Manon de Boer

Konzentrierte Entrücktheit

| Daniela Gregori |
Zeit spielt eine große Rolle in den Videoarbeiten der niederländischen Künstlerin Manon de Boer, die im Sommer in der Wiener Secession zu sehen sind.

Die Tänzerin Cynthia Loemij scheint sehr konzentriert den Klängen der Violine zu lauschen. Den Blick entrückt, unmerklich in den Regungen, scheint die junge Frau die Musik zu verinnerlichen, um nach dem Ende von Eugène Ysaÿes „Drei Sonaten für Violine solo“ in die auftretende Stille zu tanzen. Nach drei Minuten wird es dunkel, die Geräusche ihrs Atems, der Bewegungen, der nackten Füße auf dem Parkett, sind weiter vernehmbar, und bis das Bild wieder sichtbar wird, ist man versucht, die Choreografie der Tänzerin zu memorieren. Manon de Boer fasziniert nach eigenen Angaben die Beobachtung von Menschen, die lesen, denken, ein Musikstück spielen oder eben zuhören. Menschen erlangen in diesen Momenten konzentrierter Aktivität  eine nahezu unnahbare Innerlichkeit, vergessen dabei, wie es die in Brüssel lebende niederländische Künstlerin einmal so schön formuliert hat, ihr „soziales Gesicht“. Stattdessen spiegelt ihr Anblick jenen mentalen Raum wider, in dem sie sich in ihrer geistigen Tätigkeit zurückgezogen haben. Wie auch in vielen anderen Arbeiten thematisiert Manon de Boer in Dissonant (2010) ebenso das Medium Film selbst. Jene Zeit, in der es für den Betrachter dunkel ist, wird benötigt, um die 16mm-Filmrolle zu wechseln, die die Bilder liefert, während die Tonspur über ein weiteres Gerät aufgenommen wird. Diese Irritation schafft eine Distanz zwischen Film und Realität, die das herkömmliche Genre stets zu überbrücken versucht.

Bereits bei der letzten documenta hat De Boer einen Raum genutzt, um  verschiedene Wände alternierend zu bespielen. In der Secession findet Dissonant  nun ein Gegenüber in einer früheren Arbeit. Man lauscht einem fulminant vorgetragenen Violinsolo von Béla Bartók; allein die Bewegungen des Musikers scheinen weniger virtuos als dessen Vortrag. Sechs Mal insgesamt hat De Boer für Presto, Perfect Sound (2006) das Stück mit George van Dam aufgenommen und danach jene Teile zusammengeschnitten, die jeweils die beste Klangqualität aufwiesen. Auch hier wäre man geneigt, es anders zu erwarten, denn  für gewöhnlich geht es im audiovisuellen Medium Film eher um das perfekte Bild als um den perfekten Ton.

Neben der Arbeit mit Musikern, Tänzern, Künstlerkollegen und Intellektuellen ist das Thema Zeit eine Konstante in De Boers bisherigem Œuvre. Vier Mal beispielsweise wurde Laurien, so auch der Titel der Arbeit, in den Jahren zwischen 1996 und 2015 beim Lesen der Zeitung gefilmt. Weder die Lektüre noch Sonstiges aus dem Umfeld ist hier auszumachen. Auch der konzentrierte verinnerlichte Blick der Frau ist derselbe geblieben, alleine der Anblick der Protagonistin weist jene Veränderungen des Äußeren auf, die verstrichene Lebenszeit mit sich bringt. Während sich Zeit in den früheren Arbeiten durch Parameter wie das Altern der Protagonisten oder dem Wechseln der Filmrolle in Dissonant und dem allzu offensichtlichen Schnitten in Presto, Perfect Sound wahrnehmen und somit  manifestieren lässt, haben Manon de Boer und Jeanette Pacher, die die Ausstellung „Giving Time to Time“ in der Secession kuratorisch betreut, nun neben den beiden erwähnten im ersten Raum neuere und neueste Arbeiten gewählt, die weiteren  Aspekten von Zeit gewidmet sind. Rhythmus ist der eine und meint damit jenen ganz individuellen Takt, der durch ein aktives Dasein vorgegeben wird. Für Maud Capturing the Light „On a Clear Day“, wurde eine Sammlerin aufgefordert, ihre im Flur gegenüber einem Fenster hängende Arbeit von Agnes Martin jedes Mal zu filmen, wenn sie diese betrachtet. Nun ist die Muße, ein Bild zu betrachten, nicht an Zeit gebunden, und so spiegelt sich der Wechsel von Tag  und Nacht in allerlei Lichtverhältnissen in der Verglasung des Kunstwerkes ebenso wider wie bisweilen Maud selbst.

Rund um das Entstehen von Kreativität gruppieren sich die anderen drei gezeigten Arbeiten. Die Schriften der Psychoanalytikerin Marion Milner (1900–1998)  mögen hier eine zentrale  Rolle  spielen, ebenso die Beobachtung des eigenen Sohnes. Man kennt das ja von sich selbst – jener Moment, in dem Langeweile in einen Zustand kippt, in dem man sich in der Phantasie verliert und Gedanken zu dem Gespinst verwoben werden, aus dem Tagträume sind. Was bei Milner in der Theorie untermauert wird, manifestiert sich beim Sohn als Spuren eines selbstvergessenen Spieles, die in der Wohnung zu finden waren. Untroubled Mind heißen diese filmisch aneinandergereihten Arrangements und Konstruktionen, die einer hinreißend  poetischen Balance und Ordnung folgen. Eine vergleichbare Zugangsweise, Kunst oder Literatur zu verstehen, konnte die Künstlerin bei dem Verleger Yves Gevaert beobachten, der hierfür assoziativ allerlei aus seinem Umfeld hinzureiht, in einen Kontext stellt und damit dem so Betrachteten eine zusätzliche Bedeutung verleiht. Ebenso wie die gebauten Tagträume des eigenen Kindes, ist Je kunt nooit volledig zijn (Du kannst nie vollständig sein) gewissermaßen als Kryptoporträt des in den Aufnahmen abwesenden Gevaert zu verstehen, und so funktioniert auch An Experiment in Leisure, benannt nach Milners Buch. De Boer kombiniert hierfür eine über einen längeren Zeitraum immer wieder aufgenommene Landschaft mit den Arbeitsplätzen von Kollegen, die sie für diese Arbeit auch interviewt hat. Die Menschen bleiben unsichtbar und werden alleine durch den Ort, an dem kreative Prozesse stattfinden, definiert. Wie bereits in den früheren Filmen, in deren Zentrum Menschen durch ihre konzentrierte Tätigkeit abwesend waren, kann man Manon de Boer bei ihren jüngsten Arbeiten als aufmerksame, präzise Porträtistin verstehen.

Mit der Ruhe der Landschaft, in der zeitvergessen Gedanken fliegen dürfen, den Gesprächen mit dem Umfeld, diesem langen Kreisen um ein Thema entsteht darüber hinaus ein Selbstporträt. Über die Bande von äußerer Wahrnehmung legt die Künstlerin auf subtile Weise  die eigenen geistigen Arbeitsprozesse dar. Wem ein Ausstellungsbesuch für derlei umfassende Einblicke zu flüchtig ist, dem sei mit dem Künstlerbuch „Trails and Traces“ weniger eine Dokumentation der Ausstellung als ihr gedrucktes Adäquat empfohlen.