Marie Curie

Filmkritik

Marie Curie – Elemente eines Lebens

| Hans Langsteiner |
Überambitioniertes Biopic zwischen Feminismus und Wissenschaftskritik

An Filmbiografien über Marie Curie herrscht kein Mangel. Bereits 1943 stand die zweifache Nobelpreisträgerin im Mittelpunkt eines Biopics, und allein in den letzten sieben Jahren wurde Curies Leben noch dreimal verfilmt – die aktuelle Version nicht eingerechnet. Ihr kann man zumindest eines nicht vorwerfen: dass sie ihre Hauptfigur verklärt.

In der Tat erscheint die als Maria Salomea Sklodowska in Polen geborene Wissenschaftlerin hier so schroff und unnahbar, dass sich die Grenze zwischen Selbstbewusstsein und Arroganz mitunter nur schwer ziehen lässt. „Es gibt kein wir“, hält sie ihrem späteren Ehemann Pierre Curie entgegen, als dieser (zunächst) gemeinsames Arbeiten vorschlägt, und ein Professorenkollegium, das über ihre wissenschaftliche Zukunft entscheidet, brüskiert sie, indem sie den Raum verlässt, ohne eine einzige Frage zu beantworten. Die kompromisslos kantige Charakterisierung überrascht umso mehr, als die Dramaturgie sonst eher ausgetretenen Pfaden folgt. Einsetzend mit dem Todeskampf der Sterbenden im Juli 1934 hakt der Film Marie Curies Leben und Wirken in Form von Rückblenden ab: erste Erfolge als Radioaktivitäts-Forscherin, die Ehe, der zwei Kinder entstammen, die beiden Nobelpreise, der frühe Unfalltod ihres Mannes, eine skandalumwitterte späte Affäre mit einem ihrer Studenten und die Sanitäts-Tätigkeit im Ersten Weltkrieg.

Als feministisch befeuertes Porträt einer Frau, die sich in der Männerwelt der vorletzten Jahrhundertwende zu behaupten wusste, hätte der Film genug zu tun. Die iranisch-französische Regisseurin und Comic-Zeichnerin Marjane Satrapi (Persepolis) übt sich darüber hinaus in Wissenschaftskritik, und das macht die Sache ein wenig holprig. In die akkurat ausgepinselte Fin-de-Siècle-Atmosphäre platzen da immer wieder Sequenzen, die die unheilvollen Fernwirkungen der von Curie vorangetriebenen Atomforschung illustrieren sollen: der Abwurf der Atombombe auf Hiroshima, US-Kernwaffentests in Nevada und sogar die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Es sind diese Szenen, denen man die Herkunft des Drehbuchs von einer Graphic Novel („Radioactive“ von Lauren Redniss) besonders anmerkt.

Dazu passt eine Bildsprache, die sich in gesuchten Perspektiven (eine Liebesszene durch die Naben eines Fahrrads) und comichaften Trick-Collagen gefällt, und so den soliden Darstellerleistungen (Rosamund Pike und Sam Riley als Ehepaar Curie) nicht immer hilft. In Summe keine Katastrophe, aber der Bedarf an Marie-Curie-Filmen ist vorerst gedeckt.