Mit „Lions for Lambs“ formuliert Robert Redford seine Kritik an der herrschenden US-Politik deutlich.
Die Schmach sitzt offenbar tief. Sämtliche Repräsentanten des liberalen Hollywood, von Martin Sheen über Sean Penn bis Barbra Streisand, hatten sich im Präsidentschaftswahlkampf des Jahres 2004 nach Kräften bemüht, dem Kandidaten der Demokratischen Partei zum Sieg zu verhelfen und eine zweite Amtszeit von George W. Bush zu verhindern. Allein, aller Einsatz blieb vergeblich, der redlich bemühte Kandidat der Demokraten, John Kerry, blieb schlussendlich zu farblos, um die Wahl für sich zu entscheiden. Doch selbst die Amtszeit eines ungeliebten Präsidenten geht irgendwann vorüber, und Hollywood bringt sich ganz offensichtlich erneut in Stellung, um 2008 den lang ersehnten politischen Richtungswechsel endlich in Gang zu setzen. Emilio Estevez, der Sohn von Martin Sheen, hat da mit Bobby bereits den Anfang gemacht und durch seine filmische Reminiszenz an Robert Kennedy den fast flehentlichen Wunsch nach einem ähnlich charismatischen Anwärter aus dem Lager der Demokraten, der die Herrschaft der Republikaner über das Weiße Haus zu beenden in der Lage ist, zum Ausdruck gebracht. Die Bitte scheint sich zu erfüllen, denn wenn die gegenwärtigen Meinungsumfragen nicht völlig falsch liegen, wird Hillary Clinton im nächsten Jahr den Kampf um die Präsidentschaft aufnehmen dürfen.
Von Idealisten und Opportunisten
Bevor nun im Jänner nächsten Jahres Republikaner und Demo-
kraten aufgrund der Ergebnisse in den Vorwahlen ihren jeweiligen Kandidaten küren, der Wahlkampf also in seine entscheidende Phase eintritt, veröffentlicht nun Robert
Redford, ein seit Jahrzehnten glaubwürdiger Vertreter des liberalen Amerika, mit seinem neuen Film Lions for Lambs ein an Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig lassendes, grundsätzliches Statement zum gegenwärtigen Zustand der US-amerikanischen Politik. Redfords Inszenierung operiert entlang dreier, zeitlich nahezu parallel ablaufender Erzählstränge. Im ersten Handlungsfaden versucht der kalifornische Universitätsprofessor Stephen Malley (Redford) einen seiner Studenten, Todd (Andrew Garfield), der zwar hochbegabt ist, aber wenig motiviert dem Studium nachgeht, beizubringen, seine Fähigkeiten zu nützen und sich für seine Grundsätze stark zu machen. Als Beispiel für ein solches Engagement führt Malley zwei ehemalige Studenten, Ernest und Arian, an, die ihre Prinzipien nicht bloß mehr rhetorisch unter Beweis stellen wollten und sich deswegen freiwillig zum Dienst bei der US-Army meldeten. Ein Einsatz, der schon bald einen hohen Preis fordert, denn, und hier setzt der zweite Erzählstrang an, die beiden befinden sich bereits in Afghanistan, inmitten einer soeben angelaufenen
Offensive der US-Streitkräfte. Dass dieses militärische Eingreifen Teil einer neuen Strategie sei, um den Einsatz in Afghanistan endlich erfolgreich zu gestalten, erläutert im dritten Strang der ehrgeizige Senator Jasper Irving (Tom Cruise) einer erfahrenen Journalistin (Meryl Streep).
Obwohl nach und nach deutlich wird, dass die drei Episoden enger miteinander verknüpft sind, als es zunächst den Anschein hat, hält sich die Inszenierung vom in den letzten Jahren so populären erzähltechnischen Prinzip der Chaostheorie, demzufolge die kleinste Ursache bereits globale Auswirkungen nach sich ziehen kann, weitgehend fern. Dem Regisseur Redford geht es ohnehin nicht um narrative Finessen; Lions for Lambs zielt ganz offensichtlich darauf ab, mit den Mitteln eines Lehrstücks Redfords Zweifel und seine Kritik an der Politik der amtierenden US-Regierung darzulegen. Am deutlichsten geschieht dies in der Universitäts-Episode, in der der Professor von Todd die Rückbesinnung auf „amerikanische Werte“ wie Mut und Verantwortungsbewusstsein fordert. Fast unnötig zu sagen, dass Todd ein verwöhntes rich white kid ist, die beiden Afghanistan-Kämpfer hingegen ein Latino und ein African-American. Dabei macht es sich Redford nicht leicht und weist auch auf unvermeidliche Ambivalenzen hin. So bewundert Professor Malley Arian und Ernest für die Konsequenz, mit der sie ihre Anschauungen vertreten, doch gleichzeitig zweifelt er stark an, ob ein Einsatz in Afghanistan der richtige Weg dafür sei und der Idealismus der beiden nicht schlichtweg missbraucht wird. Der Diskurs darüber, der gleichsam die ideologische Ausrichtung des Films immer wieder erklärt, wirkt nicht zuletzt deswegen zeitweilig wie ein in Szene gesetzter Off-Kommentar.
Am besten gelungen ist Regisseur Redford die Episode um den skrupellosen Politiker, der in von Spin-Doktoren aufbereiteten Bla-Bla-Sätzen über hehre Ziele spricht, in Wahrheit jedoch eiskalt seine eigene Karriere vorantreibt. Überzeugend dabei ist Tom Cruise, der in dieser Rolle ebenso aalglatt und unsympathisch erscheint wie bei seinen PR-Auftritten in eigener Sache. Ihm gegenüber steht Meryl Streep als leicht desillusionierte Reporterin, die zwar eine exklusive Geschichte wittert, aber sehr wohl durchschaut, dass sie sich damit zum Werkzeug des Senators machen lassen würde. Die Auswirkungen der Manöver von Senator Jasper erfahren Ernest und Arian in Afghanistan nur allzu schnell am eigenen Leib – eine konventionell actionreich inszenierte Episode, die das deutlichste Zugeständnis an die Vermarktbarkeit des Films geblieben ist.
Der aufrechte Amerikaner
Dass Robert Redford zu gesellschaftlich relevanten Themen klar Stellung bezieht, ist anhand seiner Biografie wenig überraschend. Redford zählt als Schauspieler seit mehr als vier Jahrzehnten zu den Superstars, der sich im Verlauf seiner Karriere zwar massenkompatiblen Rollen in Filmen wie The Sting oder The Horse Whisperer nicht verschlossen hat, jedoch stets auch solchen Projekten genügend Platz einräumte, denen kritische Ansätze nicht fremd waren. Exemplarisch können dafür zwei Rollen Redfords im so genannten Message Cinema der 70er Jahre stehen, das Genrekino mit Politik-kritischen Äußerungen zu verbinden verstand. In Alan J. Pakulas All the President’s Men (1976) verkörperte Redford den Watergate-Aufdecker Bob Woodward, in Sydney Pollacks Three Days of the Condor (1975) gerät als unbedarfter Angestellter der CIA in den Mittelpunkt einer Verschwörung.
Als Regisseur hat Robert Redford Arbeiten abgeliefert, die formal sehr konventionell in Szene gesetzt sind und sich stark an klassischen Erzählmustern Hollywoods orientieren. Inhaltlich jedoch hat er bereits öfters versucht, all zu pflegeleichte Stoffe zu vermeiden und lieber brisante Themen aufzugreifen. So dekonstruierte er in Ordinary People (1980) das in den Vereinigten Staaten gepflegte Ideal der heilen Familie, griff in
The Milagro Beanfield War (1988) die Probleme hispanischer Immigranten auf und nahm mit Quiz Show (1994) die Auswüchse und Absurditäten der Fernsehunterhaltung aufs Korn. Dass Redfords Regiearbeiten immer wieder Achtungserfolge erzielen konnten, jedoch hinter seinen Erfolgen als Schauspieler stets zurückblieben, hat den Mann nicht gehindert, seinen Weg konsequent weiter zu verfolgen.
General Custer und die Taliban
Das manifestiert sich recht deutlich auch in Lions for Lambs, denn Redford verzichtet bei seiner Inszenierung auf narrative Innovationen und dramaturgische Kniffe, um mit seinem Lehrstück nur ja nicht den Blick auf die wesentlichen Botschaften zu verstellen. Die da, neben einem eher allgemein formulierten Aufruf zu aufrichtiger Grundsatztreue, vor allem recht unmissverständlich lauten, die US-Truppen doch endlich sicher aus Afghanistan und dem Irak nach Hause zu bringen. Dass Redford die Charaktere des Films offenbar bewusst als pure Stereotypen in Szene setzt, passt zwar ins Gesamtbild seines Regiekonzepts, wirkt aber dennoch streckenweise etwas old fashioned und befremdend.
Bestimmt aber ist der ein wenig missionarisch wirkende Ansatz aus US-amerikanischer Sicht besser nachzuvollziehen. In einem Land, das seit dem Amtsantritt George W. Bushs in zwei politische Lager gespalten ist, und in dem regierungshörige Sender wie Fox News unverhohlen kriegshetzerische Propaganda betreiben (die hervorragende Dokumentation Outfoxed zeigt auf, mit welch unfassbarer Dreistigkeit Fox News journalistische Grundregeln bricht), findet man vermutlich mit differenzierten Argumentationen wenig Gehör. Seit 9/11 reicht ja in den Vereinigten Staaten der Slogan vom „War on Terror“ weitgehend aus, um jede auch noch so vernünftige Kritik an den Maßnahmen der Bush-Regierung vom Tisch zu wischen. Zwar hat sich die Stimmungslage mittlerweile etwas geändert, doch man mag es Redford nachsehen, wenn er sich, offenbar eingedenk der defizitären politischen Kommunikation der letzten Jahre, in Lions for Lambs plakativer Bilder und Figuren bedient. Wobei dann manche dieser Bilder doch ein wenig zu recht gerückt werden müssen. So werden die beiden Idealisten Ernest und Arian im Verlauf ihres Einsatzes von ihrer Einheit abgeschnitten und finden sich in den Bergen Afghanistans wieder, allein und umzingelt von einer Übermacht an gnaden- und gesichts losen Taliban-Kämpfern. Da lässt Redfords Inszenierung die beiden US-Soldaten dann doch erscheinen wie General Custer am Little Big Horn in jenen verklärenden Darstellungen aus längst vergangenen Zeiten, als die Indianer grundsätzlich die Schurken zu sein hatten. Auch wenn Wahlkämpfer gerne auf Emotionen setzen, das geht dann doch zu weit.
