Der britische Drehbuchautor Peter Morgan liefert mit dem Ensemblefilm „360“ (Kinostart 24. August) seinen Beitrag zum Schnitzler-Jahr. Viel vom Reigen lässt sich in der losen Variation auf Schnitzlers umstrittenes Meisterwerk zwar nicht mehr erkennen, dafür aber umso mehr die Handschrift des Erfolgsautors und seines Regisseurs Fernando Meirelles.
360 eröffnete im vergangenen Oktober das 55. London Film Festival. Wäre da eine Premiere zur Viennale nicht viel passender gewesen?
Ja, eigentlich schon und ich hatte das auch angefragt, aber diese Entscheidung haben letztlich die österreichischen Produzenten getroffen, nicht ich. Ich persönlich hätte das auch sehr schön gefunden und es wäre sicher passender gewesen. Ich denke, der Film ist in seinem Herzen viel mehr zentral-europäisch als angelsächsisch, wenn Sie so wollen.
Fühlen Sie sich persönlich mittlerweile in Wien auch mehr zu Hause als in England?
Ich bin gebürtiger Brite, das heißt, England ist meine Heimat und wird es immer bleiben, daran kann ich nichts ändern. Aber vor allem 360 ist natürlich sehr stark von Wien inspiriert. Es ist die Stadt in der ich zurzeit lebe.
Was hat sie an Schnitzler und insbesondere am Reigen so fasziniert?
Das war zunächst mal eher eine pragmatische Entscheidung. Ich bekam eine Anfrage vom ORF, ob ich nicht Interesse hätte, zum 150. Geburtstag von Arthur Schnitzler eine Adaption fürs Fernsehen zu schreiben. Ich fand die Idee grundsätzlich sehr spannend, allerdings gab es für mich dabei zwei entscheidende Störfaktoren: Zum einen wollte ich keine einfache Adaption verfassen, sondern meine eigene Geschichte schreiben. Zum anderen, kann ich nicht auf Deutsch arbeiten. Also habe ich nachgefragt, ob ich das Drehbuch auch auf Englisch schreiben könnte, inspiriert von Schnitzler, aber keine Adaption. Entstanden ist daraus schließlich ein Kinofilm und ein ganz eigener, moderner Reigen, der nicht nur in Wien spielt, sondern rund um den Globus, auf der ganzen Welt. Und in dieser Hinsicht fühlt es sich sehr stark nach dem Leben an, dass ich in den vergangenen zehn Jahren selbst geführt habe: ständig unterwegs von einem Flughafen zum anderen, dazwischen beiläufige Gespräche und Begegnungen mit allen möglichen Leuten, und plötzlich fragt man sich, wie man in Wien gelandet ist.
360 ist ein Episodenfilm, allerdings verlaufen die Übergänge zwischen den verschiedenen Handlungen sehr fließend und sind visuell raffiniert in Szene gesetzt. Wie sehr hatte Fernando Meirelles da seine Hand im Spiel? Wie lief die Zusammenarbeit zwischen Ihnen?
Der Großteil von dem, was Sie im Film sehen, war auch so schon im Drehbuch angelegt, aber Fernando hatte auch jede Menge tolle Ideen, von denen wir natürlich so viele wie möglich übernommen haben, wie beispielsweise den Übergang mit dem Flugzeug oder die Einstellung ganz am Schluss in Berlin. Das sind wunderbare cineastische Momente und Fernando hat ein unglaublich gutes Auge dafür.
Macht es Ihnen eigentlich etwas aus, wenn ihre Drehbücher manchmal noch bis zur letzten Klappe umgeschrieben werden?
Jeder Film ist anders, auch für den Drehbuchautor. Ich mag die Auseinandersetzung mit den jeweiligen Regisseuren und ich kann mich sehr glücklich schätzen, denn in den meisten Fällen schreibe ich das Drehbuch zunächst einmal selbst und dann kann ich mir im Grunde aussuchen, wem ich es gebe. Generell versuche ich nur mit Leuten zusammenzuarbeiten, die gewillt sind, mit mir ein konstruktives, wohlwollendes Arbeitsverhältnis aufzubauen. Aber ich weiß, dass es vielen Kollegen anders geht. Die dürfen dann nicht ans Set oder werden beim Umschreibprozess nicht mehr gefragt. Aber wie gesagt, bis jetzt hatte ich meist sehr enge, gute Kooperationen mit den Regisseuren.
Wie war es, mit Clint Eastwood zusammenzuarbeiten?
Clint Eastwood ist eine Ausnahme. Er hat das Buch zu Hereafter angenommen, und zwar so, wie ich es geschrieben hatte, und das war’s. Danach habe ich ihn kaum noch gesehen. Eine echte Zusammenarbeit kam dabei leider nicht zu Stande.
An wen denken Sie, wenn Sie schreiben? Haben Sie da meist einen bestimmten Regisseur schon im Kopf, oder denken Sie an das Publikum, dass Sie mit dem Film ansprechen oder eventuell provozieren wollen?
Ich denke schon an das Publikum, aber ich möchte niemandem vorschreiben, wie er oder sie die Geschichte aufzunehmen hat. Was 360 angeht – und das trifft auch auf meine früheren Filme zu – hoffe ich, dass verschiedene Menschen auf spezielle Szenen anders reagieren Ich möchte, das jeder für sich seine eigene Bedeutung daraus zieht, und ich mag es, wenn die Geschichten verschiedene Reaktionen hervorrufen. Ich habe auch in The Queen oder bei Idi Amin in The Last King of Scotland oder bei Richard Nixon immer versucht, die Figuren nicht von vorn herein als Schurken oder Bösewichte darzustellen, so dass sich der Zuschauer sein eigenes Bild machen kann. Man kann sich das auch wie ein abstraktes Gemälde vorstellen, das einen dazu provoziert, viele verschiedene Dinge zu denken und die unterschiedlichsten Interpretationen in die Betrachtung miteinzubeziehen.
Fällt es Ihnen leichter, fiktionale Geschichten zu schreiben?
Es kommt immer auf den Stoff an, aber es stimmt schon, in gewisser Hinsicht sind Drehbücher wie 360 einfacher, weil man im Grunde sein eigener Chef ist und die Geschichten genauso gestalten kann, wie man sie gerne hätte.
Was 360 angeht, durften Sie allerdings Schnitzler nicht ganz aus den Augen verlieren.
Ja, aber ich habe mich diesbezüglich tatsächlich recht frei gefühlt. Wenn Sie mich gefragt hätten, ob es sich dabei um eine Adaption oder ein eigenständiges Drehbuch handelt, hätte ich gesagt, es ist ein eigenständiges Drehbuch. Nachdem ich das Konzept im Kopf hatte, habe ich während des Schreibens eigentlich nicht mehr an Schnitzler gedacht. Und wenn, dann nur um mich zu vergewissern, dass es nicht nach Schnitzler klingt.
Wenn man sich Ihre Filmographie anschaut, fällt ein Film auf, der zwar von den Kritikern hochgelobt wurde, aber leider, wenn überhaupt, viel zu kurz im Kino zu sehen war: The Damned United, unter der Regie von Tom Hooper, über die chaotische, nur 44 Tage währende Amtszeit des charismatischen Trainers Brian Clough [gespielt von Michael Sheen; Anm.] bei Leeds United in der Saison 1974/75.
Ja, das ist ein wunderbarer Film und ich bin sehr stolz darauf. Und das Schreiben hat damals unheimlichen Spaß gemacht, weil die Geschichte sehr mit meinen Kindheitserinnerungen verbunden ist. Das war, als wäre ich wieder elf Jahre alt und mittendrin.
Was macht für Sie den Reiz aus, Geschichten zu schreiben, die auf wahren Begebenheiten und Personen beruhen?
Es geht mir vor allem um den Mix an unterschiedlichen Charakteren, die dabei im Spiel sind. Das heißt, ich hatte kein Interesse daran, Richard Nixon für seinen Macht- und Ämtermissbrauch zu verurteilen, der letztlich zur Watergate-Affäre führte. Was mich dabei fasziniert hat, war vielmehr der Konflikt zwischen Nixon und David Frost. Ich fand diese beiden Charaktere unheimlich spannend: der eine ein Playboy, der andere ein Depressiver. Einer wollte Macht, der andere hatte Macht. Bei Niki Lauda und James Hunt ist das ganz ähnlich [Rush (2013), Regie: Ron Howard, Verfilmung des sportlichen Duells zwischen den Formel-1-Legenden; Anm.], deshalb hat mich die Geschichte auch gereizt, nur der Schauplatz ist diesmal eben ein anderer. Was ich damit sagen will, ist, dass es mir in erster Linie um die Konflikte in zwischenmenschlichen Beziehungen geht. Ganz ehrlich, eine Geschichte nur über Richard Nixon hätte mich einfach nicht interessiert. Allein die Tatsache, dass David Frost da war, machte die Sache für mich spannend, so wie Tony Blair in The Queen. Mir war von vornherein klar, dass ich keine Geschichte nur über die Queen schreiben würde, auch wenn alle Produzenten das zunächst wollten.
Arbeiten Sie deshalb, quasi als Ausgleich zu langwierigen Filmprojekten, immer wieder auch fürs Fernsehen?
Ja, und mir ist das Schreiben fürs Fernsehen eindeutig lieber, weil die Leute da viel vernünftiger sind. Es macht einfach mehr Spaß mit Menschen zu arbeiten, die normal sind. Das Ganze ist weniger anstrengend, weniger intensiv, aber auch weniger glamourös und nicht so lohnend, das heißt, man trifft man dort auch eher auf Leute, die recht uneitel sind und schon allein deshalb angenehmere Arbeitskollegen.
Wie sind Sie eigentlich zum Drehbuchschreiben gekommen?
Ich habe zunächst als Schauspieler gearbeitet, aber ich habe es gehasst. Allerdings liebte ich das Theater und wollte dort bleiben, also habe ich ein Stück geschrieben und das hat dann auch gleich einen Preis gewonnen. Seitdem habe ich nichts anderes mehr gemacht. Aber ich wollte eigentlich nie Autor werden. Das habe ich nun davon! [Lacht.]
