Der britische Künstler Mark Leckey in der Wiener Secession: die erste große Präsentation seiner Arbeit in Österreich.
Ob man die Art und Weise, wie man mit bewegten Bildern umgeht, in Strategien der Bildhauerei umsetzten kann? Als der 1964 in Birkenhead geborene Mark Leckey Ende September 2013 mit seinem Entwurf „Large Squat Afar“ als einer von sechs auf der Shortlist für die „Fourth Plinth“, jenen leer gebliebenen monumentalen Sockel am Londoner Trafalgar Square öffentlich präsentiert wurde, fanden sich die Besucher vor einem kruden Konglomerat an Versatzstücken der umliegenden Denkmäler und Brunnen. Und davon gibt es dort durchaus viele.
Um es kurz zu machen: Mark Leckey ist leider keiner der beiden (beauftragt wurden Hans Haake und David Shrigley), die 2015/16 diesen zentralen Ort Londons bespielen, dennoch war es überzeugend, wie sich aus vor Ort bestehenden Details etwas Neues fügen lässt. Ob dies nun anatomisch richtig oder der Natur entsprechend ist, ist hier ebenso wenig die Frage, ob der Titel „Large Squat Afar“ in irgendeiner Sprache der Welt Sinn ergibt. Es ist ein Anagramm für die Bezeichnung des Ortes, von dem all die skulpturalen Zitate entnommen sind, dem Trafalgar Square. Gleichsam die historischen Denkwürdigkeiten eines ganzen Areals auf einem Sockel komprimiert. Dies entspricht, in ein anderes Medium umgesetzt, sehr konsequent Leckeys Arbeitsweise für Videos.
1999 fügte der modeaffine Künstler für sein Erstlingswerk „Fiorucci Made Me Hardcore“, Foundfootage Material von den Tanzflächen in den Clubs mit dem Soul der Siebziger bis zum Acid House der neunziger Jahre zu einem viertelstündigen persönlichen Essay über die Jugendkultur seiner Generation. Der Titel bezieht sich auf das Label des kürzlich verstorbenen Elio Fiorucci, der mit seiner Linie die englische Mode der „Swinging Sixties“ und die amerikanischen Basics (Jeans und T-Shirt) mit einer frechen italienischen Note versah. Der stets speziell ausgewählt gekleidete Leckey, einst selbst in Sachen Textilhandel am Portobello Market tätig, spricht in diesem Zusammenhang nachgerade ehrfürchtig von diesem Glauben an die Marke, die für ihn einen Lebensstil symbolisierte. Leckey bewegt sich für seine Arbeit sehr selbstverständlich in Bereichen der Jugend- und Alltagskultur, in Musik, Filmen wie Comics, oder in der Kunst von Kollegen wie Jeff Koons. Für „Made in Eaven“ (2004) umkreist die (digitale) Kamera den chromglänzenden „Rabbit“, in dem sich der leere Raum spiegelt, einmal rundum, bis man sich irgendwann fragt, warum eigentlich die Kamera nicht im Bild ist. Zuletzt hat der Künstler mit „MyAlbum: A Rough Demo Video“ (2014/15), all jene Ereignisse zusammengefasst, die für sein Leben wichtig waren. Das Material stammt aus den Jahren zwischen 1954 bis 1999, und Lecky selbst spricht von „meinen Erinnerungen“, wenngleich es vom Beginn der Aufzeichnungen noch ein Jahrzehnt dauern sollte, bis er geboren wird. Was einen verändert oder prägt, muss nicht zwingend unmittelbar oder gegenwärtig sein.
Leckey gilt, so hat es „The Guardian“ unlängst zusammengefasst, als der Künstler der YouTube-Generation, umso mehr freut die gemeinsame Entscheidung des Künstlers und der Kuratorin Jeanette Pacher, dass in der Ausstellung in der Wiener Secession in einem abgetrennten Seitenschiff des Hauptraumes alle Videoarbeiten gezeigt werden. „We Transfer“ ist der Titel der Schau, doch ist das Thema der Veränderung, dieser oftmals auch mit einem Moment der Unsicherheit verbundene Zustand, in dem eben etwas aus etwas anderem entsteht, ein zentraler Punkt im Werk Leckeys. In der Welt der Comics ist dies ebenso präsent wie in der christlichen Ikonografie, im wirklichen Leben sowieso. Und während der Künstler die Idee in teilweise auch für die Wiener Ausstellung produzierten Filmen, aber auch skulptural durchspielt, hat er diesmal eine Hauptfigur gewählt, einen in diesem Falle, allem Anschein nach, rechten Antihelden. Leckey selbst nennt seinen Protagonisten, der aus Billy Wilders Ost-West-Komödie One, Two, Three entnommen ist „Polka Dot Man“. Es handelt sich um jenen guten Geist, der stets zur Stelle ist, wenn MacNamara, Chef von Coca-Cola West-Berlin ihn mit einem lauten SCHLEMMER!!! ruft. Schlemmer, dargestellt von Hanns Lothar, hat den Wandel vom dienstbaren Nazi zum fleißigen, doch etwas unterwürfigen Assistenten bereits ganz gut hinbekommen, alleine auf die zackigen Anordnungen seines Chefs reagiert er noch mit heftigem Klacken der Absätze. Nur bei seinem Auftritt als Fräulein Ingeborg, im Ost-Sektor der Stadt, gerät er mit den hohen Absätzen beim Überqueren der Straße ins Straucheln. Die nächste Einstellung ist ein Bild des Jammers. Schlemmer im neuen Pünktchen-Kostüm der Chefsekretärin, etwas derangiert am Boden knieend, gibt das perfekte Bildnis der modernen Büßerin ab.
Der „Polka Dot Man“ ist zudem das verbindende Element zu Alessandro Raho, der von Leckey eingeladen wurde, das Grafische Kabinett in der Secession zu bespielen. Raho, geboren 1971 auf den Bahamas, ausgebildet in London, ist bekannt für seine Landschaften und Stillleben, vor allen Dingen aber für seine feinsinnigen Porträts von Familie und Freunden. In der Londoner National Portrait Gallery ist er mit dem eindringlichen Bildnis von Dame Judy Dench vertreten. Während im Kabinett nun einige der klassischen Porträts von Raho präsentiert werden, beteiligt er sich an „We Transfer“ mit seiner Umsetzung des „Polka Dor Man“ und gibt diesem Antihelden eines Schwarzweißfilms wieder seine Farbigkeit zurück. Die Wangen zaghaft rosig, Dekolleteé und Beine blass, werden die Punkte des Kostüms in Rot, Grün und Blau, den Farben der Leuchtdioden der LED-Screens, wiedergegeben.
Es sei großartig, etwas zu schaffen, das eine Wirkung auf die britische Kultur habe, sprach Leckey, als ihm 2008 der Turner-Preis zugesprochen wurde. Ist man wie er in England sozialisiert, würde man nie davor zurückschrecken, gleich Alice einem eiligen Kaninchen mit Taschenuhr zu folgen. Doch diesmal, wertes Publikum: Folgen sie dem Kerl im Pünktchen-Kostüm!
