurz gesagt: Europe is in turmoil! Dem können und wollen wir uns nicht verschließen.“
ARBEIT UND ARCHITEKTUR
Zu dieser Programmatik passt es natürlich hervorragend, dass das Arthouse-Programm von Crossing Europe immer schon politisch bzw. gesellschafskritisch geprägt war – was sich nicht zuletzt in der Schiene „Arbeitswelten“, einem dokumentarisch geprägten Programm, zeigt. Dieses widmet sich 2025 unter dem Titel „Wegweiser“ Menschen, die laut Festivalankündigung „beim Einstieg ins Erwachsenen- oder Berufsleben aus einer schwierigeren Ausgangsposition starten als die Mehrheitsgesellschaft – beziehungsweise denjenigen, die ihnen professionell durch Pflege, Unterstützung oder Ausbildung zur Seite stehen“. So zeigt etwa Az életed nélkülem (Ungarn, Schweden 2024, Regie: Anna Rubi) den Kampf ungarischer Mütter für professionelle staatliche Unterstützung ihrer schwerbehinderten Kinder, während Loxy (Griechenland 2024, Regie: Dimitris Zahos, Thanasis Kafetzis) das Porträt der ersten Schauspielerin mit Down-Syndrom ist, die als Ensemble-Mitglied im Griechischen Nationaltheater engagiert wurde. In Heidrun Holzfeinds Ein Oktopus hat den Mond zerstört (Österreich, Deutschland 2024) stehen Schülerinnen und Schüler sowie die Pädagogen einer berufsbegleitenden Schule im Mittelpunkt und Im Prinzip Familie (Deutschland, 2024, Regie: Daniel Abma) wirft einen Blick auf den Alltag einer Wohngruppe mit professionellen Erziehenden und fünf Buben zwischen sieben und vierzehn.
Ebenfalls von soziopolitischen Aspekten geprägt ist die langjährige Programmschiene „Architektur und Gesellschaft“, die sich auch heuer wieder Fragen danach widmet, wie der Mensch wohnt und welche Auswirkungen Bauten auf Gesellschaft und Umwelt haben. Aber auch bautechnische Absurditäten kommen diesmal nicht zu kurz: So dokumentiert beispielsweise der Beitrag Hanging Without Walls von Jana Durajová und Lena Kušnieriková die zehnjährige Renovierung der slowakischen Nationalgalerie als aufreibenden Kampf gegen immer neue bürokratische Hürden.
LOKAL GLOBAL
Eine besonders beliebte Festivalschiene markiert „Local Artists“, die Filmschaffenden, die in Oberösterreich leben oder dort ihre Wurzeln haben, Raum zur Präsentation aktueller Arbeiten bietet. 2025 gibt es dabei ein „Local Artists“-Special zu einem Filmemacher, der sich über die Grenzen des Landes hinaus einen Namen in cineastischen Kreisen gemacht hat: Edgar Honetschläger. Der Filmemacher, bildende Künstler und Umweltaktivist, der u. a. in den USA, Japan und Italien lebte, hat mehrere Preise erhalten, seine Arbeiten wurde unter anderem auf der Berlinale oder beim International Film Festival Rotterdam gezeigt. Stilistisch bewegt sich Honetschläger zwischen Dokumentarfilm, Fiktion und Experiment. Dem Konventionellen und Kommerziellen verweigert sich der Künstler bevorzugt mit der Form des Essayfilms, der ihm Raum für gesellschaftskritische Positionen, aber auch für poetische Kompositionen bietet. Eines von Honetschlägers Kernthemen ist das Verhältnis von Zivilisation und Umwelt; das XE-Special wird in Kooperation mit dem Nordico Stadtmuseum Linz umgesetzt, das Honetschläger auf Initiative von Nordico-Direktorin Andrea Bina noch bis August die Personale „Give Nature a Break“ widmet.
Gebetsroither und Riedler über die Qualitäten des globalen Oberösterreichers: „Edgar Honetschläger ist ja ein ,Local Artist‘, in Linz geboren und aufgewachsen – und zwar mehr oder weniger im früheren Mozart-Non-Stop-Kino, das seine Mutter geleitet hat. Wir schätzen ihn als extrem vielseitigen Künstler, als Kosmopoliten, der Genregrenzen überschreitet, gekonnt die großen Fragen unserer Zeit künstlerisch behandelt und dabei immer den Blick aufs Ganze miteinbezieht.“
Bei Crossing Europe werden vier ausgewählte filmische Positionen Honetschlägers gezeigt, darunter die teils in Japan gedrehte Fiktion Aun – Der Anfang und das Ende aller Dinge, in der die Suche nach alternative Energiequellen die Handlung vorantreibt. Bei Filmgesprächen kann das interessierte Publikum Einblick in den Schaffensprozess Honetschlägers gewinnen.
Apropos Local Artists: Für Cyber Swamp, den Festivaltrailer 2025, zeichnet die international arbeitende Medienkünstlerin Dagmar Schürrer verantwortlich, der bei der letztjährigen Edition ebenfalls ein „Local Artists“-Special gewidmet war. Der einminütige Trailer der gebürtigen Oberösterreicherin begleitet einen humanoiden Avatar, der sich durch eine computergenerierte Landschaft bewegt. Das eher mühsame Schwimmen durch die Sumpfgegend kann dabei vielleicht auch als Bemühung des Menschen interpretiert werden, unbeschadet durch die immer präsenter werdende Datenflut zu kommen.
Weiter ins europäische Ausland: Ein Tribute ist dem italienischen Regie-Duo Silvia Luzi & Luca Bellino gewidmet, gezeigt wird u. a. der formal strenge, den Zuseher fordernde Spielfilm Luce (2019), in dem eine junge Süditalienerin versucht, Kontakt mit ihrem inhaftierten Vater aufzunehmen. Rund um diese Screenings wird es Talks mit den Filmschaffenden geben, deren Werke bereits auf Festivals wie Locarno, Rom oder Tokio zu sehen waren. Einen kleinen Schwerpunkt gibt es zum slowenischen Experimentalfilmschaffen: Gezeigt wird der Dokumentarfilm Alpe-Adria Underground! (Regie: Matevzˇ Jerman, Jurij Meden), der sich der vielfältigen Experimentalfilmgeschichte des Landes widmet, passend dazu laufen entsprechende Werke am Festival.
Die bereits erwähnten politischen Aspekte von Crossing Europe lassen sich auch in der Schiene „European Panorama“ ausmachen: Dort läuft etwa der Film Under the Volcano (2024, R: Damian Kocur), der von einer ukrainischen Familie erzählt, die auf Teneriffa urlaubt – und wegen des Kriegsbeginns im Jahr 2022 nicht mehr in die Heimat zurückkehren kann. So politisch sich der Film interpretieren lässt, so allgemeingültig erzählt er auch von Gefühlen wie Fremdheit und Einsamkeit. Gleichfalls brisant: Die georgisch-französisch-italienische Produktion April (R: Dea Kulumbegaschwili) schildert den Alltag einer Ärztin, die in der georgischen Provinz Schwangerschaftsabbrüche vornimmt. Bei der Uraufführung bei den Filmfestspielen von Venedig im September 2024 stieß das Werk auf großteils positive Resonanz.
Ebenfalls im Programm vertreten ist die die aktuelle Arbeit des französischen Oscarpreisträgers Michel Gondry: Im CGI-Zeitalter besticht klassische Animation umso stärker mit ihrem Charme zwischen Nostalgie und Handarbeit – so auch Maya, Give Me a Title. Um in Kontakt mit Tochter Maya zu bleiben, die in einem anderen Land lebt, bittet der Vater sie täglich um einen neuen Titel, aus dem er dann einen Trickfilm mit ihr als Protagonistin fertigt. Gondry beweist einmal mehr, warum er zu den kreativsten Filmschaffenden der Gegenwart zählt: Das Werk, in dem seine Tochter die abenteuerfrohe Titelfigur spricht, verbindet Cut-Outs, Stop-Motion und etwas Realfilm zu einer brillanten, visuell bezaubernden Hymne an die Fantasie.
DER REST VOM FEST
Trotz personeller Änderungen geht es mit der Jugendschiene YAAAS! weiter (2025 sind neue Schulpartner mit dabei, es gibt u. a. eine neue Workshop-Kooperation mit dem Österreichischen Filmmuseum und eine Filmvorstellung für Kinder), selbiges gilt für das Horrorprogramm „Nachtsicht“, eine Kooperation mit dem Slash Filmfestival: Auch unter den neuen Kuratoren Mattias Fabian und Matthias Eckkrammer will man „Crazy Shit und Fantastisches auf hohem Niveau“ bieten, wie man augenzwinkernd erklärt.
Crossing Europe ist seit vielen Jahren Mitglied im europäischen Festivalnetzwerk MIOB – MOVING IMAGES OPEN BORERS; dieses Jahr präsentiert man nicht nur den MIOB New Vision Award 2025 beim Festival, sondern auch zwei Kurzfilm-Programme mit den nominierten Arbeiten für den MIOB-IN-SHORTS-Award 2025. Zudem wird es auch ein neues Branchen-Event in Form eines Industry Afternoon geben.
Nachtschwärmer können aufatmen, denn die Partyschiene „Nightline“ wird auch heuer fortgesetzt: An drei Abenden werden DJs am OK-Deck aufspielen. Rund um die Screenings gibt es somit viel Gelegenheit zum Tanzen, Netzwerken und Plaudern über die gesehenen Filme.
Wie sieht also das Fazit von Gebetsroither und Riedler aus, die das Festival seit 2022 leiten? „Wir sind grundsätzlich sehr zufrieden mit dem Status von Crossing Europe. Was wir bedauern, ist, dass die Organisation des Festivals immer aufwendiger wird, dass beispielsweise die Verwaltungsaufgaben rund um Förderungen und Partnerschaften immer mehr zunehmen. Wir würden gerne wieder mehr Zeit für den Inhalt und die Vertiefung in bestimmte Themen haben, denn das ist doch die Essenz des Festivals.“
Und worauf freut sich das Duo besonders? „Auf hoffentlich volle Kinos, muntere Filmgäste, spannende Filmgespräche, ein begeistertes Publikum und entspannte Festivalvibes in ganz Linz.“ Wir wünschen gutes Gelingen.
