Ludwig Wüst

Eine handvoll Spaghetti

| Andreas Ungerböck |
Ludwig Wüst, exilbayrischer Wiener Theater- und Filmemacher, erhält die höheren cineastischen Weihen: Das Filmmuseum widmet ihm zwei Abende.

Es ist absolut unmöglich, Ludwig Wüst nicht zu mögen. Punktum. Wer ihn einmal live erlebt hat, im Gespräch über seine große Passion, das Filmemachen, der er erst seit relativ kurzer Zeit, nämlich seit 15 Jahren, nachgeht, spürt die glühende Leidenschaft, die Liebe und die Lust, die den hemdsärmeligen 49-jährigen, aus Bayern eingewanderten Künstler antreibt. In nahezu akzentfreiem Wienerisch entfaltet sich um ein paar filmische Fixsterne (Alexander Sokurov, Michael Snow, Jean-Luc Godard, Robert Frank, Pier Paolo Pasolini) herum der Wüst’sche Kosmos. Und es geht im Gespräch auch sehr viel um Musik (Scott Walker, Neil Young, John Cage), um Frauen, um das Schreiben und auch ums Kochen. Nur auf explizite Nachfrage hingegen spricht er über Geld, und dabei wird – Regel Nr. 1 – niemals gejammert. Ludwig Wüst blickt nie zurück im Zorn, sondern immer mit großer Freude nach vorne, zum „55. Projekt“, wie er selbst lachend sagt. Aber so weit ist er vorläufig nur in seinem Kopf, der die Realität beständig links überholt.

Als wir Anfang Juli miteinander sprechen, ist er bereits Hals über Kopf in und Feuer und Flamme für seinen nächsten Film, Erde, ein Drei-Personen-Stück, gedreht auf einem Bauernhof in Ungarn. Mit seinem Kameramann Klemens Koscher, mit dem er schon länger arbeitet, wie auch mit anderen Mitgliedern seines eingeschworenen Teams, war Ludwig Wüst bereits lange vor den Dreharbeiten am Schauplatz, hat „sechs Stunden lang Aquarelle gemalt“, um die Szenerie festzuhalten, und gemeinsam haben sie längst die Kadrierung festgelegt. Wenn der Dreh beginnt, wird nichts mehr dem Zufall überlassen. Das heißt absolut nicht, dass Wüst ein Kontrollfreak ist, aber seine Arbeitsweise ist auch ohne „Überraschungen“ riskant genug. So ließ er in Tape End (2011) Nenad Šmigoc und Suse Lichtenberger eine Stunde lang – in seiner Abwesenheit – improvisieren, so wurde ein großer Teil von Abschied (2014) in einer einzigen langen Einstellung, ohne Pause für die Darstellerinnen Claudia Martini und Martina Spitzer, gedreht, so wird auch Das Haus meines Vaters (2013) von einigen wenigen vorab genau getimeten Kamerabewegungen geprägt. Doch die Lust am Formalen, durchaus Wüsts Begeisterung für die genannten Filmemacher geschuldet, ist nicht alles. Ansonsten wären seine Filme bloße Stilübungen und nicht so packend, so berührend und so mitreißend, wie sie sind.

Aber zurück zum Anfang: Ludwig Wüst, aus der oberpfälzischen Provinz Ende der achtziger Jahre nach Wien gekommen, hatte sich zunächst ganz dem Theater und der Oper verschrieben. Er studierte Schauspiel und Gesang an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst. Ab 1990 entstanden 40 Produktionen für Theater und Oper, nicht nur in Wien, sondern auch an verschiedenen Bühnen in Deutschland. 1996 sorgte er gar für einen Theaterskandal: Er schrieb „Zu jener Zeit“, ein Szenario um eine Frau, die den Auftrag bekommt, den Erlöser zu gebären, aber beschließt, das Kind abzutreiben. Die geplante Uraufführung am 24. Dezember im dieTheater im Künstlerhaus wurde verboten. Tags darauf konnte das Stück nach Verhandlungen mit Kirche, Politik und Veranstalter doch gespielt werden.

Ab 1999 arbeitete er nach der Lektüre von Ingeborg Bachmanns „Der Fall Franza“ drei Jahre lang an seinem ersten Film, Ägyptische Finsternis, der bereits eine außergewöhnliche Begabung und eine große Sensibilität im Umgang mit Worten und Bildern erkennen ließ. Nach dem Kurzfilm Paula (2005) entstand der mittellange Zwei Frauen (2007), und schließlich 2009 sein erster „richtiger Langfilm“ Koma, der bei zahlreichen Festivals sehr starke Reaktionen auslöste. Koma ist auch der Film, der so etwas wie einem „konventionellen“ Spielfilm am nächsten kommt, allerdings nur auf den ersten Blick. Die sorgfältige Komposition und der schroffe erzählerische Gegensatz zwischen brachialer Gewalt und äußerster Zärtlichkeit machen klar, dass es sich um keinen Film „von der Stange“ handelt. Die brutalen Szenen sorgten für Verstörung, und Wüst weiß auch warum: „Es ist eine ganz reale Gewalt, anders als jene, die man aus Hollywood-Filmen kennt. Sokurov hat gesagt: ,Quentin Tarantino wird irgendwann von Engeln zerrissen werden.‘ Damit meinte er, dass Tarantino genau diese stilisierte, verharmlosende Gewaltdarstellung salonfähig gemacht hat.“

Nicht nur in Koma treibt Ludwig Wüst seine Figuren und damit die Schauspielerinnen und Schauspieler bis zum Äußersten – physisch, wie etwa in Tape End, und psychisch, wie eben in Abschied, der nun im Filmmuseum zu sehen ist, einem Haus, dem Wüst sehr verbunden ist. Neben dem „alten“ Stadtkino, in dem er „quasi gewohnt“ hat, war und ist dies der zentrale Ort seiner filmischen „Bildung“. Abschied ist, wie oft bei Wüst, autobiografisch motiviert. Seine Mutter hatte ihm ein Jahr vor ihrem Tod die Geschichte einer abgebrochenen Schwangerschaft erzählt. Der Film skizziert zunächst eine scheinbar banale Situation. Zwei Freundinnen, oder besser: Bekannte, treffen einander in der Wohnung der einen. Nach eher belanglosem Smalltalk kippt die Situation völlig. Die Gastgeberin verfängt sich angesichts einer DVD und eines Songs in einer Erinnerung an ihre Jugend, als sie eine Liaison mit einem ihrer Lehrer hatte. Die daraus resultierende Schwangerschaft und der bewusst herbeigeführte Verlust des Embryos sind Tatsachen, die sie jahrelang tief in ihrem Inneren verschlossen hatte. Nun bricht alles aus ihr heraus. „Ich glaube, Abtreibung und Vergewaltigung sind die intimsten Erfahrungen einer Frau, Erfahrungen, über die sie selbst mit ihren Ehemännern kaum reden“, sagt Wüst. Diesen Ausbruch mitanzusehen und zu hören, fordert dem (männlichen) Zuschauer einiges ab, es ist unangenehm und schmerzhaft. Claudia Martini, die auch einen Drehbuch-Credit hat, spielt diese Tour de Force gewohnt furchtlos, aber das Gesagte hinterlässt auch in ihrem Gesicht, in ihrer Körpersprache Spuren.

Um nicht unbedingt gute Erinnerungen geht es auch in Das Haus meines Vaters. Andi hat dieses Haus im Burgenland geerbt. Als er sich darin umsieht, kommt die Nachbarin, eine Jugendfreundin, wie sich herausstellt. Sie freut sich, ihn wiederzusehen und über die Abwechslung im Alltag. Doch der Mann ist eher teilnahmslos und will die Sache mit dem Haus so schnell wie möglich hinter sich bringen. Auch hier entspinnt sich am Gartentisch ein langes Gespräch mit einem Dialog „wie aus dem richtigen Leben“ (was er ja auch ist), von Klemens Koscher präzise eingefangen. Man muss bei Ludwig Wüst unbedingt auf den Text achten, denn neben allen formalen Überlegungen, die in seine Filme einfließen, ist er auch ein brillanter Autor. Trotz des Titels, so Wüst, „ist dieser Film vor allem eine Auseinandersetzung mit der Mutter, sie kommt im Gespräch vor, der Vater nicht.“ 2009 starben beide Eltern des Filmemachers kurz hintereinander. „Mit meiner Mutter habe ich viel gesprochen, mit ihr bin ich ins Reine gekommen, mit meinem Vater leider nicht ganz.“ Der Vater sei für ihn auch früher nicht sehr präsent gewesen: „Ich bin mit Frauen aufgewachsen, mit zwei Schwestern, die noch dazu meine Drillingsschwestern sind, mit der Mutter und der Großmutter. Das Drilling-Sein manifestiert sich auch in meinen Filmen: Auch in Abschied bin ich quasi mit diesen beiden Frauen sehr eng verbunden.“

Tatsächlich sind seine starken Frauenfiguren frappierend, und Zuschauerinnen reagieren darauf auch sehr positiv und sehr emotional. Schon Rainer Werner Fassbinder hatte ja gesagt, an Frauen ließen sich gesellschaftliche Widersprüche deutlicher ablesen – ein Statement, dem Wüst nach einigem Zögern zustimmt. „Vielleicht arbeite ich auch deshalb lieber mit Frauen, weil Männer, das heißt: Schauspieler, sich kaum öffnen. Es ist oft sehr schwer, an sie heranzukommen. Nenad Šmigoc, mit dem ich nun dreimal gearbeitet habe, ist da eine große Ausnahme. Und es ist auch so, dass es im Film mehr und bessere Frauenrollen als am Theater gibt, wo die Männerfiguren dominieren.“ Ebenso wie in Tape End, bei dem ja schon der Titel darauf verweist, geht es für Wüst in den beiden neuen Filmen wesentlich um „das Arbeiten mit Zeit. Plötzlich wird Zeit spürbar. Wir haben diese große Dialogszene in Abschied in meiner Wohnung gedreht, in Echtzeit, in einem durch. Gott sei Dank hat alles geklappt, wir haben keine Fehler gemacht und hatten keine technischen Probleme. Formal habe ich mich bewusst an Michael Snows Wavelength orientiert, einem Film, den ich sehr bewundere. Die Einstellung war immer die gleiche, wir haben nur im Nachhinein den Zoom immer weiter bewegt, sodass sich der Raum, der Rahmen allmählich verengte.“

Wie finanzieren sich eigentlich diese Filme, die mit wenig (die aktuellen) bis gar keiner (die älteren) Förderung auskommen mussten? „Ich habe es anfangs auf dem üblichen Weg versucht, also über Einreichungen bei Förderinstitutionen, habe aber schon bald festgestellt, dass ich dafür nicht die nötige Geduld aufbringe. Wenn ich eine Idee habe und einen Impuls, dann will ich den Film drehen, mit den Leuten, die ihn mit mir machen wollen. Dann setzen wir uns zusammen, besprechen, diskutieren, kochen, essen, es wird geprobt, dann geht es los. Da kann ich nicht warten, bis ein Gremium eine Entscheidung fällt. Das ist für mich wie beim Kochen: Was braucht man denn schon groß? Eine Handvoll Spaghetti, ein paar Tomaten und Zwiebeln, und schon hat man ein prima Essen.“ Um Vergleiche nicht verlegen, äußerst er gleich noch einen: „Ich habe Tischler gelernt und ich weiß noch, wie man einen Tisch oder einen Schrank macht: indem man ihn macht. Heute sind Tischler Holzingenieure. Sie wissen alles über Holz und seine Beschaffenheit, können aber keine Möbel mehr herstellen. Ich kenne einen Brunnenbaumeister, der hat in seinem Leben noch keinen Brunnen gebaut. Das ist nichts für mich.“ Auch da denkt man unwillkürlich an Fassbinder und dessen Vorgangsweise, das jeweils vorhandene Geld – egal wie viel oder wie wenig es war – in das nächste Projekt zu stecken, das ihm vorschwebte. Inzwischen gäbe es übrigens, so Wüst, auch „zwei, drei Gönner, die meine Arbeit unterstützen, weil sie wissen, dass sie mir vertrauen können.“

Das größte Ludwig-Wüst-Projekt steht noch bevor. Es hat den Arbeitstitel „Heimatfilm“, und Das Haus meines Vaters stellt so etwas wie den „Pilotfilm“ dar. Es soll in den nächsten Jahren kontinuierlich fortgesetzt werden, in loser Folge, in den unterschiedlichsten Formen, Formaten und Medien: „,Heimat‘ ist ein sehr sinnlicher Begriff, wie Atmen, Sehen, Hören, Leben. Heimat ist Leben.“ Zu dem Projekt gehört unter anderem ein Langzeit-Dokumentarfilm über die Bauern in seiner bayrischen Heimat, den Wüst als nächstes machen will. Seine Texte und Notizen („ich schreibe sehr viel“) sollten auch einmal gesammelt erscheinen, sagt er. Also wird man auf den „großen Spielfilm“ wohl noch warten müssen? Ludwig Wüst: „Wenn ein Produzent mit einem spannenden Projekt an mich herantritt, werde ich sicher nicht nein sagen. Es ist nicht so, dass mich das nicht reizen würde. Aber bis jetzt ist mir noch nichts untergekommen.“