Das Linzer Filmfestival Crossing Europe verbindet diesen April einmal mehr anspruchsvolles europäisches Gegenwartskino mit spannenden Rahmenprogrammen.
Zum 14. Mal geht das Linzer Filmfestival Crossing Europe in diesem Jahr über die Bühne, und noch immer zeigt es keinerlei Ermüdungserscheinungen – im Gegenteil, 2017 trumpft man mit einem ganz besonderen Tribute auf: Als erstes Filmfestival zeigt XE, wie man sich selbst abkürzt, eine Gesamtschau des Schaffens von Anka und Wilhelm Sasnal. Das Werk des Duos (Wilhelm Sasnal ist auch ein international gefragter Maler) besticht durch die Verbindung von ausgeprägtem Stilwillen und inhaltlicher Radikalität; eine kritische Auseinandersetzung mit der polnischen Gesellschaft und Geschichte zieht sich durch so gut wie alle Filme der Sasnals. Was künstlerische Einflüsse betrifft, nennen die beiden unter anderem das Schaffen des preisgekrönten österreichischen Regisseurs Ulrich Seidl. Ein Einfluss, den man besonders deutlich im Film It Looks Pretty from a Distance (2011) ausmachen kann: Als in einem Dorf ein Schrotthändler verschwindet, plündern andere Einwohner das Haus und verbrennen die Überreste. Die Zerstörung nimmt immer größere Ausmaße an, eskaliert schließlich ganz und ergreift das ganze Dorf. Der fast dialoglose Film erinnert nicht nur in seinen Tableaus an Seidl, sondern auch in seiner Radikalität, in der die Zivilisation nur wie eine dünne Schicht erscheint, unter der Verrohung lauert. Das Künstlerpaar aus Polen, das mit der Camus-Adaption The Sun, the Sun Blinded Me auch einen der Eröffnungsfilme stellt, wird persönlich in Linz vor Ort sein und für Diskussionen zur Verfügung stehen. Unter den weiteren Eröffnungsfilmen findet sich mit Chez nous / This is Our Land auch eine hochaktuelle Politsatire, in der sich eine eigentlich liberale Krankenschwester plötzlich als Kandidatin einer rechtspopulistischen Partei wiederfindet. In Frankreich zog der Film Proteste seitens des Front National auf sich, der im Film eine Verunglimpfung seiner Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen erkennen wollte. Ein weiterer, ebenfalls politischer Eröffnungsfilm ist der Dokumentarfilm Close Relations, der sich anhand der weitverzweigten Familie von Regisseur Vitaly Manski dem angespannten Verhältnis Russland-Ukraine annimmt. Eine höchst sehenswerte Familienaufstellung der anderen Art.
Das große Verdienst des Festivals ist es auch in diesem Jahr, dem Publikum Filme mit markanter Handschrift zugänglich zu machen, die außerhalb des Festivalbetriebs zu Unrecht kaum Beachtung finden. Ein besonders sehenswerter Film ist das Drama House of Others der georgischen Regisseurin Rusudan Glurjidze (Georgien hat sich in den letzten Jahren übrigens zu einem Hotspot europäischer Filmkunst entwickelt, der auch hierzulande stärkere Beachtung verdienen würde). Der Film, der mit seinen poetisch-strengen Bildkompositionen formal an Bergman und Tarkowski erinnert, thematisiert seelische Kriegswunden: Eine vierköpfige Familie bezieht in den neunziger Jahren „kurz nach dem Krieg“ein Haus in Abchasien, das früher Angehörigen der unterlegenen, vertriebenen Kriegspartei gehörte. Während drei mysteriöse Frauen aus der Nachbarschaft eine faszinierende Wirkung auf die Neuankömmlinge ausüben, brechen Kriegswunden auf, die auch das Naturidyll nicht zu überdecken vermag. Eine Meditation über Innen- und Außenwelten, in deren Ästhetik man durchaus schwelgen kann.
Um die Auswirkungen des Krieges geht es auch in der essayistischen Doku Depth Two, die sich einem Massaker serbischer Militärs an der albanischen Zivilbevölkerung widmet (Regie: Ognjen Glavonić). Ein starkes filmisches Experiment, das demonstriert, dass sich die Vergangenheit nicht vertuschen lässt. Mit einer ihrer filmischen Langzeitbeobachtungen vertreten ist auch diesmal wieder die preisgekrönte tschechische Dokumentaristin Helena Třeštíková, der Crossing Europe bereits einen Tribute widmete. In einer ihrer Marriage Stories kann man das Leben eines Paares über mehr als drei Jahrzehnte verfolgen und so gleichermaßen eine Zeitreise antreten, auf der dem Zuseher Glück ebenso begegnet wie Trauer. Ein weiterer starker Dokumentarfilm ist Katerina Suvorovas Sea Tomorrow, der sich mit dem Aralsee beschäftigt. Einst das größte Binnengewässer der Welt, sorgte eine vom Menschen verursachte Umweltkatastrophe um die Jahrtausendwende dafür, dass weite Teile des austrockneten. Suvorova auf die Menschen, die in der nunmehrigen Salzwüste ihrem Tagesgeschäft nachgehen und auf die Rückkehr des Wassers hoffen. Ein visuell postapokalyptisch anmutender Film über den menschlichen Willen, der sich auch gegen widrigste Umstände zu sträuben imstande ist.
Neben den Wettbewerbsschienen Fiction und Documentary gibt es auch heuer wieder die bewährten Programme Nachtsicht, die sich dem Horrorfilm widmet, Local Artists, die das Schaffen oberösterreichischer Filmemacher versammelt und Cinema Next, die Werke der kommenden Generation vorstellt. Ein Spotlight ist diesmal der türkischen Regisseurin Yeşim Ustaoğlu gewidmet, deren Arbeiten sich kritisch mit ihrem Heimatland auseinandersetzen, und mit der Schiene Arbeitswelten ist auch 2017 wieder ein Programm vertreten, das sich auf filmische Weise mit den sozialpolitischen Aspekten des Faktors Arbeit auseinandersetzt.
Die Zahlen belegen, dass künstlerisches und kritisches Gegenwartskino gefragt ist, denn Festivalleiterin Christine Dollhofer kann auf ein erfolgreiches 2016 zurückblicken: 22.000 Besucherinnen und Besucher, darunter 150 Festivalgäste, zählte man bei Crossing Europe im letzten Jahr, was eine Bestmarke in der XE-Geschichte darstellt. Beliebt sind allerdings nicht nur die Filme selbst, sondern auch die vielen Rahmenprogramme, die Raum für soziale Interaktion und Networking bieten. Stets sehr gut besucht ist auch die Nightline, in der heimische und internationale Acts auftreten. Nun denn: Hingehen, gute Filme schauen und danach Party machen.
