Marianne & Leonard: Words of Love

Filmkritik

Marianne & Leonard: Words of Love

| Hans Langsteiner |
Materialreiche und berührende Filmdoku über Leonard Cohen und seine Muse

Den Song kennt wohl jeder, die Love Story dahinter nicht unbedingt. „So long, Marianne“ schrieb Leonard Cohen für jene Norwegerin Marianne Ihlen, die er 1960 auf der griechischen Insel Hydra kennen und lieben gelernt hatte. Die intensive Romanze der beiden, die trotz vieler Krisen in eine letztlich lebenslange Freundschaft mündete, ist Ausgangspunkt und Hintergrund dieser tollen Doku, die sich freilich – man ist versucht zu sagen, naturgemäß – mehr auf die Karriere Cohens konzentriert.

1960 war Cohen noch längst nicht der für seine düsteren Balladen gefeierte Weltstar. Unsicher und ruhelos arbeitete der Kanadier damals auf Hydra an Gedichten, für die sich kaum ein Verlag interessierte, und an seinem Roman „Beautiful Losers“, den ein Kritiker später als „most revolting book ever written in Canada“ bezeichnen sollte. Marianne Ihlen war ihm dabei seine „griechische Muse“, wiewohl sie sich selbst nur „zu seinen Füßen sitzen“ sah. Als sich Cohen, nicht zuletzt aus finanziellen Gründen, der Folk-Musik zuwandte und dabei, ermutigt durch Judy Collins, auf Anhieb Erfolg hatte, begann die Beziehung zu Marianne zu bröckeln. Eine andere Muse namens Suzanne tauchte auf, der Rest ist, wie es so schön heißt, Pop-Geschichte.

Mehreres ist bemerkenswert an dem Film, den der britische Dokumentarfilmer Nick Broomfield über das vor drei Jahren verstorbene Paar gefertigt hat. Dies ist keine geschönte Star-Biografie, sondern ein erstaunlich bitterer Rückblick auf die scheinbar so sorglose Ära der Sixties mit freier Liebe und jeder Menge Trips und Joints. Cohens Sex- und Drogensucht kommt ebenso ausführlich zur Sprache wie die daraus resultierenden depressiven Momente, die Mariannes Leben überschatteten und ihren aus einer früheren Verbindung stammenden Sohn letztlich sogar in psychiatrische Behandlung bringen.

Zum zweiten überrascht die Fülle filmischen Materials, die Broomfield, seinerzeit selbst vor Ort auf Hydra und kurz auch mit Marianne Ihlen liiert, vor allem zur Jugend- und Schriftsteller-Zeit Leonard Cohens aufgetrieben hat. Man sieht Home Movies aus der Kindheit, Marianne auf Hydra und am Sterbebett, Cohen-Clips aus allen Karrierephasen sowie eine Fülle von Interviews mit Zeitzeugen, Jugendfreunden und Mitarbeitern des Singer/Songwriters. Knappe Konzertmitschnitte künden vom Charisma des Sängers, anderes, etwa Cohens entschiedene politische Haltung oder sein Verhältnis zum Judentum, bleibt freilich ausgeklammert. Dennoch: Eine berührend melancholische Doku, unverzichtbar für Fans von Leonard Cohen – und wer wäre das schließlich nicht?