Einnehmendes Sehen und Hören vergangener, aber nie vergessener Zeit
Auschwitz, Neuengamme, Dachau, Buchenwald – der in Grautönen in tiefer Dunkelheit sitzend strahlende, 105-jährige Mann hat sie alle er- und überlebt. Während Kamera, Montage und Licht sophistiziert diverse Perspektiven auf sein Gesicht und auf seinen in Sakko und Polohemd gehüllten Oberkörper erschließen, erzählt der Zeitzeuge Marko Feingold sein Leben. Er muss es erzählen, sagt er, bis niemand mehr die Gräuel leugnet, die darin geschehen sind. Als Kind sei er viel lieber in den Prater gegangen als in die Schule, vor allem, weil sein Lehrer Antisemit war. Im Dickicht der Attraktionen lernte Marko von den Schwindeleien der Schausteller. Nach beruflich ertragreicher Rundreise durch Italien mit seinem Bruder beeindruckt der mittlerweile junge Mann zurück in Wien mit seinem feinen italienischen Zwirn, kann sich keinen Abend ohne Tanz vorstellen – und steht eines Tages plötzlich als Jude mit den Massen am Heldenplatz. Dieses Mitgerissen-Sein von der Euphorie rund um die Ankunft Hitlers und der Wehrmacht währt jedoch nur sehr kurz.
So ungewöhnlich Feingolds Shoah-Erfahrung begann – erst im Nachhinein wurde ihm bewusst, wie gefährlich sein Aufenthalt inmitten der jubelnden Hakenkreuzmenge eigentlich gewesen war –, so unfassbar ging sie auch weiter: Mit ruhiger, leicht rasselnder, tiefer Stimme erzählt er von erster Festnahme und Prügel in Wien, von Flucht nach Prag, gefälschten Pässen in Polen und dem ersten Weg ins KZ. Auschwitz. Weil es dort „zu viele Tote“ gab, dann der Transport nach Neuengamme. Feingold berichtet, wie er es nicht ausgehalten hat, sich nach einem Jahr zum ersten Mal im Spiegel zu sehen. Von allen Erfahrungs-Nadelstichen, die in seinen Schilderungen hervorblitzen, ist dieser mit einer der durchdringendsten, weil er verdeutlicht, wie wenig man das Erlebnis radikaler Verachtung menschlichen Lebens selbst in sinnvolle Worte fassen kann. Wenngleich alle seine Worte sinnvoll sind, die immer wieder mit Archivmaterial unterbrochen werden. Im Gegensatz zum konternden Einsatz solcher Einschübe im formal identen Vorgängerfilm mit und über Brunhilde Pomsel, Goebbels Sekretärin, stört dieses Footage hier leider manchmal den Fluss.
Wider allen Wahrscheinlichkeiten wird Marko nach Inhaftierungen in vier KZs quasi wiedergeboren. Herr Feingold lässt sich in Salzburg nieder, von wo aus er Abertausenden von Juden zur illegalen Reise nach Palästina verhilft. In Wien wollte ihn ein gewisser Karl Renner nicht haben, doch auch in Salzburg ist man ihm als Juden nicht allzu wohl gesonnen. Davon legt Marko Feingold nämlich auch zentral Zeugnis ab: von der Absurdität des österreichischen Opfer-Mythos, der de facto nicht durchgeführten Entnazifizierung und auch zeitgenössischem Judenhass. Ein Pflichtfilm.
