Karo ist ein Problem für ihre Mitmenschen. Ein großes sogar. Ob die Therapie was nützt?
Mängelexemplare – so nennt man Bücher, die einen kleinen Schaden haben, sich aber trotzdem noch prima lesen lassen, also ihrer eigentlichen Bestimmung nachkommen. Bezogen auf Karo (Claudia Eisinger) bedeutet dies, dass eigentlich alles in Ordnung sein könnte. Doch schon der Beginn der Rahmenhandlung, der die Geschichte als lange Rückblende ausweist, zeigt Karo bei einer Psychotherapeutin. Und dann beginnt sie zu erzählen, laut, hektisch, ungeduldig und übergeschnappt, vom Rausschmiss bei der Eventagentur, wo sie sich selbstbewusst, vielleicht ein bisschen zu vorlaut und vorschnell eingebracht hat, vom Ghosting ihrer besten Freundin, vom plötzlichen Aus mit dem Freund. Und das, obwohl sie so intelligent, attraktiv, liebenswert und schlagfertig ist. Angefangen hat die Krise mit einem Nervenzusammenbruch im Baumarkt, etwas stimmt mit Karo nicht, und so stürzt sie sich voller Eifer in eine Therapie, will alles richtigmachen und macht gerade deshalb alles falsch. Mutter und Großmutter sind auch keine große Hilfe. Kriegt Karo ihr Leben wieder in den Griff? Therapeutin Annette hat so ihre Zweifel.
Leseratten muss man gar nicht viel erzählen: „Mängelexemplar“ ist die Verfilmung des Bestsellers, den Sarah Kuttner, früher einmal Moderatorin bei VIVA, 2009 veröffentlichte. Der Film geht gleich in die Vollen und rast in den ersten Minuten in einer Mischung aus Hysterie und Klamauk wie ein Derwisch voran. Die Agentur-Chefin ist mit riesengroßer Hornbrille und einem Mix aus versteckter Skrupellosigkeit und gespieltem Verständnis deutlich als Stereotyp gezeichnet, der Wutausbruch im Baumarkt ist purer Slapstick, während auf der Tonspur Stimmen Gesagtes wiederholen oder der Hauptfigur etwas einreden. Dann wieder gibt es eine Foto-Folge von Plätzen in Berlin, an denen Karo schon geweint hat. Laura Lackmann gefällt sich in ihrem Regiedebüt zu sehr in ihren visuellen und akustischen Einfällen, zu selbstverliebt ist ihre Bild- und Ton-Collage. Und dann die Nebenfiguren: Tochter, Mutter und Großmutter geben eine ziemlich seltsame Frauenriege ab, während die Männer einfältig oder abwesend sind. Als Bild einer endogenen Depression (das der Film gleichwohl sein will) ist die Inszenierung viel zu überspitzt. Und Hand aufs Herz: Wirklich Weltbewegendes passiert hier nicht, mit fast zwei Stunden ist Mängelexemplar doch zu lang. Hedi Schneider steckt fest, in dem es auch um Angst- und Panikattacken im Verein mit Depressionen ging, ist da eindeutig der bessere Film.
