Tala Madani

Ausstellung | Tala Madani

Meditationen zur Mutterschaft

| Daniela Gregori |
Arbeiten von Tala Madani in der Wiener Secession.

Es ist mehr als ein Jahrzehnt her, dass Tala Madani ihr Debüt am Kunstmarkt feierte. „cake paintings“ hieß die Serie, in der ausgewachsene, bärtige Männer so allerhand mit üppigen rosa Torten trieben. Diese Männer, meist spärlich bis nicht bekleidet, latent übergewichtig, nicht mehr ganz jung, sind ihr über die Jahre als Protagonisten geblieben. Wie sie dargestellt wurden, schienen sie sich unbeobachtet zu fühlen, sie hatten ihre Rituale, folgten ihren Trieben, gafften, pissten, kackten und ejakulierten nach Herzenslust. Die so gelebte Männlichkeit war von einer nachgerade kindlichen Unbefangenheit. Es war dies weniger eklig, als dass den Arbeiten eine Komik innewohnte. Die junge Frau, die sie geschaffen hatte, verstand diese Durchschnittstypen gleichsam als Selbstporträts. Als Kind, damals noch in Teheran, so erzählt sie, hatte sie ihren Großvater oft in einen Park begleitet. Der Großvater plauderte mit seinesgleichen, man aß eine Kleinigkeit, fütterte die Vögel. Tala Madani war nicht nur fasziniert von dieser geheimen Welt der Männer, sie fühlte sich als eine von ihnen. Das mag als Erklärung dienen, dass der Künstlerin, die 1996, mit 15 Jahren, mit ihrer Mutter in die USA ging, nahezu ausschließlich Männer als tragisch-komische Antihelden ins Bild gerieten. Die Typen, die für gewöhnlich auf die in der Kunstgeschichte tradierte nackte Weiblichkeit starren, wurden hier, lapidar mit schnellen Pinselstrichen, aus der Imagination heraus, selbst bildwürdig.

Mit der eigenen Mutterschaft sollte sich das allerdings ändern. „Shit Moms“ ist der Titel einer neuen Serie, die nun auch der Ausstellung im Hauptraum der Secession den Namen gibt. Auch diesmal ist es nicht eine Frau, die die Hauptrolle spielt. Es sind Kleinkinder im Windelalter, die ins Zentrum rücken, mit einer braunen, zu Mutterfigur geformten Masse agieren, schmieren, davon kosten. Mutterschaft, an deren Spitze bisher in der Kunst die Jungfrau Maria stand, erfährt hier, drastisch vor Augen geführt, einen Antipoden, der den realen Empfindungen durchaus entspricht. Denn welche junge Mutter würde bestreiten, sich mitunter wie ein Häufchen Scheiße zu fühlen?

Die Künstlerin hinterfragt die Rolle der Mutterschaft und all die Erwartungen, die damit verbunden sind. Mit der Begrifflichkeit der Projektion hat sie dafür eine Losung gefunden, die inhaltlich wie formal funktioniert. Tala Madani hegt eine gewisse Obsession für kinematografisches Licht. Das wäre nun für jemanden, der Filme macht, weniger bemerkenswert, doch verfolgt sie dieses Interesse ebenso in der Malerei. Was sie dabei, wie sie ausführt, darstellen möchte, ist „Licht selbst als Medium – projiziert, brillant, strahlend“. Der Malgrund bleibt überwiegend im Dunklen, die spärlichen Lichtquellen ermöglichen die Szenerien zu lesen, der Rest bleibt diffus. Es ist dies eine Qualität, die der Künstlerin erlaubt, die Bilder flach zu halten, perspektivische Räumlichkeit zu verhindern, der Blick bleibt frei für das Wesentliche. Durch comichafte Figuren, skurrile Handlungen und eine absonderliche Farbigkeit stolpert man so in Themen, bei denen man sonst womöglich, die Realität verdrängend, nicht hinsehen wollte. Mit der Erheiterung geht ein Unbehagen einher, das Licht tut sein Übriges, dass daraus eine dramatisierte Krise wird.

Projektion ist auch das Scharnier, das die drei Werkgruppen in der Ausstellung zusammenhält. Neben den gemalten „Shit Moms“ in unterschiedlichsten Formaten hat die Künstlerin gemeinsam mit Kuratorin Jeanette Pacher acht Animationsfilme ausgewählt, die jeweils auf Monitoren als Loop laufen. Nicht, dass die einzelnen Bilder nicht bereits äußerst erzählfreudig wären, der Film erweitert für Madani die Möglichkeiten: „Der Trickfilm führt die Betrachtenden von Punkt A zu Punkt B in der Narration, und da die Bewegung sichtbar wird, kann die Animation ganz nützlich sein, um unterschiedliche Dinge zum Ausdruck zu bringen.“ Und die Dinge entwickeln sich in diesen Filmen meist eher unerwartet. „Be present. Find the clit and never let it go“, so geben im Raum schwebende Lippen in „Sex Ed by God“ (2017) Anleitung zum Geschlechtsverkehr. Adressat sind ein älterer Herr und ein jüngerer Bub, die im dunklen Raum eine Leinwandprojektion verfolgen. Duldungsstarre würde man in der Tierwelt zu der empfängnisbereiten Pose sagen, die das Mädchen in diesem Film im Film vollführt. Frei nach Gustave Courbets „Ursprung der Welt“ sitzt die junge Frau mit gespreizten Beinen da, bis zu dem Zeitpunkt, wo das Objekt der Begierde zum selbstbestimmten Subjekt wird. Sie befreit sich aus der Leinwand, schnappt sich die flatternden Lippen und die männlichen Betrachter, um sie in ihrer Vagina verschwinden zu lassen. Bei aller Grausamkeit und Obszönität, die den Filmen bisweilen innewohnt, spielt Humor dennoch eine Hauptrolle, und wie die Künstlerin selbst verrät, hat sie beim Malen viel zu Lachen.

Gleichsam gerahmt wird das Arrangement von den Bildern an den Wänden und den Monitoren im Raum durch vier Arbeiten der dritten gezeigten Werkgruppe, der „Corner Projection“. Jeweils zwei Leinwände gehören hier zusammen. Die eine zeigt einen Projektor als Lichtquelle, die andere, über Eck angebracht, ein Standbild dessen, was projiziert wird. Abermals wird das Thema der Projektion hier in die Malerei überführt, gleichzeitig wird der Hauptraum der Secession, dieses Initial eines White Cubes, in seiner Dimension ganz buchstäblich definiert. Alles in allem ist davon auszugehen, dass man in Wien, der Geburtsstadt der Psychoanalyse, mit Tala Madani eine Freud’ haben wird.