Nach seinem Erfolg mit der „Aladdin“-Neuauflage meldet sich Guy Ritchie mit einer weiteren seiner Gangsterkomödien zurück. Den größten Spaß an „The Gentlemen“ haben dabei Matthew McConaughey und Hugh Grant. Ein Gespräch über Stil, Tratsch und Laster.
Guy Ritchie weiß nur zu gut, dass das Filmemachen ein heikles Geschäft ist, mit dem es ganz schnell bergab gehen kann, wenn es an der Kinokasse nicht recht zu klingeln vermag. Mit Bier und herzhaftem Essen kann dagegen in Großbritannien nicht so schnell etwas schief gehen. Deshalb hat sich der Brite neben seiner Arbeit als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent neuerdings ein schickes Gastro-Pub zugelegt, in dem man Selbstgebrautes und Wild von seinem Gutshof in Wiltshire serviert. Keine schlechte Idee eigentlich, und vielleicht kam ihm auf dem Land auch die Inspiration zu der Figur, um die sich seine neue Gangsterkomödie The Gentlemen in erster Linie dreht: Mickey Pearson (Matthew McConaughey) ist ein eleganter Exil-Amerikaner, der seit 20 Jahren in England lebt und sich dort in der Provinz mit Hilfe des unwissenden, verarmten Landadels ein Marihuana-Imperium aufgebaut hat, über das er die Londoner Upper Class mit dem besten selbst angebauten Stoff versorgt, den es auf der Insel zu erstehen gibt. Doch langsam hat Mickey genug vom Geschäft und beabsichtigt, sich mit dem lukrativen Verkauf seines gutgehenden Betriebs in den Ruhestand zu verabschieden. Interessenten an seinen geschickt versteckten Hanf-Plantagen gibt es, wie erwartet, zur Genüge, und auch dass diese nicht unbedingt mit sauberen Karten spielen, um möglichst preisgünstig an Mickeys Geschäft zu gelangen, ist kein Wunder. Währenddessen muss Mickeys rechte Hand Ray (Charlie Hunnam) sich mit einem Privatdetektiv namens Fletcher (Hugh Grant) herumplagen, der mit seinem detaillierten Wissen um Mickeys kriminelle Machenschaften seinen ganz eigenen Profit aus der Sache zu schlagen versucht.
Ritchies grenzenlose Liebe zum Genre, seine Freude an der Verblendung und der Kunst des virtuosen Erzählens sind The Gentlemen bis ins Mark eingeschrieben und so omnipräsent wie der Rausch am Kino selbst. Jene selbstverschriebene Überdosis an allem führt jedoch mitunter in den Leerlauf und dazu, dass nicht jede Pointe in diesem rasanten (fast ausschließlichen) Männerreigen so leichtfüßig gelingt, wie sie gemeint ist. Dafür aber, und das muss man Ritchie lassen, holt der Regisseur mit der klugen Wahl seiner hochkarätigen Besetzung einiges wieder auf. Vor allem Hugh Grant als schmieriger Schnüffler, der im Auftrag eines Boulevardblatts agiert, zeigt, dass er sein Potenzial als Schauspieler auch mit 59 Jahren längst nicht ausgereizt hat, während Matthew McConaughey sich in jeder Szene umgeben von einer angemessenen Aura aus Eleganz, Lässigkeit und Erhabenheit über die Leinwand bewegt. Ihre Rollen im Film könnten verschiedener nicht sein, doch im Gespräch in Ritchies angesagtem Londoner Lokal wird schnell klar, dass sie vor allem eines im Film wie im Leben teilen: einen gesunden, ungenierten und nicht selten zweischneidigen Humor.
Interview
Mister Grant, Mister McConaughey, zum Einstieg eine Frage an Sie beide: Es gab eine Zeit, da galt es als der Inbegriff von Coolness, in einem Guy-Ritchie-Film mitzuwirken. Ist das heute immer noch so?
Matthew McConaughey: Ja.
Hugh Grant: Und wir sind der Inbegriff von Coolness, wenn Sie mich fragen. Das kann man durchaus sagen. Nicht wahr, Matthew? Wir beide?
Matthew McConaughey: Jetzt schon, definitiv.
Mister Grant, für Sie ist es sogar bereits der zweite Ritchie-Film.
Hugh Grant: In der Tat. Ich habe bereits The Man From U.N.C.L.E. mit Guy gedreht. Ich wusste also, was auf mich zukommt. Und mir war schon klar, warum er ausgerechnet mich für die Rolle des Fletcher wollte. Es steckt ein guter Witz dahinter, zumal ich gerade sieben Jahre damit verbracht habe, gegen Boulevardblätter vorzugehen, die mit Privatdetektiven und anderen Mitteln an ihre schmierigen Geschichten gelangen. Den Witz habe ich schon verstanden.
Wie stehen Sie zu den älteren Filmen, zu Guy-Ritchie-Klassikern wie „Snatch“ und „Lock, Stock and Two Smoking Barrels“, an die sich „The Gentlemen“ ja durchaus anlehnt?
Hugh Grant: Ich bin ein großer Fan. Ich bewundere Guy wirklich sehr. Vor allem auch, weil die Stärke des britischen Kinos traditionell immer eher im Schreiben und in der Schauspielerei lag, aber nicht so sehr im Visuellen. Und dann erschien plötzlich Guy auf der Bildfläche und hat mit seiner Art, Filme zu drehen, alles auf den Kopf gestellt. Er kommt ursprünglich aus der Werbung, und das merkt man sofort. Er kann die Dinge etwas sexier machen und stylischer, zumindest auf der Leinwand. Im Alltag haben wir Briten ja einfach keinen Stil. Und das ist unser Untergang. Geht es um Stil, schauen die Leute nach Paris oder Mailand. Geht es darum, wo die Menschen nett zu ihren Hunden sind, kommen sie nach London.
Matthew McConaughey: Das ist auch ein Grund dafür, warum ich zugesagt habe. Als ich das Drehbuch zum ersten Mal las, kam mir sofort der Gedanke: Hier bietet sich mir die Gelegenheit, mit Guy in genau dieser Arena zu spielen. Das liest sich wie Snatch, Lock, Stock oder RocknRolla. Und das ist die Art Film, die ich mit ihm machen wollte.
Ganz typisch für Guy Ritchie haben es die angeblichen Gentlemen in der Geschichte allesamt faustdick hinter den Ohren. Wie würden Sie den Begriff des Ehrenmannes für sich definieren?
Matthew McConaughey: Ein Gentleman ist jemand, der sich nicht in die persönlichen Dinge anderer Menschen einmischt. Ich kenne so einen echten Ehrenmann, und immer, wenn er nach anderen Leuten gefragt wird und ausplaudern soll, was sie wann gesagt oder getan haben, antwortet er gelassen: „Es ist nicht an mir, das zu erzählen.“ Sehr weltmännisch eben.
Hugh Grant: Und sehr elegant. Ich dagegen habe ganz gern ab und zu ein bisschen Tratsch. Ich bin kein Ehrenmann. Und die Figur, die ich im Film spiele, ist ja auch das komplette Gegenteil von einem Gentleman. Ihm geht es um nichts und niemanden außer sich selbst. Ich frage mich, warum ich immer wieder an solche Rollen gerate … solche extremen Narzissten.
Matthew McConaughey: Weil du ziemlich gut darin bist, Hugh. Und du genießt das doch auch, oder?
Hugh Grant: Ja, Spaß macht es schon.
Ist Fletcher angelehnt an jemand Bestimmten?
Hugh Grant: Nicht konkret, aber nachdem ich zugesagt hatte, habe ich mich mit ein paar von den Leuten getroffen, gegen die ich einst eine Kampagne gestartet hatte, weil sie in meine Wohnung eingebrochen sind, mein Telefon abgehört und meine ärztlichen Unterlagen gestohlen haben. Heute verstehe ich mich mit einigen von ihnen ganz gut. Manche arbeiten sogar für mich, weil wir gemeinsam gegen die großen Chefs vorgehen wollen. Sie haben damals ja nur ihren Job gemacht. Die Schuld tragen diejenigen, die ihnen den Auftrag dazu gegeben haben, in meinem und anderer Leute Leben herumzuschnüffeln. Aber ich war sicher inspiriert von ein paar Eigenheiten, die diese Jungs an den Tag legen, etwa wie sie sich kleiden, die Sonnenbrillen, die sie tragen, sowas eben.
Und wie sie reden? Vor allem dafür ist Guy Ritchie ja auch bekannt, für seine visuelle und sprachliche Verspieltheit.
Matthew McConaughey: Absolut. Es gibt sicher ein gewisses Maß, dass Guy vorschwebt und nach dem er sucht. Er kreiert seine eigene Musik und sein eigenes Merriam-Webster’s Wörterbuch.
Hugh Grant: Das stimmt. Der Dialog ist nie ganz natürlich, auch in der Hinsicht ist alles immer stilisiert.
Matthew McConaughey: Und es kommt fast mehr darauf an, wie die einzelnen Figuren sprechen, als auf das, was sie sagen. Keiner der Charaktere ist an einen bestimmten Sprachschatz gebunden, der etwa berufsbedingt ist. Wir spielen keine Anwälte oder Astronauten. Hier geht es um Gangster. Da sind vor allem Machtdynamiken im Spiel, und das zeigt sich auch in den Gesprächen. Ich bin sehr natürlich in der Art, wie ich rede, und nutze relativ viele wortlose Hinweise, um Sätze und Gedanken miteinander zu verbinden. Davon wollte Guy zum Beispiel nichts wissen. Er mag es gern ganz einfach und klar. Schnell, aber klar. Als ich den Dreh raushatte, habe ich das sehr genossen.
Angeblich schreibt Guy Ritchie gern auch in letzter Minute alles noch einmal komplett um. Können Sie das bestätigen?
Matthew McConaughey: Er schreibt das, was er bereits umgeschrieben hat, an demselben Morgen nochmal um. Aber Hugh kann Ihnen mehr dazu sagen.
Hugh Grant: Ich habe diese extrem langen Monologe im Film. Und als fast Sechzigjähriger, der zu viel trinkt, kann ich mich heute nur unter großer Anstrengung an meine Sätze erinnern. Also fing ich vier Wochen vor Drehbeginn an, alles auswendig zu lernen, so dass ich den Text komplett verinnerlicht hatte, als ich ans Set kam. Ganz professionell. Aber dann sagte Guy plötzlich: „Nein, nein, nein. Wir haben das längst geändert. Hier sind zwei neue Seiten für dich.“ Da hatte ich einen kleinen Wutanfall und meinte zu ihm, ich könne das ja wohl unmöglich in fünf Minuten einstudieren. Und er antwortete lässig: „Kein Problem, wir haben einen Teleprompter.“ Woraufhin ich ihn darauf aufmerksam machte, dass ich immer noch Schauspieler sei und kein Nachrichtensprecher. Und so ging es noch eine Weile weiter. Aber am Ende haben wir es doch so gedreht, wie es original im Drehbuch stand.
Mister McConaughey, an einer Stelle im Film halten Sie eine schöne Rede über Laster. Was sind Ihre persönlichen Untugenden? Gibt es da etwas?
Matthew McConaughey: Sie meinen Heroin versus Marihuana? Also, Drogen gab es in den ersten fünfzig Jahren meines Lebens nicht, und ich habe nicht vor, das in der zweiten Hälfte meines Lebens zu ändern. Aber was sind meine Laster? Gute Frage. Da gibt es bestimmt etwas. Hugh, kannst du deine aus dem Stegreif benennen?
Hugh Grant: Sicher. Gier, Eitelkeit, such dir was aus.
Matthew McConaughey: Eitelkeit, das trifft auch auf mich zu. Wobei man da auch unterscheiden muss.
Hugh Grant: Und wie gesagt, ich trinke zu viel. Aber ich habe fünf Kinder, das erklärt alles. Ich habe gar keine andere Wahl. Nach sechs Uhr abends bin ich durch und greife nach allem, was mir in die Finger kommt.
Ein Motiv im Film ist die Vorstellung, manche Verbrechen seien ethisch eher gerechtfertigt als andere. Stimmen Sie dem zu?
Hugh Grant: In gewisser Hinsicht. Für Mickey Blue Eyes habe ich einige Zeit inmitten eines italienischen Mobs in New York verbracht. Und den Mitgliedern war es immer sehr wichtig, den Unterschied diesbezüglich herauszustellen, wie sie ihre Geschäfte regeln und wie, im Gegensatz dazu, die Koreaner oder die Russen-Mafia vorgehen würden, weil die angeblich sofort alle umbringen ließen, ohne mit der Wimper zu zucken. Und die Italiener morden eben nur untereinander und in den eigenen Reihen. Keine Ahnung, ob das tatsächlich stimmt. Aber mir hat die Vorstellung immer gefallen, dass es da eine Art Ehrenkodex gibt. Darauf baut ja letztendlich auch die komplette Romantik von Scorseses Filmen.
Matthew McConaughey: Absolut. Darum lieben wir alle The Godfather. Es gibt eine Ehre unter den Dieben.
Welche Filme sind es, die Sie voneinander am meisten schätzen?
Matthew McConaughey: Anstatt hier einzelne Filme zu benennen: Was mich an Hugh immer am meisten fasziniert hat, ist sein brillantes und unfehlbares Zeitgefühl. Die Art, wie er eine „schwangere Pause“ spielen kann, hat mich schon immer zum Lachen gebracht.
Hugh Grant: Und Matthew, was soll ich sagen, er ist ein erstklassiger Schauspieler – ein echter „Filmstar“-Schauspieler, wenn Sie mich fragen. Denn es besteht ein feiner Unterschied zwischen großartigen Schauspielern und großartigen Filmstars. Ich denke, Matthew ist beides. Er bringt eine Präsenz auf die Leinwand, die fesselnd ist, egal, wen oder was er spielt. Man hört ihm zu, man fühlt mit ihm. Und dann erzählt er mir heute, dass er seit 19 Jahren eine Schauspiellehrerin hat. Glaubt man sowas? Der Mann, der einen Oscar gewonnen hat, hat eine Schauspiellehrerin.
Auch heute noch?
Matthew McConaughey: Sie ist vor zwei Jahren verstorben, aber ich habe jetzt jemand Neues, ja.
Aber das klingt doch eigentlich gar nicht so verkehrt.
Hugh Grant: Ja, wahrscheinlich haben Sie recht. Roger Federer hat ja auch immer noch einen Tennistrainer. Das kann man sehen. Es zahlt sich definitiv aus.
