„Man kann nicht mehr einfach verschwinden“

| Thomas Abeltshauser |

Harmony Korine über seinen Film Spring Breakers, über Drogen, Teenie-Stars und Richard Wagner als Filmregisseur.

Erklären Sie uns bitte, was es mit dem Spring Break auf sich hat.
Kennt man das in Europa nicht? In Amerika ist es ein großes Ding, ein klassischer Initiationsritus, ein Phänomen mit Kultcharakter. Ältere Teenager, die schon auf dem College sind, fahren im Frühling, meist im März, eine Woche nach Florida oder Mexiko und drehen dort durch. Sie feiern, haben Sex, saufen und nehmen Drogen, randalieren und legen nicht selten den ganzen Ort auseinander. Danach steigen sie wieder ins Auto und fahren nach Hause und tun so, als sei all das nie passiert. Das hat mich fasziniert. Als Metapher, wofür es steht. Ich bin in Nashville aufgewachsen, und fast alle, die ich kannte, gingen auf Spring Break zur Redneck Riviera, wie wir das damals nannten. Ich selbst war aber nie dabei. Ich habe mich mehr fürs Skateboarden und solche Sachen interessiert. Aber ich hatte meine Erfahrungen, ich kenne mich ganz gut aus mit Exzessen.

Was hat Sie daran interessiert?
Wenn jemand einen Western dreht, muss er ja kein Cowboy sein. Mir gefällt das Setting, ich habe jahrelang Spring Break-Fotos gesammelt, von Websites der Studentenverbindungen, College-Pornos und so. Die Farben und Texturen auf diesen Fotos haben mich fasziniert, deswegen dachte ich, diese Welt wäre ein hübscher Hintergrund für die Geschichte, die ich erzählen will. Der Film handelt ja nicht nur vom Spring Break, das ist nur eine Station auf dem Weg dieser Mädchen, und er wird hoffentlich noch interessanter, wenn sie weiterziehen.

Wen wollen Sie mit Ihrem Film ansprechen, wer ist die Zielgruppe?
Ich hoffe, alle. Ich hoffe, es nicht nur eine bestimmte Nische. Natürlich enthält er bestimmte Tropen, die man aus Teenagerfilmen und College-Komödien kennt, aber es ist mehr. Mir ging es eher darum, den Film als eine physische Erfahrung erleben zu können, wie einen Drogentrip, eine Halluzination, die man am eigenen Körper spürt.

Wie kamen Sie darauf, mit Selena Gomez und Vanessa Hudgens zwei Teenie-Stars mit dem saubersten Disney-Image als raubende und mordende Gören zu besetzen?
Ich habe beim Schreiben viel Popmusik gehört, so Zeug, das auch diese Jugendlichen hören würden. Und ich dachte damals, es wäre ein interessantes Konzept, diese Rollen mit Mädchen zu besetzen, die Stars eben dieser Popkultur sind und mit der Mythologie zu spielen, die sie umgibt. Außerdem brauchte ich jemanden, der tatsächlich diese Rollen spielen kann und mutig genug ist, auch Sex und Gewalt darzustellen. Mir gefiel die Idee, dass sie komplett konträr zu ihrem Image spielen.

Der Drogenaspekt scheint aber sehr viel wichtiger zu sein als Sex. Verglichen mit Larry Clarks Kids von 1995, für den Sie das Drehbuch geschrieben haben, ist die Präsentation sexueller Akte hier fast harmlos …
In Kids ging es auch nur um Sex. Hier geht es auch um Gewalt und Geld und Drogen, die großen amerikanischen Ideen. Aber es ist komisch: Manche sagen mir, Spring Breakers sei zu krass, andere sagen, er sei zu harmlos. Es scheint weniger mit dem Film zu tun zu haben, als mit demjenigen, der ihn sieht.

Sie sind im Januar 40 geworden, sind inzwischen Vater einer kleinen Tochter. Sind Sie im Laufe der Jahre sanfter geworden?
Mussten Sie das erwähnen? Son of a bitch! Aber im Ernst: Ich war früher ein enthusiastischer Drogenkonsument und habe eine ganze Weile auf die richtig harte Tour gelebt, aber irgendwann will man andere Dinge. Ich habe jetzt Frau und Kind. Aber ich glaube nicht, dass sich meine Kunst verändert hat. Sie ist nicht weniger innovativ oder verstörend oder aufregend als früher. Natürlich ist Spring Breakers auf einem anderen technischen Niveau als meine früheren Filme.

Hat sich seit Kids verändert, was man im Kino zeigen kann, was Sex und Drogen angeht?
Jeder kann zeigen, was er will, es kommt immer darauf an, wie viele Leute man damit erreichen will. Was Tabus angeht, denke ich, ist es heute schwieriger das Publikum zu schockieren, weil durch das Internet alles Mögliche jederzeit verfügbar ist. Vielleicht ist Amerika politisch korrekter geworden als vor 18 Jahren, und wie die Leute kommunizieren und in Kontakt kommen ist heute anders. Damals konnte ich für eine Woche verschwinden und auf dem Hausdach schlafen, ohne dass es meine Eltern gejuckt hätte. Heute weiß durch Facebook jeder immer sofort, was man gerade tut. Es ist unmöglich geworden, zu verschwinden.

Larry Clark hat seinen letzten Film direkt auf seiner Website veröffentlicht. Sie gehen genau in die andere Richtung – weg vom Arthouse, hin zum Multiplex.
Meine Filme werden größer, weil meine Ideen größer werden. Ich bin da viel ehrgeiziger, ich will, dass möglichst viele Menschen meinen Film sehen. Ich möchte so innovativ, radikal und persönlich wie möglich sein und zugleich Leute ins Kino locken, die sich normalerweise nichts von mir anschauen würden. Das finde ich gerade sehr aufregend. Ich wollte nie elitäre Kunst machen, ich wollte den Leuten nie das Gefühl vermitteln, sie müssten sich qualifizieren, um meine Kunst zu verstehen. Deswegen kann ich auch mit dem Konzept des Independent-Kinos nichts anfangen. Ich wollte radikales Kino machen, aber immer mit dem Wunsch, es möglichst kommerziell zu verbreiten. Es hat nicht immer geklappt, aber ich wollte nie für eine Nische arbeiten.

Auch visuell unterscheidet sich Spring Breakers von früheren Werken wie Gummo oder Julien Donkey Boy
Es hängt immer vom Projekt ab. Zuvor habe ich einen Film gemacht, der hieß Trash Humpers, den ich auf altem VHS-Material gedreht habe, der wie recycelter Müll aussehen sollte. Der war ebenso ästhetisch, aber eine Ästhetik, die fies und trashig aussehen sollte. Er ging ins andere Extrem, aber man könnte darüber streiten, welcher Film am Ende stylisher ist. Filmmaterial, Kameras und Technik sind wie Musikinstrumente, ich fühle mich keiner bestimmten Form verpflichtet, ich reagiere nur auf ein bestimmtes Bauchgefühl oder Konzept.

Die Kamera führt Benoît Debie, der auch die Filme von Gaspar Noé fotografiert hat. Haben Sie sich für ihn entschieden, um eine neue Ästhetik zu entwickeln?
Absolut. Ich wollte einen innovativen Kameramann, ich wollte Bilder, die vom Himmel fallen, die das Auge attackieren, aggressiver sind, so ähnlich wie Videospiele oder elektronische Musik. Benoît ist da sehr erfinderisch und hat ein hervorragendes Gespür für die Farben und Bewegungen, die ich haben wollte.

Wie haben Sie Ihren vier Schauspielerinnen erklärt, was sie von Ihnen erwarten?
Ich habe vorher viel mit ihnen geredet, ihnen Fotos und Filme gezeigt, damit sie verstehen, in welche Richtung es gehen soll. Aber am Ende setzt man sie ins Setting, und dann ist es wie eine chemische Reaktion und man wartet auf die Explosion. Ich sehe es als eine merkwürdige Art von Magie, die da abläuft.

Wie haben Sie die Massenpartyszenen inszeniert?
Im Grunde haben wir nur ein paar Hundert Kids zusammengetrommelt und einen ganzen Tag feiern lassen und das dann aufgenommen und mit verschiedenen Kameras und Zeitlupen experimentiert, um diese impressionistischen Momente einzufangen.

Bei den Dreharbeiten lockten die Teenie-Stars immer wieder Paparazzi und Fans an. Wie hat das Ihre Arbeit beeinflusst?
Mir war das vorher nicht so klar. Diese Mädchen sorgen für einen extremen Fanatismus bei ihren Anhängern, den ich noch nicht mal bei den größten Hollywood-Stars erlebt habe. Wir haben ja nicht im Studio, sondern an realen Orten gedreht, und es kam immer wieder zu Massenaufläufen. Ich habe dann die Energie genutzt und in kürzester Zeit kleine Mikroszenen gedreht und dann schnell weg zur nächsten Location. Das war fast Guerilla-Filmen. Und ich wollte mit diesen Mikroszenen experimentieren, eine Struktur wie bei elektronischer Trancemusik schaffen mit Loops, Samples und Wiederholungen. Der Film als eine Art aggressiver Poptrack. Mit einer Narration, die fließend ist und Zeit im Grunde irrelevant. Es sollte mehr um Energie und Rhythmus gehen.

Neben Ihren Spielfilmen drehen Sie viele Kurzfilme, auch für Installationen, und Sie malen auch. Herrschen in der Kunstszene größere Freiheiten?
Nein, ich wollte schon als Kind immer alles machen. Ich fühlte mich wie ein wahrer Künstler der Moderne, der alles macht. Ich sehe da keine Abgrenzungen. Auch wenn ich am meisten für meine Filme bekannt bin, ist mir diese Kunstform wichtiger als andere. Ich schreibe Bücher, ich male – und es hat alles denselben Ursprung, entspringt derselben Ästhetik.

Sie sind sehr jung sehr bekannt geworden. Hat Ihnen das geschadet?
Nein. Ich wusste schon in der Highschool, dass ich berühmt werden würde, denn ich brannte und konnte meine Ideen nicht zurückhalten. Ich wusste schon als Kind, dass ich Filmemacher werden würde. Niemand konnte mich aufhalten. Aber es war auch eine durchgeknallte Zeit damals, um es mal vorsichtig auszudrücken. Wenn man als junger Mensch so brennt und ein solches Leben führt, kann es sehr gefährlich werden.

Wie war Ihre Zusammenarbeit mit Larry Clark, und wie sehen Sie das heute?
Ich sehe es überhaupt nicht, weil wir uns seit 15 Jahren oder so nicht mehr gesehen haben. Ich halte ihn noch immer für einen tollen Künstler, vor allem als Fotograf. Ich habe damals bei Kids viel gelernt, ich war selbst noch ein Kind, und es hat mich zudem gemacht, was ich heute bin.

Sie haben einmal gesagt, Richard Wagner wäre heute Filmregisseur. Welche Art von Filme würde er machen?
Gute Frage. Wahrscheinlich so was wie James Cameron, hehe.