Gelungene Darstellung eines verdienstvollen Lebens
Gerade mal 36 Jahre wurde Bob Marley alt. Und doch ist er nicht nur eine der ikonischen Gestalten der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts, sondern auch über drei Jahrzehnte nach seinem Tod noch eine Identifikationsfigur für Nonkonformisten auf der ganzen Welt. All jenen, die in ihrer Jugend zu „I Shot the Sheriff“ oder „No Woman No Cry“ Joint und Hintern schwenkten, sich darüber hinaus aber kaum Gedanken machten über das, was der Mann da eigentlich sang, nein, eher predigte, und vor allem: warum er das tat, kann Kevin Macdonalds umfassende Biografie Marley als Mittel zur späten Erleuchtung dienen. Schließlich stand Bob Marley nicht lediglich für den ungebremsten Konsum von Marihuana, vielmehr war dieser Konsum rituell eingebettet in die jamaikanische Glaubensbewegung der Rastafari – und die wiederum kam bei den europäischen Späthippies nur in sehr verkürzter Form an.
Doch nicht nur dieser Bildungslücke wird in Marley mit ausreichender Ausführlichkeit zu Leibe gerückt. Macdonald erhielt von Familie Marley uneingeschränkten Zugang zum Archiv und wusste dieses bis dato noch niemandem gewährte Privileg zu nutzen. Mit seinen 144 Minuten sprengt das Ergebnis nun den Rahmen dessen, was man von einer Musikdoku gewohnt ist. Und der eine oder die andere mag denken, die erst halbe Stunde, in der alte Jamaikaner in wildem Jamaikanisch von Marleys Kindheit und Jugend berichten, hätte auch etwas straffer ausfallen können. Jedoch ist dieser vergleichsweise Talking-Heads-lastige Einstieg ins dann rasch an Fahrt aufnehmende musikalische Geschehen der desolaten Materiallage hinsichtlich Marleys Anfangsjahren und Macdonalds historiografisch gründlicher Reaktion darauf geschuldet. Wer sich auskennt mit der Geschichte des Reggae, dem wird die Perspektive immer mal wieder ein wenig einseitig erscheinen und auffallen, dass beispielsweise die Verdienste Peter Toshs, mit dem zusammen Marley unter dem Namen The Wailers seine Karriere begann, etwas arg kurz kommen. Aber schließlich heißt der Film Marley und nicht Reggae, und insofern ist diese Sünde lässlich.
Als Musiker verfolgte Marley einen Auftrag, den man naiv finden kann, aber nicht gering schätzen darf: Er begriff sich als Prophet von Friede und Brüderlichkeit, und sein Glaube an seine Bestimmung findet Ausdruck in jenem Charisma, das Macdonald im klug ausgewählten und sorgsam montierten Material wieder sichtbar macht. Jenes Charisma, das heute noch wirkt.
