David Cronenbergs Hollywood-Satire „Maps to the Stars“ führt natürlich nicht zu den Stars, sondern zu deren Abgründen. Nicht sein bester Film, aber ein eindringlicher und – für Fans von Julianne Moore, Mia Wasikowska, Robert Pattinson und John Cusack so oder so – ein sehr sehenswerter.
So verzwickt ist das mit dem Glamour: David Cronenberg macht einen Film, der u.a. das Starsystem kritisch reflektiert, fährt mit seinen Stars zum Festival nach Cannes, und prompt ist der Andrang so groß, dass die üblichen zwei Pressevorführungen bei weitem nicht reichen und der zu manch anderen Anlässen halbleere Pressesaal schon eine halbe Stunde vor Beginn der Konferenz überfüllt ist. Und dann fragt gleich ein junger Journalist, um Lacher zu generieren: „Mr. Pattinson, wie ist das, nach Juliette Binoche nun mit Julianne Moore schon wieder Sex mit einer schönen Frau in einer Limousine haben zu dürfen?“ Tja, wohl eher anstrengend, weil ja nur gespielt, aber jedenfalls ist es genau das, worum es hier nicht geht.
Egal: Cronenberg drehte seinen vorigen Film Cosmopolis mit Pattinson, um ihn finanziert zu kriegen. Cronenberg freut sich über die Silberne Palme für Julianne Moore („ray“ 07+08/14), denn das erleichtert womöglich die Finanzierung des nächsten. Die in der US-Filmindustrie vorherrschende Geisteshaltung zu persiflieren – auf der Basis eines cleveren, galligen Drehbuchs von Bruce Wagner –, kann der Kanadier sich leisten, weil dafür die gleichen Marketingmechanismen gelten wie für Hollywood-Kitsch. Hauptsache Stars, Hauptsache Hype. Aber es wäre nicht Cronenberg (Interview ab Seite 37), hätte Maps to the Stars nicht auch eine sublimere Qualität. Der Film zieht wohl über die Arbeitsverfasstheit der Traumfabrik her, im Grunde aber ist es der Alptraum einer Familiengeschichte.
Havana Segrand (Moore) ist eine Schauspiel-Zicke wie aus dem Typenlehrbuch. Um nicht zum Zombie im Ganzjahresmarkt der Eitelkeiten zu werden, ist sie wild entschlossen, sich die Hauptrolle im Remake eines Hollywood-Klassikers aus den Fifties zu krallen, in welchem einst ihre Mutter die Herzen des Publikums im Sturm eroberte, bevor deren Figur in einem Feuer ihr Leben ließ. Immer wieder sieht Havana sich den Film an. Die Angst, die Rolle doch nicht zu kriegen, bügelt sie durch intensiven Pillenkonsum nieder. Star-Motivationstherapeut Stafford Weiss (John Cusack, Interview ab Seite 39) walkt ihren verspannten Leib durch. Auch in Staffords Familiengeschichte hat es gebrannt, in der Hauptrolle damals Tochter Agatha (Mia Wasikowska), die deshalb bei ihm Hausverbot hat. Die unheilschwangere Agatha wiederum heuert als Mädchen für alles bei Havana an. Und Staffords Sohn Benjie (Evan Bird) steht für die Blockbuster-Komödie „Bad Babysitter 2“ vor der Kamera, hat viele Millionen auf dem Konto, den ersten Drogenentzug hinter sich, ist 13 Jahre alt, und so führt er sich auch auf.
Erzählt wird reichlich verschachtelt, die teils nachtmahresk erratische Bildgestaltung verlässt im Verein mit toxisch anmutendem Sound zusehends das Areal der Satire und öffnet ein Spiegelkabinett, in dem die Psyche der kranken Player gespenstisch auf die Psyche des Publikums überzugreifen droht – ein wenig wie früher bei David Lynch. So gesehen, ist Maps to the Stars weniger eine Breitseite gegen den zeitgenössischen Hollywood-Wahnsinn. Vielmehr kreiert er eine Hyperrealität sui generis, von der Hollywoods redundante Heldinnen und Helden von heute nur träumen können. Wenn überhaupt.
