Looking for Eric – Es war ein Pass

| Stefan Kraft |

Ken Loach hat keinen Film über den Weltfuß-baller Eric Cantona gedreht. Sondern einen über den Briefträger Eric Bishop. Dem Gedanken, dass Solidarität wichtiger ist als alles andere, ist Loach damit treu geblieben – und hat es dabei geschafft, einen großen Star für seine Mission zu gewinnen.

Der Bath City FC ist ein kleiner Verein. Gegründet 1889, hat er die gesamte Zeit seiner Existenz abseits des Profifußballs verbracht. 120 Jahre spielt der Klub schon außerhalb der Ligen, die das große Geld bringen.

Einer der Sponsoren des Bath City FC ist Ken Loach, der Regisseur. Jener Ken Loach, zu dem der vormalige Name des Vereins, Bath Railway, so viel besser passen würde. Jener Ken Loach, der 1964 anfing, Filme zu machen, zwei Jahre bevor der weltbekannte Fußballer Eric Cantona geboren wurde, der prominenteste Darsteller seines jüngsten Werks Looking for Eric.

Das Leben, wie es spielt

Den Vergleich zwischen Fußball und Film kann man mit der Ges-te großer Feuilletonisten mühelos weiter strapazieren. So ließe sich etwa vom „Regisseur“ Loach erzählen, der an immer wieder neue (Amateur-)Schauspieler die Rollen wie Bälle verteilt. Doch die Gemeinsamkeit zwischen ihm und dem Bath City FC scheint am ewig knappen Budget und einer Verweigerung, die viel älter ist als Loach und sein Verein zusammen, ausreichend dargestellt: der Verweigerung, zum Establishment zu gehören.

Aber nicht ganz. Wo sich der Regisseur und der Fußball der Blue Square South Division treffen, das ist bei der Auswahl ihrer Prot-agonisten. Und wo der semiprofessionelle Fußball aus der Not eine Tugend macht, da zeigen sich das ganze Talent und die Faszination des Loach’schen Werks. In einem Interview zu seinem Film My Name Is Joe (1998), in dem er Drogensüchtige und Arbeitslose Drogensüchtige und Arbeitslose spielen ließ, erklärte er dies einmal so: „Was einen so begeistert, ist die Fülle an Energie, Talent und Vorstellungskraft dieser Menschen, die völlig vergeudet wird. Sie haben keine Chance auf einen Job. Aber als ich mit ihnen sprach, habe ich gemerkt, dass sie voller Ideen und Temperament stecken. So ist mir die Tragödie ihres Lebens zu Bewusstsein gekommen, als ich sie für meinen Film auswählte.“

Das Leben, wie es spielt, soll dem Zuseher in jedem seiner Filme bewusst werden, selbst in den kürzesten: Drei Celtic-Fans sitzen in der Bahn nach Rom (Kurzfilmbeitrag zu Tickets, 2005), sie bekämpfen den Schweiß unter ihren Polyester-Shirts mit Deo auf der Zugstoilette, sie schreiben italienischen Mädels ihre Telefonnummer auf den Gipsarm, verlieren ihre Tickets, schieben die Schuld auf den albanischen Buben im Waggon. Die Situation sprengt das Drehbuch, Ken Loach lässt die Fußballfans so oft „For fuck’s sake“ sagen, bis man meint, selbst neben ihnen im Abteil zu sitzen. Oder man gerät an einen Tisch in einem kleinen Dorf in Katalonien (Land and Freedom, 1995), gemeinsam mit ansässigen Bauern und den ausländischen Freiwilligen im Spanischen Bürgerkrieg, sie debattieren über die Vergabe des Landes nach der Revolution, so lebendig, dass man aufstehen möchte und mitschreien. Loach engagierte für die beste Szene in seinem vielleicht besten Film keine Schauspieler – sondern Bauern aus dem Dorf, in dem er drehte.

Man braucht Inhalt

Diese Technik hat ebenso wie Eric Cantonas Fußballspiel wenig mit Improvisation zu tun. Es geht um einen sozialen Realismus, der nicht so sehr bedauert und abbildet wie sprechen lässt und Meinungen zur Geltung bringt, die den Zuseher in die Debatte bringen. Und nicht zufällig traf Ken Loach auf Eric Cantona, dessen Großvater aus Barcelona gegen die Franco-Faschisten kämpfte und vor ihnen nach Marseille flüchten musste. Nicht zufällig, weil „King Eric“ etwas zu erzählen hatte, das ihn von anderen Fußballern trennt und eine wahre Geschichte für den Film gleich mitbrachte. Von einem Fan, der ihn so verehrte, dass er ihm von Leeds nach Manchester folgte.

Verfasst hat das Drehbuch schließlich der Celtic-Glasgow-Fan Paul Laverty, einer der Schauspieler von Land and Freedom. Looking for Eric ist untypisch für Loach, weil er ein lustiger Film ist, und er ist typisch für Loach, nicht nur wegen der Darstellung des „working class Britain“ in seiner rasanten Talfahrt, auch weil der Regisseur trotz der schier alles überragenden Gestalt des berühmten Fußballers dessen Rolle immer ins Verhältnis setzt zu dem Mann im Abseits.

Der Brüsseler Programmzeitschrift „Agenda“ sagte Loach dann folgerichtig: „Eric Cantona ist mit der Idee zu uns gekommen, einen Film über seine besondere Beziehung zu den Fans von Manchester United zu machen. Wir haben das Projekt von allen Seiten betrachtet. Attraktive Persönlichkeiten allein sind ja nicht ausreichend. Man braucht auch Inhalt.“

Inhalt, das war in Loachs hellsichtigsten Momenten, etwa im irischen Revolutionsdrama The Wind That Shakes the Barley, eine sehr genaue politische Analyse. In Looking for Eric gibt es die nicht, dafür eine übermäßig inszenierte soziale Härte, die der Hauptfigur an jeder Ecke seines Weges auflauert. Der Rucksack, den er schon sein ganzes Leben mit sich herumträgt, wiegt schwerer als jede Posttasche. Trotzdem erfüllt der mit einigen Anstrengungen konstruierte Spannungsbogen seinen Zweck. Loach lässt die Kollegen des gramgebeugten Postlers ans gute Werk und erreicht dadurch wie gewohnt Dialogminuten voll glaubhafter Menschlichkeit und Anteilnahme, die durch den Manchester-Akzent und die Unbeholfenheit von Erics Freunden frei von Kitsch, weltbewegenden Lösungen und tiefbohrender Ernsthaftigkeit bleiben. Es finden sich einfache Auswege, wenn man etwas so Kompliziertes versucht wie die Solidarität. Womit auch die Liebesbeziehung in diesem Film ausreichend erzählt wäre.

„I am not a man, I am Cantona“

Dennoch: Was Loachs neues Werk von vorangegangenen abhebt, ist eben die Person Eric Cantona. Gespielt von Eric Cantona. Nach einer Idee von Eric Cantona. Die Verehrung, die Eric von seinem gleichnamigen Fan im Film erfährt, gibt er ihm in Form von Ratschlägen zur Bewältigung einer vielschichtigen Lebenskrise zurück. Cantonas Rolle auf der Leinwand ist die, die er schon während seiner Fußballerkarriere bei Manchester United (1992-1997) gegeben hat: die des philosophischen Franzosen, den ein Postler aus Manchester nicht immer versteht, aber umso mehr bewundert. Für seine Geradlinigkeit und seine genialen Einfälle, auf dem Feld wie abseits. Selbst Plattitüden werden im Munde Cantonas zu Mahnungen, die ihre Wirkung auch nach dem Verlassen des Kinos nicht verlieren: „Wer Angst vor dem Würfeln hat, wird nie einen Sechser werfen.“

Eine Schlüsselbotschaft von Eric C. an Eric, den Postler, lautet: „Wenn die Gegner schneller sind als du, versuch nicht, sie zu überlaufen. Wenn sie größer sind, versuch nicht, sie zu überspringen. Wenn sie links stärker sind, geh über rechts. Aber nicht immer! Denk daran: Um sie zu überraschen, musst du dich selbst überraschen.“

Der Fußballer fühlt sich als der weise Held offensichtlich wohl. Zum Glück erlaubt ihm Ken Loach, seine Rolle ironisch auf die Spitze zu treiben. „I am not a man“, tönt es bedeutungsvoll von der Leinwand, „I am Cantona!“ Weil er, der Cantona, bei aller Lebensweisheit auch seine eigenen Makel kennt: „Das fehlerhafte Genie und der fehlerhafte Briefträger“, so beschreibt Eric sich und seinen neuen Freund, und diese Übereinstimmung verführt sie dazu, gemeinsam zu joggen, zu tanzen und Briefe auszutragen. Und wurde jemals die Solidarität der Arbeiterklasse spruchreifer ausgedrückt als in diesem Film? Eric C.: „Du musst immer auf deine Mitspieler vertrauen.“ Dazu passt auch die nach Meinung der Filmfigur Cantona wichtigste Szene aus seiner Fußballerkarriere, nach der ihn sein treuester Fan befragt. Sein Volleyschuss gegen Wimbledon? Sein entscheidendes Tor gegen Liverpool im Cup-Finale? „Es war ein Pass“, antwortet der Stürmer. Ob Ken Loach ihm das in den Mund gelegt hat?

Looking for Hope

Bei aller Aussage vergisst Loach aber nicht auf das Spezielle des Fußballs, das sich nicht so leicht übertragen lässt in Botschaften und philosophische Weisheiten: „Wann war ich zum letzten Mal glücklich?“, wundert sich die Hauptfigur eines Tages in seinem Schlafzimmer – und blickt auf das Poster an der Wand. Sein Sohn wird von den lokalen Gangstern zum Champions-League-Spiel eingeladen, während Eric und sein Kollegen sich nur mehr die Übertragung im Pub leisten können. Das Manchester United des Eric Cantona lebt nicht mehr, und auch nicht die englische Arbeiterklasse des Ken Loach.

Aber es gibt noch Hoffnung und Auswege. Einen aktuellen aus der Realität hat Loach in seinen Film prominent in Szene gesetzt: Der FC United of Manchester wurde von enttäuschten Fans 2005 in Kontrast zu ihrem Stammverein gegründet. Weil sie sich die Tickets nicht mehr leisten konnten, beim Fußball nicht mehr stehen oder Biertrinken durften und ein amerikanischer Geschäftsmann ihren Klub übernahm. Viele von ihnen wurden von Ken Loach als Darsteller für Looking for Eric engagiert, sie dürfen an der Seite des Eric Bishop mitschreien, mitkämpfen und mitdebattieren. Am Ende gewinnen sie, die Guten. Und der Regisseur hat die Bälle diesmal seinen Schauspielern auf den Fuß gespielt.

 

Dieser Text erschien in veränderter und kürzerer Form im Fußballmagazin „ballesterer“