Liseys_Story

Miniserie | Apple TV+

Lisey’s Story

| Pamela Jahn |
Nicht immer ist es gut, wenn der Autor selbst Hand anlegt: überambitionierter Achtteiler vom Meister des Grauens. Ab 4.Juni auf Apple TV+.

Wenn Stephen King in Serie geht, dann richtig: Mit Julianne Moore in der Titelrolle und Pablo Larraín als Regisseur, der gemeinsam mit dem renommierten Kameramann Darius Khondji hinter der Kamera steht, das Ganze produziert von J.J. Abrams und geschrieben vom Kultautor höchstpersönlich, der hier erstmals einen seiner Romane völlig eigenhändig fürs Fernsehen in ein Mehrteiler-Format übertragen hat. Mit diesem Aufgebot ist Lisey’s Story so ziemlich die hochkarätigste Miniserie, die der Video-Streaming-Dienst Apple TV+ in dieser Saison zu bieten hat. Und die Frage ist berechtigt, was bei einem derart starken Produktionsteam im Grunde groß schief gehen kann. Die Antwort: So einiges!

Dabei bleibt der stets exzellenten Oscar-Gewinnerin in ihrer Rolle als Lisey Landon erwartungsgemäß am wenigsten vorzuwerfen. Moore spielt die trauernde Witwe, die sich auch zwei Jahre nach dem Tod ihres berühmten Schriftsteller-Ehemanns schwer damit tut, die Vergangenheit loszulassen und ihr Leben zukünftig wieder alleine zu bewältigen, mit gewohnter Einfühlsamkeit, Überzeugung und Intensität. Sie steht, wie im Titel angedeutet, offiziell ihm Zentrum des Geschehens, obwohl sich bereits in der ersten Episode herausstellt, dass der Schatten ihres verstorbenen Gatten viel mehr Platz einnimmt, als es Lisey und der Geschichte insgesamt guttut. Immer wieder drängelt sich Scott Landon (Clive Owen) förmlich in den Mittelpunkt zurück, sei es in den zahlreichen Rückblenden, die in Liseys Träumen und Gedanken gute und schmerzliche Erinnerungen heraufbeschwören, als auch auf subtilere Art und Weise wie etwa in der Form eines extrem verbissenen Fans (Dane DeHaan), der sich mit einem nicht weniger insistierenden Professor (Ron Cephas Jones) zusammenschließt, um Lisey mit immer bedrohlicheren Aktionen davon zu überzeugen, doch endlich die unveröffentlichten Manuskripte des hochverehrten Bestseller-Autors zur Veröffentlichung freizugeben.

Aber damit noch nicht genug: Auch Liseys Schwestern (Joan Allen und Jennifer Jason Leigh) hat Scott bereits zu Lebzeiten fest in seinen unwiderstehlichen Bann gezogen, von dem insbesondere Amanda, die Ältere, die an schweren psychischen Störungen leidet, bis heute weiterhin stark beeinflusst ist. Und dann gibt es natürlich auch in Scotts eigener Kindheit noch einige schwere Traumata aufzuarbeiten dazu ein paar dunkle Geheimnisse auszugraben, um die mystisch düstere Stimmung, die so viel Unheil, so viel Böses und Unheimliches verbreitet, auf einen angemessen finster-phantasievollen Höhepunkt hinzutreiben.

In dieser Hinsicht erweist sich schließlich auch Larraín als die richtige Wahl, wenn es darum geht, Kings Drehbuchvorlage in ein visuell möglichst anspruchsvolles und atmosphärisch dichtes Thriller-Drama zu verwandeln. Immerhin hatte der Chilene erst kürzlich sowohl mit EMA (derzeit in den österreichischen Kinos) als auch mit seinem First-Lady-Biopic Jackie (2016) bereits ein gutes Händchen für Geschichten mit starken und zugleich stark gebrochenen Frauen im Visier bewiesen. Und so ist auch Lisey’s Story immer dann am besten, wenn die Kamera tatsächlich ganz bei Moore bleibt, ihr emphatisches Spiel beobachtet, sie bisweilen fast malerisch in Szene setzt, jedoch stets auf eine feine, distanzierte und bisweilen beklemmende Nähe zielend, um der Kraft ihrer Worte, Blicke und Gesten den gebührenden Raum zu geben.

Doch auch der engagierteste Regie-Virtuose kann nichts verrichten, wo Kings eigene Vorstellung vom filmischen Erzählen versagt. So sehr ihm das Material am Herzen liegt und so verheißungsvoll die Geschichte in ihrem Kern sein mag, vieles in diesem Achtteiler wirkt immer wieder unnötig gestreckt, überzogen oder schlichtweg selbstverliebt – als hätte der Schriftsteller diesmal (bewusst oder unbewusst) eher seiner eigenen Brillanz ein Denkmal setzen wollen als der Liebe zu seiner Frau Tabitha, der er ursprünglich die Romanvorlage gewidmet hatte. Wie King in Interviews wiederholt betonte, ging es ihm bei dem Projekt in erster Linie darum, ein Team von Profis um sich zu scharen, die ihr Metier verstehen, um den kreativen Prozess der Umsetzung vom Papier auf den TV-Bildschirm ganz aus den eigenen Händen zu geben. Wahrscheinlich wäre es klüger gewesen, auch einen Ko-Autor zu engagieren, der bereits im Schreibprozess den nötigen Abstand zum Material gewährleistet hätte. So ist aus einer schönen Idee, basierend auf einem zutiefst persönlichen Original, ein allzu gewolltes, unausgegorenes Serienwerk entstanden, das trotz des vielversprechenden Personals nur bedingt überzeugt, und das vor allem immer dann unbeholfen und etwas merkwürdig ins Übernatürliche abdriftet, wenn der federführende Autor sich selbst nicht anders zu helfen weiß.