David Fincher begibt sich auf die Spuren eines legendären Films
Als sich Herman J. Mankiewicz 1940 in einem Haus mitten im Nirgendwo der Mojave-Wüste einquartiert, um das Skript für den Debütfilm eines 24-jährigen Regisseurs namens Orson Welles zu schreiben, weiß er, das dies so etwas wie seine letzte Chance ist. Denn Mankiewicz, in den zwanziger und dreißiger Jahren gefeierter und hoch bezahlter Drehbuchautor im Dienst von Studios wie Paramount und MGM, ist in Hollywood mittlerweile wegen seiner schweren Alkoholabhängigkeit und seinem exaltierten Verhalten in Ungnade gefallen. Mit einem gebrochenen Bein zusätzlich angeschlagen, macht sich Mankiewicz, betreut von einer Krankenpflegerin und einer Sekretärin, an die Arbeit, die schließlich das Drehbuch zu Citizen Kane hervorbringt – bekanntermaßen ein ikonisches Werk der Filmgeschichte.
David Fincher, einer der herausragenden Regisseure des US-amerikanischen Kinos der vergangenen zweieinhalb Jahrzehnte, hat sich dieses Szenarios – das Drehbuch verfasste sein 2003 verstorbener Vater Jack – angenommen und seine Position mit Mank bestätigt. Kulturpessimist Fincher, der seine grimmige Skepsis mittels populären, doch höchst unterschiedlichen Sujets – wie etwa Seven, The Game, Fight Club oder Zodiac – zu vermitteln versteht, hat Mank erwartungsgemäß nicht als Biopic konventioneller Art inszeniert. Das Entstehen von Citizen Kane bildet dabei die linear in Szene gesetzte Basis, von der Fincher mittels einer Reihe von Flashbacks Herman Mankiewicz’ Erfahrungen – begleitet von seinem jüngeren Bruder Joseph, der selbst einer der ganz großen Regisseure werden sollte – im Hollywood der dreißiger Jahre rekapituliert. Hier erweist sich Mank als Hommage an die viel zitierte goldene Ära Hollywoods, doch Fincher betont dabei ebenso deutlich die dunklen Seiten der Traumfabrik. Denn neben der echten Filmbegeisterung, die bei den großen Studiochefs wie Louis B. Mayer zweifellos vorhanden ist, sieht sich Mankiewicz auch immer wieder mit unfassbarer Ignoranz konfrontiert. Und wie im Zweifelsfall die Machtverhältnisse sind, wird er selbst brutal erfahren müssen. Die eloquente Spitzzüngigkeit des belesenen vormaligen Theaterkritikers Mankiewicz – Gary Oldman liefert an der Spitze eines wunderbaren Ensembles eine seiner besten Karriere-Leistungen ab – wird nur solange goutiert, bis der vermeintliche Hofnarr Hollywoods den Mächtigen wirklich auf die Füße tritt. Und Fincher zeichnet auch das von der großen Depression schwer gezeichnete Amerika, das in der Suche nach gesellschaftlichen Lösungen politisch stark gespalten – anhand der Wahl des Gouverneurs von Kalifornien 1934 zwischen Upton Sinclair mit seinem umfassenden Sozialprogramm, für den sich Herman J. Mankiewicz stark macht und Frank Merriam wird diese Kluft verdeutlicht – erscheint.
Formal und dramaturgisch präsentiert sich Mank als eine Art Pastiche. Die Gestaltung der Schwarzweiß-Bilder verweist deutlich auf den visuellen Stil des klassischen Hollywoods samt spezieller Reverenzen an Citizen Kane selbst, die Dialoge mit ihrem präzisen Wortwitz und Esprit, wo jeder Satz genau sitzt, orientieren sich ebenfalls stark an jener goldenen Ära. Dass bei den Rückblenden jene mosaikartige, nicht-lineare Erzählstruktur zum Einsatz kommt, die Herman Mankiewicz bei seinem Citizen-Kane-Skript noch vehement verteidigen musste, erweist sich als eine jener feinen Hintersinnigkeiten, die sich immer wieder in David Finchers Arbeiten finden.
