Anlässlich der Wien-Premiere seines preisgekrönten Films spricht der serbische Regisseur Stefan Arsenijević über „Liebe und andere Verbrechen“, die Magie von „Besame Mucho“ und darüber, warum Kärntner Kasnudeln auch in Belgrad auf dem Speiseplan stehen.
Eigentlich hatte die Serbin Anica schon entschieden, das Geld ihres kleinkriminellen Bosses und Geliebten zu stehlen und Belgrad für immer zu verlassen. Die letzten Begegnungen mit den Menschen, die ihr etwas bedeuten, sind von doppelter Trauer, denn sie kann niemanden von ihrem Plan erzählen. Ausgerechnet am letzten Tag vor dem Coup offenbart ihr Stanislav, der junge Mann fürs Grobe in der Gang, dass er von ihrem Vorhaben weiß und seit zwölf Jahren heimlich in sie verliebt ist. Sie fühlt sich ebenfalls zu ihm hingezogen – gemeinsam treiben sie durch ein Vorstadtuniversum voller warmherziger Nebenfiguren, wie der Mutter von Stanislav, einer ehemals gefeierten Sängerin, der er durch gekaufte Zuschauer das Gefühl gibt, immer noch populär zu sein. Als Stanislav der meist stummen Tochter des Bosses erst zögernd, dann mit kräftiger Stimme „Besame Mucho“ vorsingt, als sie dabei ist, sich vom Dach eines Hochhauses zu stürzen, gerät Anicas Entschluss kräftig ins Wanken. Vielleicht liegt ihre Zukunft doch hier gemeinsam mit Stanislav, der sie bittet, bei ihm zu bleiben.
Der international gefeierte Debütfilm des jungen Serben Stefan Arsenijević beeindruckt vor allem durch die Balance zwischen Melancholie und Komik, mit seinem herausragenden Gespür für spannend aufgebaute Situationen, die unvorhersehbar vom Tragischen ins Skurrile und wieder zurück wechseln können. Die vielen kleinen Geschichten vom banalen Alltag, der aber immer mit Hilfe weniger dramaturgischer Mittel transzendiert wird, sind auf Grund der genau beobachteten Details stimmig, wenn auch ab der Hälfte des Filmes bisweilen etwas redundant. Die Zartheit, mit der Stanislav seiner Angebeteten minutiös erzählen kann, was sie vor zehn Jahren genau hier gegenüber in ihrer Wohnung gemacht hat, und warum sie ihm damit das Herz gebrochen hat, kontrastiert wunderbar mit der Brutalität, mit der Anica das brandneue Auto ihres Ex demoliert. Aus dem eigentlich tristen Hochhaussetting hätten die meisten Regisseure wohl ein realistisches Sozialdrama gemacht, Arsenijević schafft es durch die Kreation eines fragilen Beziehungsgeflechts jedoch, auch dieser Umgebung Wärme abzugewinnen. Dabei bleiben die Charaktere durchaus realistisch in ihrer Sehnsucht nach dem Unerreichbaren. Sie sind gefangen in ihrer Erinnerung an die Zeit der letzten wirklich großen Liebe, die sie nie überwunden haben oder sie hoffen auf ein besseres Leben anderswo. Instinktiv spüren sie jedoch, dass nicht die Umgebung, sondern nur Menschen auf Dauer glücklich machen können.
Gab es einen Schlüsselmoment, vielleicht eine Erinnerung oder ein Bild, den man als Ursprungsidee für den Film bezeichnen könnte?
Stefan Arsenijević: Die Inspiration kam von einer wahren Geschichte, die ich schon vor einigen Jahren gehört hatte: Eine Frau, Ende dreißig, sollte eine bestimmte Geldsumme von einem Ort zum anderen transportieren, als Teil ihrer täglichen Jobs. Sie nahm das Geld, packte ihre Koffer und verließ das Land für immer. Etwas an dieser Situation faszinierte mich und ließ mich nicht wieder los. Ich fragte mich, wie ihr Leben vorher aussah, woran dachte sie in dem Bewusstsein, die Menschen und die Orte, die sie geliebt hatte, das letzte Mal zu sehen. Und weil ich Liebesgeschichten sehr mag, interessierte ich mich dafür, was wohl passieren würde, wenn sie sich an diesem letzten Tag verliebte und wie viel Mut so eine Tat brauchte.
Woher kamen die Ideen für die vielen stimmigen und skurrilen Details, wie die Solariumsbank, die ein Eigenleben zu führen scheint oder der Einfall, dass die Hauptfigur unbedingt als Magier sein Brot verdienen will?
Stefan Arsenijević: Als Regisseur bin ich geradezu vernarrt in diese kleinen Geschichten, man sagt nicht umsonst, dass der Teufel im Detail liegt. Ich liebe es, solche spezifischen Kleinigkeiten für Charaktere oder auch Gesellschaften zu entwickeln und sie als Running Gag einzusetzen. Und weil alle Figuren einen kleinen oder größeren Teil von mir in sich tragen, kommen diese Ideen oft aus meiner eigenen Erfahrung. Ich glaube wirklich, dass Maschinen einen eigenen Willen haben: Bei mir funktionieren sie nie, bis ich anfange, mit ihnen zu reden. Wie viele wollte ich auch als kleines Kind schon Zauberer werden. Als Regisseur ist man ja auch ein klein wenig wie ein Magier oder kann sich zumindest so fühlen.
Im finalen Film steht die Gangstergeschichte sehr stark im Hintergrund. War sie irgendwann während der Entwicklung des Drehbuches wichtiger, oder war nicht zumindest die Versuchung groß, das dramatische Potenzial dieses Genres stärker auszunützen?
Stefan Arsenijević: Die Geschichte war immer als Melodrama geplant. Das Kleingangstermilieu diente dazu, die sozialen und politischen Rahmenbedingungen abzustecken und vor allem auch als Kontrapunkt zum starken lyrischen Element in den Liebesgeschichten. Ich habe in meiner Jugend durchaus einige dieser harten Jungs kennen gelernt, wir haben damals in einer gangsterreichen Gegend gewohnt, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich einen klassischen Gangsterfilm drehen könnte oder wollte.
Wie haben Sie die wunderbaren Schauspieler gefunden?
Stefan Arsenijević: Die Hauptrolle war speziell für Anica Dobra geschrieben, deswegen heißt sie auch im Film Anica. Sie ist eine kultisch verehrte Schauspielerin in Serbien, obwohl man sie hierzulande auch in einigen deutschen Filmen gesehen hat. Für mich ist einfach ein Traum wahr geworden, als sie für die Rolle zugesagt hat. Für die männliche Hauptrolle gab es ein großes Casting. Vuk Kostic ist sehr populär in meiner Heimat und er ging sogar mit mir auf die Hochschule, aber ich habe ihn mir nie in der Rolle vorgestellt, bis ich die Aufnahmen vom Casting gesehen habe. Da wusste ich sofort, dass er der absolut Richtige ist. Mit einigen der Nebendarsteller hatte ich schon zusammengearbeitet, das floss sicherlich in die Gestaltung der Rollen mit ein. Die junge deutsche Hanna Schwamborn fand ich schon beim ersten Casting absolut faszinierend. Sie spielt ein sehr spezielles Mädchen, das sich der Welt ringsherum komplett verweigert und trotzdem jeden auf eine sehr warmherzige Art beeinflusst. Sie hat eine große Zukunft vor sich, es war großartig, wie sie die subtilen Nuancen ihrer Figur sofort verstanden hat und glaubwürdig auf die Leinwand gebracht hat.
Der Ton, die Atmosphäre des Films sind bemerkenswert: sehr melancholisch, trotzdem auch komisch auf eine sehr lakonische Art und Weise. Gab es dafür ein spezielles Vorbild oder spiegelt sich einfach der Charakter des Regisseurs darin wider?
Stefan Arsenijević: Danke vielmals. So sehe ich wirklich die Welt. Am Balkan kombiniert man gerne die Extreme. Ich mag diese Komplexität, die dich zum Nachdenken bringt. Dieser Film verkörpert für mich die Essenz dessen, was ich in den letzten zwei Dekaden erlebte, als ich in Serbien aufwuchs. Am Anfang war ich mir dessen gar nicht so bewusst, aber als wir zu drehen anfingen, kamen plötzlich all diese unterdrückten Emotionen hoch. Deshalb musste es melancholisch, bitter, manchmal auch brutal sein, denn so ist nun einmal das Leben, aber zugleich auch Momente des Glücks und komische Situationen beinhalten. Von meiner Erfahrung her ist das Leben nie nur das eine oder das andere.
Haben Sie beim Schreiben auch zehn Mal hintereinander „Besame Mucho“ gehört wie eine Figur im Film? Wie sind Sie auf dieses Lied gekommen?
Stefan Arsenijević: Meine Nachbarn waren froh, als ich mit dem Schreiben des Drehbuchs fertig war. Ich hörte „Besame mucho“ zufällig im Radio sehr früh während der Stoffentwicklung. Ich hatte sofort das Gefühl, dass dieses Lied die Emotionen, die ich im Film haben wollte, gut ausdrückt. Erst viel später hat mir jemand den Text übersetzt und ich kam drauf, dass er perfekt zum Inhalt passt: „Küss mich als ob es unsere letzte Nacht wäre.“ Für mich war das ein interessantes Beispiel, wie Musik oder Kunst im Allgemeinen uns berühren können, auch wenn wir die jeweilige Sprache gar nicht verstehen.
Wie kam es zur Zusammenarbeit mit der Ko-Produzentin Gabriele Kranzelbinder?
Stefan Arsenijević: Wir trafen uns zufällig in Rotterdam bei einem Cinemart Pitch und wir kamen sofort blendend miteinander aus. Sie ist eine großartige Produzentin, die das Kino von ganzem Herzen liebt. Sie stellte mir die Jungs von Naked Lunch vor und wir hatten viel Spaß miteinander. Aber dann kam eine lange Suche nach dem richtigen Sound. Ich kenne mich technisch bei Musik nicht aus, deshalb konnte ich ihnen nur äußerst vage Anleitungen geben: Das Lied soll emotional sein, aber nicht zu sehr. Romantisch, aber auch cool. Irgendeinen Blödsinn in der Art. Sie haben dann viel ausprobiert, ich war oft in Klagenfurt Kasnudel essen, aber irgendwann wollten sie mich dann einfach wieder loswerden. Und ich bin von dem Resultat absolut begeistert. In ihrem Film Universalove haben sie mir dann in der Belgrad Episode eine kleine Rolle als miserabler Musiker gegeben, ein kleiner Insiderwitz.
Die Hochhausarchitektur wirkt durch das spezielle Licht im Film fast schön, beinahe heimelig. Ich vermute stark, dass Sie dieses Gefühl bewusst evozieren wollten?
Stefan Arsenijević: Ich bin in einem solchen Hochhaus aufgewachsen, in einem Stadtteil namens Neu-Belgrad, gebaut nach dem zweiten Weltkrieg als Zeichen für die kommunistische Stadt der Zukunft. Viele Leute empfinden diese Art der Architektur als hässlich, kalt und entfremdet, aber ich sehe Wärme, diese Häuser definierten die Welt meiner Kindheit. Wenn jemand Schönheit in der Art sieht, wie ich diese Gebäude gefilmt habe, dann deshalb, weil ich die Menschen liebe, die hier leben. Eine Frau aus Frankreich sagte mir nach einem Screening: „Am Beginn des Filmes dachte ich mir, wie kann jemand hier leben in diesen Häusern? Aber am Ende, nachdem ich all diese Beziehungen zwischen den Charakteren gesehen habe, war es fast so, dass ich in ihnen leben wollte.“ Das war eines der schönsten Komplimente über die Wirkung des Films.
Der Krieg in Ex-Jugoslawien wird kaum erwähnt, trotzdem scheint er einen gewissen Einfluss auf das Leben der Charaktere zu haben. Auf eine sehr spezielle Art scheinen sie alle ein wenig in der Vergangenheit zu leben, auch was ihre alten Beziehungen betrifft. Wie wichtig ist Ihnen das Thema der Vergebung in diesem Zusammenhang?
Stefan Arsenijević: Der Krieg wirft noch immer einen Schatten über mich und meine Figuren. Man muss lernen, mit seinen Folgen umzugehen, auch unsere Generation, obwohl wir nie das Gefühl hatten, dass es unser Krieg war. Es stimmt, dass das Thema Vergebung ein sehr zentrales Motiv des Filmes ist, gerade was die Liebesgeschichten angeht. Man kann es kurz so zusammenfassen: Vergeben zu können ist etwas ganz Großartiges, aber auch sehr, sehr Schwieriges im Leben eines jeden Menschen.
Leben Sie noch in Belgrad? Haben Sie jemals daran gedacht, das Land zu verlassen?
Stefan Arsenijević: Ich lebe noch in Belgrad, obwohl ich wegen meines Berufes sehr viel unterwegs bin. Das Thema der Emigration ist ein sehr großes in unserem Land. In den letzten 15 Jahren sind über eine halbe Million vorwiegend junger Menschen weggezogen, jeder von uns kennt gute Freunde, die diesen Schritt gewagt haben und natürlich macht man sich auch selber Gedanken darüber, wie es wäre, es ihnen gleich zu tun. Haben wir einen Fehler gemacht, zu bleiben? Ich glaube, es gibt keine allgemein gültige Antwort auf diese Frage. Jeder Fall ist unterschiedlich und zutiefst persönlich. Außerdem glaube ich, dass wie immer man sich entscheidet, man die meiste Zeit glauben wird, dass man das Falsche gewählt hat, was eigentlich eine sehr befreiende Idee ist.
ray Publikumspreis beim Crossing Europe Film Festival Linz 2008
