Mit der Retrospektive „Black Light“ widmete sich das Locarno Filmfestival in diesem Jahr ausführlich und explizit dem internationalen Black Cinema und machte dem Programm auf der Piazza Grande damit ordentlich Konkurrenz. Ein Gespräch mit Kurator Greg de Cuir Jr. über die Filmauswahl und die Frage, wie weit wir in all den Jahren tatsächlich gekommen sind.
Mister de Cuir, auf der Piazza Grande wurde die Retrospektive mit einer Vorführung der unlängst fertig gestellten restaurierten Fassung von Spike Lees „Do the Right Thing“ eröffnet, der erstmals vor 30 Jahren in die Kinos kam. Hätte es einen besseren Eröffnungsfilm für die Reihe geben können?
Greg de Cuir: Nein, allerdings muss ich dazu sagen, dass die Wahl des Films nicht allein mir zu verdanken ist. Do the Right Thing ist ein großartiger Film, und er ist quasi schon aus Prinzip ein Teil der Retrospektive. Aber die Entscheidung, den Film vorab zu zeigen, war eher eine kollektive Festivalentscheidung. Lili Hinstin hat sich dafür eingesetzt, als eine Möglichkeit, das Publikum in die Filmreihe aber auch in das Festival insgesamt einzuführen. Es ist ein großes Statement, aber keines, dass ich mir selbst zuschreiben kann. Trotzdem freue ich mich natürlich, dass wir den Film als Teil der Reihe zeigen konnten. Und es ist einer der wichtigsten Titel im Programm, gar keine Frage. Spike Lee ist einer der bedeutendsten Regisseure des Black Cinema. Er und Melvin Van Peebles sind die einzigen Regisseure, die mit zwei Filmen in der Retrospektive vertreten sind.
Als Lili Hinstin Sie zum ersten Mal ansprach, ob Sie die Reihe kuratieren würden, was ging Ihnen da durch den Kopf? Eine derart umfangreiche Retrospektive auf die Beine zu stellen, ist sicher keine leichte Aufgabe.
Jedes Programm, das man sich vornimmt, bringt von vornherein Grenzen mit sich. Man kann nicht alle Filme einbauen, die man gerne zeigen möchte, und man kommt auch gar nicht an alles ran. Das heißt, in dem Moment, wo man sich an die Filmliste setzt, kommen alle diese Bedenken, alle diese Beschränkungen mit ins Spiel. Und egal, wie gut man plant, manche Dinge entscheidet der Zufall, oder sie beruhen auf glücklichen Fügungen eher als auf ausgeklügelten Filmlisten, ob man will oder nicht. In der Hinsicht bestand die Herausforderung von vornherein fast in dem gleichen Maße darin, was ich in diesem Rahmen überhaupt machen kann, was sich realisieren lässt, und was ich machen sollte, um dem Anspruch gerecht zu werden.
Gab es Regeln, die sie sich gesetzt haben, bevor Sie sich an die Auswahl der Filme machten?
Es gab ein paar grundsätzliche Prinzipien, denen ich gefolgt bin. Zum einen wollte ich eine internationale Auswahl treffen und gleichzeitig sollte die Reihe einen historischen Überblick verschaffen. Ich wusste, dass ich Afrika außen vorlassen wollte. Stattdessen wollte ich mich auf die Nachkommen konzentrieren, die gezwungen waren, durch die Welt zu reisen, um zu überleben und ihren eigenen Platz, ihre eigenen Wurzeln zu finden. Ich wusste auch, dass ich den Fokus konkret auf das 20. Jahrhundert richten wollte. Es sollte eine echte Retro sein, die zurückblickt und zurückdenkt, die sich damit befasst, wie wir dort hingekommen sind, wo wir heute stehen, und damit, was uns die Vergangenheit über unsere Gegenwart und vielleicht sogar unsere Zukunft verrät. Und was noch ganz wichtig ist: Die Reihe sollte eine Collage von verschiedenen Stilen, Genres, politischen und ästhetischen Herangehensweisen offenbaren. Ich wollte, dass die unterschiedlichen Werke miteinander in Beziehung treten und gleichzeitig Kontraste setzen, dass sie einen Dialog bilden.
Warum nicht Afrika?
Weil Afrika ein Thema ist, das eine eigenständige Retrospektive verdient. Es verdient einen genauen Blick und einen eigenen speziellen, klugen und wohlüberlegten Ansatz. Ich bin weiß Gott kein Experte, was die Geschichte des afrikanischen Kinos betrifft, und hätte mich zu weit in unbekannte Gewässer vorgewagt. Es steckt eine enorme Geschichte dahinter, eine enorme Vielzahl an Filmen, denen man sich meiner Meinung nach behutsam annähern muss. Aber ich hoffe, dass eine andere Retrospektive das in nicht allzu ferner Zukunft tun wird. Die Zeit ist auch dafür reif, nur muss es den passenden Rahmen dafür geben und die richtigen Leute, die sich mit der Geschichte des afrikanischen Kinos und dem Kontinent an sich auseinanderzusetzen wissen.
Der älteste Film in der Reihe ist Oscar Micheauxs „Within Our Gates“ von 1919. Der Film war lange unbekannt, wurde dann wiederentdeckt und in den 1990er Jahren konserviert. Ist das so eine glückliche Fügung, von der Sie eingangs sprachen?
Ja. Oscar Micheaux ist der große Pionier des afroamerikanischen Kinos. Punkt. Mit ihm fing alles an, ob wir von Nordamerika reden oder von Südamerika, das spielt keine Rolle – er ist der Ursprung von allem. Deshalb war es mir extrem wichtig, dass wir den Film zeigen, nicht sein erster, aber immerhin. Es ist der erste Film, der überlebt hat und von dem es eine wunderbare 35mm Kopie gibt. Das ist in der Tat ein großes Glück.
Eine Besonderheit der Reihe ist, dass sie die großen Filmschaffenden des Black Cinema nicht nur mit ihren Peers in Verbindung setzt, sondern mit Filmschaffenden jeglicher Herkunft und Nationalität, darunter auch Meister wie Pier Paolo Pasolini. Warum war Ihnen diese Gegenüberstellung so wichtig?
Ich denke, einige Regisseure des Black Cinema gehören durchaus auch zu den großen Meistern des Kinos überhaupt, und genau deshalb sollten sie mit den anderen auf einer Ebene stehen. Es ist wichtig, dass ihre Filme nicht in ästhetische oder kulturelle Ghettos gedrängt werden, sondern dass ein Dialog entsteht. Und auch das ist ein Grundprinzip meiner Arbeit als Kurator, mein künstlerischer und politischer Anspruch, wenn Sie so wollen. Ich versuche, Filme und Menschen in einen Dialog zu verstricken. Ich möchte zeigen, dass Melvin Van Peebles im Zusammenhang mit Pasolini gesehen und diskutiert werden muss. Dass Sarah Gomez mit Shirley Clarke verglichen und kontrastiert werden kann. Und dass Oscar Micheaux beispielsweise in Verbindung mit Robert Wise gesehen werden sollte, oder mit Joseph L. Mankiewicz. Ich möchte, dass all diese großen Regisseure und Regisseurinnen auf dem gleichen Niveau gesehen und besprochen werden, nicht lediglich als Meister ihres Fachs, sondern als Meister des Kinos, auf Augenhöhe und mit demselben Respekt.
Sie haben die Vielfalt an Genres und künstlerischen Ausdrucksformen im Programm bereits angesprochen. Denken Sie, es gibt bestimmte Stile oder Filmgattungen, die vielleicht besser geeignet sind als andere, um sich mit Themen wie rassischer Intoleranz oder Identitätsfragen auseinanderzusetzen?
Ich bin grundsätzlich skeptisch, wenn es um Fiktion und Formen des klassischen narrativen Kinos geht. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich denke schon, dass sie ihre Berechtigung haben und interessante Dinge daraus entstehen können. Aber ich bin zum Beispiel nicht davon überzeugt, dass eine Geschichte immer unbedingt einen Anfang, einen Höhepunkt und ein Ende haben muss. Und wenn, dann nicht unbedingt in der Reihenfolge. Oder dass es einen Hauptdarsteller geben muss oder eine Auflösung, ob gut oder böse. Wir wissen doch längst, dass das Leben auch nicht in derart klaren, geraden Bahnen verläuft. Natürlich, wenn es sich anbietet, für das was man im Film erzählen will, dann kann das narrative Kino in welcher Form auch immer, künstlerisch und politisch großes Vollbringen. Aber ich persönlich schaue mit immer größerem Interesse auch auf die nicht-fiktionalen Formen, die über die Grenzen des klassischen fiktionalen Kinos hinausgehen. Und wenn ich mir die Arbeiten in dem Bereich anschaue, ob Filmessay, Kurzfilm oder Videokunst, dann sehe ich in den Werken eine Offenheit, die dem klassischen Kino mitunter abgeht, und insgesamt ein größeres Potential, um die gesamte Bandbreite der ästhetischen Ideen und Emotionen des Künstlers oder der Künstlerin verwirklichen zu können.
Ein Wort noch zu Melvin Van Peebles, dessen Debütfilm „La Permission“ Sie neben dem ebenfalls viel zu selten zu sehenden „Sweet Sweetback’s Baadasssss Song“ zeigen. Wie so viele Künstler damals musste auch er erst nach Europa gehen, um schließlich auch in seinem Heimatland die Anerkennung zu finden, die er verdient.
Ja, Van Peebles ist ein überaus interessanter Fall. Er ging zunächst nach Amsterdam, wo er studierte und als Schauspieler arbeitete. Später zog er nach Frankreich. Er arbeitete als Journalist, dann schrieb er seinen ersten Roman, er arbeitete am Theater und machte später auch die Musik für seine Filme selbst. Er drehte experimentelle Kurzfilme, bevor er in Frankreich seinen ersten Spielfilm verwirklichte. Er war ein wahrer Avantgarde-Künstler im europäischen Sinn, einer, der immer ganz vorne mit dabei war, der in Frankreich das tat, was seine gleichgesinnten Kollegen in Amerika nicht tun konnten oder wollten. Auch in der Hinsicht macht es übrigens Sinn, noch einmal den Bogen zurückzuschlagen zu Oscar Micheaux. Denn der einzige Grund, warum Micheauxs Film überlebt hat, ist doch der, dass in der Kinemathek in Madrid eine Kopie überlebt hat. Warum aber ausgerechnet in Spanien? Da kann man schon ins Grübeln kommen. Warum wurde ein Film von Micheaux 1919 problemlos in Europa gezeigt und vertrieben, wenn afroamerikanische Regisseure heute, 2019, keinen Verleih für ihre Filme in Europa finden? Was bedeutet das im Hinblick auf die Frage, wo wir heute stehen und wie weit wir in all den Jahren gekommen sind?
Haben Sie, dürfen Sie einen persönlichen Favoriten in der Retrospektive haben?
Nein, davon gibt es zu viele. Ich kann mich heute schon für die Filme begeistern, die morgen laufen. Dabei muss ich mich darauf konzentrieren, was gleich im Kino gezeigt wird. Sicher gibt es einige Filme wie Boyz in the Hood und Juice, mit denen ich aufgewachsen bin und die allein deshalb immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben werden. Dann gibt es Filme, die ich künstlerisch grandios finde und aus dem Grund für bedeutsam halte, wie Handsworth Song oder Jackie Brown. Wieder andere Filme sind mir aus wieder anderen Gründen wichtig, die ich unmöglich alle aufzählen kann. Ich wurde im Laufe des Festivals und auch schon davor immer wieder von Leuten gefragt, welche Filme ich ihnen empfehlen würde. Aber so pauschal lässt sich das natürlich nicht sagen, es kommt immer auf den persönlichen Geschmack an. Und aus über vierzig Filmen insgesamt einen Titel herauszustellen, das wäre so, als müsste man sagen, welches Kind man am liebsten hat. Das geht einfach nicht.
