Meek’s Cutoff

Meek’s Cutoff

| Andreas Ungerböck |

Kelly Reichardt, führende Vertreterin eines zeitgemäßen US-Independent-Kinos, legt erstmals eine historische Arbeit vor.

Von David Gordon Green, der mit seinem Film George Washington (2000) dem einst viel gepriesenen, um die Jahrtausendwende aber zunehmend uninteressant gewordenen US-Independent-Kino eine neue Dimension vermittelt hat, stammt das schöne programmatische Statement: „I don’t necessarily think 26-year-old white guys are that interesting. So why would I want to make another movie about their coffee shops and romantic pratfalls?“ Eine Anzahl von Filmemacherinnen und Filmemachern, darunter Debra Granik, Ramin Bahrani, Jeff Nichols oder Matt Porterfield, hat sich in der Folge dieser Erkenntnis angeschlossen. Sie alle zählen zu den Protagonisten eines „neuen“ „unabhängigen“ Kinos, das sich vornehmlich an den bekanntlich keineswegs rosigen sozialen Gegebenheiten in den USA orientiert. Auch Kelly Reichardt, die schon 1994 mit River of Grass ihren Debütfilm gedreht hatte, gehört zu dieser Gruppe, die natürlich keineswegs eine geschlossene Bewegung darstellt, schon deswegen nicht, weil alle diese Filmemacher dezentral, an ganz verschiedenen Orten, aber jedenfalls abseits von Hollywood arbeiten.

Reichardt, die aus Florida stammt und zuletzt mit Old Joy (2006) und Wendy and Lucy (2008) Aufmerksamkeit erregte, treibt nun diese „neo-neo-realistischen“ Tendenzen (wie der „New-York-Times“-Kritiker A. O. Scott sie nannte) weiter, indem sie ihnen in Meek’s Cutoff eine historische Dimension verleiht, eine rare Gegebenheit im US-Independent-Film. Drei Familien von Siedlern bewegen sich im Jahr 1845 mit ihren Planwagen mehr schlecht als recht durch die Cascade Mountains in Oregon. Sie sind auf dem Weg nach Westen und haben sich einem „professionellen“ Scout namens Stephen Meek anvertraut, der behauptet hatte, eine Abkürzung (siehe Titel) der beschwerlichen Wegstrecke zu kennen. Doch schon bald wird klar, dass er sich geirrt hat, und dass die Gruppe schlicht und einfach nicht mehr weiter weiß. Die Wasser- und Nahrungsvorräte gehen allmählich zur Neige, und die sozialen Spannungen steigen. Meek, ein ziemlich unangenehmer Macho-Redneck, weigert sich, seinen Fehler einzugestehen, und dass ihm Emily Tetherow, eine Frau also, Vorhaltungen macht, erschüttert sein schlichtes Weltbild ganz gehörig. Als die Männer der Gruppe einen Indianer gefangennehmen, der um das Camp geschlichen ist, spitzt sich das Geschehen zu, zumal Emily meint, dieser könne es vielleicht schaffen, die Siedler doch noch an ihr Ziel bringen.

Ein Western also? Ein Neo-Western? Ja und nein. Das Setting, die Grundkonstellation und gewisse genrehafte Abläufe lassen diesen Schluss zu. In manchem erinnert Reichardts Film an die großen Treck-Epen des klassischen Hollywood wie William A. Wellmans Westward the Women (1951). Meek’s Cutoff liest sich wie eine Nutshell-Variante dieser Filme, geht aber – Zeit und soziologische Erkenntnisse sind bekanntlich seither vorangeschritten – weit darüber hinaus. Dass eine Frau (gespielt von der großartigen Michelle Williams) allmählich das Kommando übernimmt, dass man gezwungen ist, sich einem Fremden anzuvertrauen, dass Wind und Wetter, Hunger und Durst für eine Verschärfung des Grundkonfliktes sorgen, das verleiht dem Film eine zusätzliche dramatische Dimension, auch wenn Meek’s Cutoff ein „kleiner“ Film ist. Reichardt macht aus den Beschränkungen, die ein niedriges Budget nun einmal mit sich bringt, eine Tugend, konzentriert sich völlig auf die hermetische Situation. Wie im klassischen Western spielt die Landschaft – hier eine recht öde, gesichtslose Wildnis, die nichts vom spektakulären Monument Valley eines John Ford an sich hat – eine zentrale Rolle. Sie ist der Antagonist, der die verzweifelten Bemühungen der Menschen, sich „die Erde untertan“ zu machen, beinahe ad absurdum führt.

Kelly Reichardt und ihrem wunderbaren Ensemble sowie ihrem Kameramann Chris Blauvelt ist dabei alles gelungen: eine packende historische Erzählung, deren soziale Implikationen durchaus bis in die Gegenwart reichen, ein emanzipatorischer Ansatz, der ganz mühelos daherkommt, eine völlig klischeefreie Darstellung des Indianers, der weder besonders „teuflisch“ (in Meeks Diktion) noch besonders edel (im Sinne einer verkitschten Sehnsucht nach dem Ursprünglichen) ist, und eine großartige Visualisierung der unendlich mühsamen Erschließung des Landes, die so gar nichts Heroisches an sich hat. „When the legend becomes fact, print the legend“, heißt es in John Fords Klassiker The Man Who Shot Liberty Valance einmal über die US-Geschichtsschreibung, die auf Mythen beruht. Kelly Reichardt erzählt ein Stück Wahrheit.