Kicker, Kokser, Karikatur: Asif Kapadia porträtiert den einst beliebtesten Trickster der Fußballgeschichte.
Vielen gilt er als bester Kicker aller Zeiten, oder wenigstens als bester Dribblanski. Manche nennen ihn den Lionel Messi der 1980er Jahre. Für seine Aficionados glich er Gott. Die Anhänger des SSC Napoli bzw. eigentlich ganz Neapel brachte er mit den einzigen zwei Meistertiteln und dem einzigen UEFA-Cup-Sieg in der Geschichte des Vereins wiederholt zur Ekstase. Die argentinische Nationalmannschaft führte er zum WM-Titel 1986, das historische Viertelfinalspiel gegen England darf dabei als prototypisch gelten für die Ambivalenz dieses Helden: Das erste Tor erzielte er mit der Hand (nach dem Spiel sprach er von der „Hand Gottes“); das zweite nach einem Solo über das halbe Spielfeld, bei dem er sieben Spieler der gegnerischen Mannschaft austanzte (die FIFA erklärte es 2002 zum „WM-Tor des Jahrhunderts“). Ausschnitte, die natürlich in Asif Kapadias Film über Diego Maradona nicht fehlen.
Der Film konzentriert sich auf Maradonas Zeit in Neapel 1984-1991, nachdem Barcelona ihn nicht mehr haben wollte. Wie schon für seine Porträts des Rennfahrers Ayrton Senna und der Popgröße Amy Winehouse stöberte Kapadia in dutzenden Archiven und förderte auch privates Foto-, Film- und Videomaterial zu Tage. Parallel zu seinem Quotenhit Senna verbannt er die diversen Experten, Wegbegleiter, Vertrauten und den älteren Maradona auf die Tonspur und lässt ansonsten in schlüssiger Montage und elegantem Rhythmus die Archivbilder sprechen – und den jungen Star auf diesen für sich selbst. „Rebel. Hero. Hustler. God.“ Der Untertitel verweist auf die Widersprüchlichkeit eines zwischen Siegeswillen und sündhaftem Lebensstil hin- und hergerissenen jungen Mannes, der, in ärmlichen Verhältnissen in Buenos Aires aufgewachsen, schon im Alter von 15 Jahren eine vielköpfige Familie zu ernähren hatte. Maradonas Kokainsucht, seine Kontakte zur Camorra, der Umgang mit Prostituierten, das Leugnen seiner Vaterschaft aus einer Affäre waren nicht mitgemeint, wenn sein Name später als Synonym für einen begnadeten Kicker verwendet wurde (Andi Herzog z.B. nannte man mitunter den „Alpen-Maradona“). Kapadia spart auch diese Schattenseiten nicht aus, zeigt schön die Wandlung vom unsicheren, herzlichen Diego zum abgehobenen Ego-Partytier Maradona. An Stellen, wenn er sich unbeobachtet fühlt, kann man in seinem Gesicht wie in einem Buch lesen.
Nachdem der früher abgöttisch verehrte Superstar in den vergangenen zehn Jahren zuvörderst gegen sein Übergewicht gekämpft und peinliche öffentliche Auftritte hingelegt hat, ist es wohltuend, mit diesem Film eine Art Re-Boot des eigenen Bildes über Diego Armando Maradona geboten zu bekommen.
