Love & Mercy

Das Leben des Brian

| Pamela Jahn |
Brian Wilson im Doppelpack: Paul Dano und John Cusack porträtieren in „Love & Mercy“ den kreativen Kopf der Beach Boys in verschiedenen Stadien seines spektakulären Lebens.

Kurz vor Weihnachten 1964 nimmt die Panik überhand. Der Mann, den plötzlich eine derart mächtige Angst überkommt, dass sie für den nicht enden wollenden Bruchteil einer Sekunde sein Denken lähmt, weil die trotzigen Stimmen in seinem Kopf wieder einmal das Zepter übernommen haben, befindet sich genau in dem Moment im realen Schwebezustand auf dem Flug von Los Angeles nach Houston. Traumatisiert von der Erfahrung, beschließt er, sich fortan nur noch mit festem Boden unter den Füßen zu bewegen und trifft damit, im Nachhinein betrachtet, eine der wichtigsten Entscheidungen für die Musikgeschichte der letzten 50 Jahre. Dann Schnitt. Vorspulen. Zwanzig Jahre mindestens. Doch der Mann, den wir augenscheinlich mehrere Nervenzusammenbrüche, Drogenexzesse und Entzugskuren später wiedertreffen, präsentiert sich allen Erwartungen zum Trotz nicht als gefeierter Superstar, sondern als scheuer, rückgratloser Schatten seiner selbst, der unter den Fittichen seines tyrannischen Therapeuten ein trostloses Dasein als unmündiges Genie fristet. Dann wieder Schnitt zurück. Doch was genau war da passiert?

Das Wunderbare an der zweipoligen Herangehensweise, mit der Regisseur Bill Pohlad in Love & Mercy in einem stimmigen Rhythmus aus Rück- und Vorblenden vom Aufstieg, Fall und Comeback der Beach-Boys-Legende Brian Wilson erzählt, ist, dass sie den Film ähnlich schwer greifbar macht, wie es die außergewöhnliche Persönlichkeit ist, um die es hier geht. Mit anderen Worten: Der Film widersetzt sich den gängigen Regeln der Biopic-Kunst, indem er die Handlung zunächst in zwei darstellerisch voneinander getrennte Zeitebenenen aufbricht, um die einzelnen Episoden anschließend zu einer Berg- und Talfahrt der Emotionen und Konflikte zu verbinden. Während die sechziger Jahre ganz Paul Dano gehören, der den jungen Brian Wilson als dauerkreativen Mittzwanziger verkörpert, schlüpft John Cusack in die Rolle des verstörten Künstlers am Tiefpunkt seiner turbulenten Karriere. Zusammen genommen liefern sie, jeder für sich, einen intimen Einblick in ein Künstlerleben, wie er facettenreicher kaum sein kann.

Schwieriges Genie

Zwei grundlegende Erlebnisse bilden den Rahmen der Geschichte: Zum einen ist das der Moment im Jahre 1964, als Wilson nach besagter Panik-Attacke die Entscheidung trifft, das Touren aufzugeben und sich stattdessen in Kalifornien ins Studio zurückzuziehen, um als Komponist zu arbeiten und damit den Gute-Laune-Sound der Beach Boys langfristig weiterzuentwickeln. Denn auch den anderen Bandmitgliedern, darunter seine beiden Brüder Dennis und Carl, ihr Cousin Mike Love und der Schulfreund Al Jardine, war zu dem Zeitpunkt längst bewusst, dass sie sich nicht endlos auf dem südkalifornischen Surfer-Image ausruhen konnten. Doch auf das, was sich der Ausnahmemusiker für sein neues Album-Projekt in den zunehmend verwirrten Kopf gesetzt hatte, waren weder Fans noch Kritiker vorbereitet. Auch bei seiner Familie stieß Wilson mit den neuartigen, ungewohnt sperrig klingenden Stücken, die Pet Sounds rückwirkend zu einem der wertvollsten, wichtigsten und einflussreichsten Alben überhaupt machten, auf vehementes Unverständnis. Denn obwohl es ihm gelungen war, für die Aufnahmen Kaliforniens beste Studiomusiker zusammenzutrommeln, blieb den meisten Beteiligten der Einsatz so eigenwilliger Sound-Elemente wie Hundegebell und Schlittenglocken ein einzaiges Rätsel, das sich allein damit zu erklären lassen schien, dass Brian seit geraumer Zeit einen psychisch angeschlagenen Eindruck machte. Selbst in seinen glücklichsten Momenten wirkte er unausgeglichen und fieberhaft. Er kann die Musik, die Songs, die Stimmen nicht stoppen, die in seinem Kopf spuken. Zudem ist er latent besorgt, dass die Welt ihn und seine Musik nicht versteht, und schlimmer noch: dass die Beatles seine Ideen stehlen. Bis der Druck, die nach seinen Maßstäben perfekte Platte zu kreieren, schließlich unerträglich wird.

Paul Dano verkörpert den jungen Wilson mit genau der richtigen Mischung aus Wahn und Sinn, ohne sich dabei allzu sehr auf die Wechselwirkung zwischen mentaler Störung und kreativer Freiheit zu stützen. Auf ähnlich kluge Weise gibt John Cusack den um zwanzig Jahre gealterten Wilson nicht als dumpfbackenes Drogenopfer preis. Auch sein Wilson verliert niemals seinen Sinn für Wunder. Und es ist dieses unterschwellige Gefühl einer innerlichen Beharrlichkeit, die sich wie ein roter Faden durch den Film, und, so möchte man meinen, auch durch das Leben von Brian Wilson zieht.

Dennoch hat Cusack eindeutig das schwerere Kreuz zu tragen. Mitte der Achtziger, in der die zweite Zeitebene spielt, ist Wilson auf seinem persönlichen wie professionellen Tiefpunkt angekommen. Allein unter der strengen Aufsicht seines raffgierigen Therapeuten und Vormunds Dr. Eugene Landy (hervorragend: Paul Giamatti) und der von ihm feinabgestimmten Dosis Antidepressiva gelingt es dem labilen Musiker, ein relatives Gleichgewicht zu halten. Erst als die Autoverkäuferin Melinda Ledbetter (Elizabeth Banks) eines sonnigen Tages völlig unvorbereitet in sein Leben purzelt, scheint sich der vernebelte Schleier vor Wilsons Augen langsam zu lüften. Zudem erkennt die unabhängige, bodenständige Melinda schnell, welch dreckiges Spiel Landy mit seinem zugedröhnten Schützling treibt. Der Film kann die eigentliche Komplexität der beiden Figuren im Bezug auf Wilsons Leben jedoch lediglich streifen, was  dazu führt, dass die Handlung gegen Ende hin zwangsläufig immer eindimensionaler wird.

Dem Vorwurf weiß Elizabeth Banks beim Gespräch anlässlich der Berlinale-Premiere des Films entgegenzusetzen, welche Bedeutung ihrer Rolle zukommt: „Natürlich ist es im Grunde eine klassische Geschichte im Sinne von Gut gegen Böse“, sagt sie, die im Film komplett mit blonder Power-Mähne und einer Natürlichkeit in den Kampf zieht, die so charmant ist wie entschieden. „Aber das Wichtigste dabei ist, dass Brian als der eigentliche Überlebenskünstler aus dem Ganzen hervorgeht. Er ist der ,Last Man Standing‘, und das ist in erster Linie Melindas Verdienst. Sie ist der Grund, warum Brian heute noch unter uns ist, dass er wieder Musik macht, wieder voll im Leben steht.“

Tatsächlich hat Melinda Ledbetter – inzwischen seit 20 Jahren mit dem Musiker verheiratet – keinen geringen Anteil daran, dass Brian Wilson sein Leben nun auf der Leinwand Revue passieren lassen kann. Und jedes Biopic, ob klassisch oder originell, kann lediglich einen Ausschnitt, ein Potpourri aus Fakten und Mythen bieten, ganz gleich wie treu und ergeben die Macher der Figur gegenüberstehen mögen. Dazu gehört in dem Fall auch, dass recht wenig Platz für andere Charaktere bleibt. Weder die Beziehung zwischen Wilson und seinen beiden Brüdern noch die zum dominierenden Vater werden hinreichend durchleuchtet. Umso mehr entpuppt sich Love & Mercy als ein künstlerischer und persönlicher Befreiungsschlag, der auf emotionaler Ebene am wirkungsvollsten bleibt. Allerdings muss man es Bill Pohlad lassen, dass er gemeinsam mit seinen beiden Hauptdarstellern auf ihre kreativen Gratwanderungen und leidenschaftlichen Achterbahnfahrten geht. Er steht ihnen bei, gibt ihre Ängste, Sehnsüchte und Zwänge preis. Das ist nicht immer hübsch anzusehen und manchmal auch bitter. Aber letztlich bleibt selbst die größte Peinlichkeit hier eine behutsam inszenierte Zumutung. „Bill hat genau den Film gemacht, den er mir vorab versprochen hatte“, sagt Elizabeth Banks. „Und das ist es doch, was man als Schauspieler von seinem Regisseur will: ein Mann mit einer Vision, der man gerne folgt, weil sie aufregend klingt und Sinn ergibt. Und bei Bill war das so.“

Vielleicht die schönste Szene im Film zeigt Danos Brian Wilson ganz in seinem Element, als er im Studio neben den anwesenden Musikern gerade auch seine beiden Hunde dirigiert und zudem sämtliche Geräusche, die sich im Hintergrund auftun, in ein Stück integriert. Als das Klavier eine falsche Note hervorbringt, meint er nur: „Fehler können die Musik perfekt machen.“ Love & Mercy mag einer weniger waghalsigen Prämisse folgen, doch eine künstlerische Vision kann die andere bedingen und letztendlich bestens unterhalten.