Coda

Sundance Film Festival | Blog 1

Mehr als ein Lichtblick

| Pamela Jahn |
Das renommierte Sundance Film Festival, das derzeit online stattfindet, macht Hoffnung auf ein spannendes Kinojahr 2021.

Es gibt auch noch gute Nachrichten: Wenn das Sundance Film Festival, das heuer aufgrund der aktuellen Situation digital stattfindet, ein Indikator dafür ist, wie es um die Vitalität des unabhängigen Kinos im Allgemeinen und die Qualität des US-Independent-Film im Speziellen bestellt ist, dann ist die Lage so schlecht nicht. Allein der Eröffnungsfilm, mit dem das für gewöhnlich im schneebedeckten Hochland von Park City in Utah abgehaltene Festival am Donnerstag an den Start ging, dürfte in diesem Kinojahr noch für einigen Gesprächsstoff sorgen. Mit CODA (entsprechend dem Kürzel für die englischsprachige Bezeichnung „Child of deaf adult“) hat die Indie-Regisseurin Sian Heder nach ihrem gelungenen Langfilmdebüt Tallulah vor vier Jahren erneut ein Werk vorgelegt, das nicht nur handwerklich überzeugt, sondern auch mitten ins Herz zielt. Basierend auf der französischen Tragikomödie La Famille Bélier (2014) von Éric Lartigau, hat Heder ein amerikanisches Remake gedreht, was zunächst wenig originell klingt, in der Ausführung jedoch umso mehr überzeugt. Denn die Regisseurin, die auch für das Drehbuch verantwortlich zeigt, hat in ihrer Version der Coming-of-Age-Geschichte um eine 17-Jährige, die als einziges hörendes Mitglied einer gehörlosen Fischerfamilie ihre Liebe zur Musik und das Potenzial ihrer Gesangsstimme entdeckt, hinsichtlich der Besetzung auf Authentizität gesetzt und gehörlose Schauspieler gecastet. Darüber hinaus brilliert die mit achtzehn Jahren bereits BAFTA-nominierte Britin Emilia Jones in der Hauptrolle und gibt ihrer Figur eine Kraft und eine Wärme, die Heders leichtfüßig zwischen dramatischen und humorvollen Tönen changierendes Skript hervorragend ergänzt und dem Ganzen trotz der Formelhaftigkeit der Handlung eine eigene, äußerst wirkungsvolle Kontur verleiht.

Zu Heders Konkurrenz im diesjährigen US-Drama-Wettbewerb gehört unter anderem das Regiedebüt der britischen Schauspielerin Rebecca Hall, die mit Passing eine zarte, in wunderschönem Schwarzweiß gedrehte filmische Novelle vorlegt und sich ebenfalls Chancen bei der Preisvergabe ausrechnen darf. Basierend auf der gleichnamigen literarischen Vorlage von Nella Larson, spielen Ruth Negga and Tessa Thompson zwei afro-amerikanische Frauen, die sich nach einer lang vergangenen gemeinsamen Jugend im New York der späten 1920er Jahre wiedertreffen und neue Bande knüpfen. Es ist ein starkes, schmales Werk, in dem es Hall gelingt, der Rassismus-Problematik zwischen Geschlechter-Konventionen, Freundschaft, Ehe und Eifersucht eine interessante Perspektive zu verleihen. Aber auch die weniger prominenten Beiträge der Sektion haben einiges an Potenzial zu bieten, vor allem das atmosphärisch eindringliche Drama John and the Hole von Pascual Sisto, der darin seinen jungen Titelhelden auf einen äußerst eigenwilligen Selbstfindungstrip schickt.

Neben den neuesten amerikanischen Indie-Dramen gibt es wie immer auch eine Parallel-Sektion, die über die Landesgrenzen hinausschaut. Zu den bisherigen Favoriten zählt hier vor allem Baz Poonpiriyas Road-Movie One for the Road, der von Wong Kar-wai produziert wurde und entsprechend farb- und gefühlsintensiv daherkommt. Flotte Schnitte, charmanter Humor und eine sich um vergangene Lieben und gebrochene Freundschaften drehender Plot machen die Mischung komplett und sorgen für gute Laune beim Online-Streaming-Marathon, während die deutsch-italienisch-dänische Koproduktion Human Factors von Ronny Trocker eher an den Nerven zehrt. Zu steif, zu statisch, zu unausgegoren kommt dieser Film daher, in dem der Berliner Tatort-Kommissar Mark Waschke gemeinsam mit der Schweizer Schauspielerin Sabine Timoteo ein Paar spielt, das sich ein angenehmes Leben mit zwei Kindern und obendrein eine gut gehende Werbeagentur teilt. Ein merkwürdiges Ereignis im familieneigenen Ferienhaus an der belgischen Küste bringt das sowieso nur noch an hauchdünnen Fäden zusammengehaltene Ehe-Idyll plötzlich ganz aus dem Gleichgewicht, nur schafft es der Film nicht, die offensichtlich herrschenden Konflikte auf eine Weise zu vermitteln, die schlüssig ist und jedwede Sympathien erzeugt, für wen oder was auch immer.

Für viele sind es jedoch in erster Linie die Sundance-Dokumentationen, die zu den großen Highlights des Festivals gehören und auch da gibt es in diesem Jahr eine hervorragende Auswahl. Neben Edgar Wrights von der eigenen Begeisterung für sein Sujet beflügelte Dokumentation über The Sparks Brothers bietet Street Gang: How We Got To Sesame Street einen höchst unterhaltsamen und zugleich lehrreichen Einblick hinter die Kulissen der weltweit beliebtesten Kinder-Show, von den Anfängen in den Sechzigern bis zu Beginn der Neunziger, als Jim Hensons Tod das Dasein der Muppets für immer veränderte. Eine ganz besondere Perle im diesjährigen Programm ist schließlich die Dokumentation Summer of Soul (Or When Revolution Was Not Televised), für die der Musiker Ahmir Khalib Thompson, der sich bisher vor allem unter seinem Künstlerpseudonym Questlove und als Mitbegründer der Hip-Hop-Band The Roots einen Namen machte, die viel zu lange unter Verschluss gehaltenen Originalaufnahmen des legendären Harlem Cultural Festival zu einem Konzertfilm zusammengeschnitten hat. Zu den Musikergrößen, die im Sommer 1969 im New Yorker Mount Morris Park kostenlose Performances gaben, gehörten unter anderem B.B King, Nina Simone und Stevie Wonder, und das faszinierende Archivmaterial ihrer Auftritte entwickelt auch heute noch unvermittelt eine unschlagbare Energie und Lebendigkeit, die mitreißt, begeistert und Hoffnung macht – auch auf ein vielversprechendes Kinojahr mit vielen tollen neuen Filmen.

www.sundance.org