Mein Freund aus Faro

| Dieter Oßwald |

Liebesgeschichte um eine junge Frau, die sich spontan als Junge ausgibt, als sich eines Nachts eine junge Anhalterin in sie verliebt.

Kopfüber geht es los, mit einem Flugzeug beim Anflug aus ungewohnter Perspektive. Ein durchaus symbolträchtiges Bild, müssen in dieser Liebesgeschichte doch auch manche Dinge erst auf den Kopf gestellt werden, bevor sie die passende Bodenhaftung bekommen. Mel (Anjorka Strechel), Anfang zwanzig, arbeitet als Küchenhilfe in einem Catering-Unternehmen. Ähnlich unaufregend fällt ihr Privatleben aus. Damit sie wenigstens bei der Verlobungsfeier ihres Bruders mit einem Freund aufwarten kann, bezahlt sie ihren neuen Kollegen Nuno, die Rolle des Liebhabers zu spielen. Der gut aussehende Portugiese macht seine Sache so gut, dass Mel ihn für ein Extrahonorar am liebsten auch noch die verhasste zukünftige Schwägerin verführen lassen will. Ihr selbst fällt wenig später die große Liebe regelrecht vor die Füße. Genauer: auf die Kühlerhaube ihres Kleinwagens. Mit dieser gewagten Aktion will die junge Jenny ein Auto stoppen, um endlich als Anhalterin zur nächsten Dorf-Disco mitgenommen zu werden. Der Coup gelingt, die beiden sind sich auf Anhieb sehr sympathisch. Dass ihr netter Fahrer in Wahrheit eine Frau ist, fällt Jenny nicht auf, denn die burschikose Mel gibt sich als Miguel aus Faro aus. Und bedient sich fortan immer mehr an der Identität ihres portugiesischen Arbeitskollegen. Doch Jennys Clique reagiert eifersüchtig, ihre Mutter misstrauisch. Da ist es nur eine Frage der Zeit, bis der ganze Schwindel auffliegt.

„Jetzt nenn’ mir noch einen portugiesischen Dichter, bekommst auch 10 Euro dafür“, bettelt Mel bei ihrem Kollegen Nuno, um ihre neue Freundin zu beeindrucken. „Pessoa“, bekommt sie als knappe Antwort. Eine durchaus programmatische Szene. Denn analog zum berühmten Fernando Pessoa, hat Nana Neul ihre Story konstruiert. „So wie Mel sich als Miguel neu erfindet, so erfand Pessoa in seinem Werk für sich fiktive Identitäten, um aus ihrer Perspektive seine Geschichten zu schreiben. Mel schreibt keine Geschichten, sie lebt ihre eigene fiktive Identität“, erläutert die Regisseurin ihr Kinodebüt. Was kompliziert klingen könnte, kommt mit erstaunlicher Leichtigkeit daher. Die Melange aus Leidenschaft, Melancholie, Liebe und Schmerz findet die richtige Balance, das Spiel der Verführung und das Ringen um Identität bietet die notwendige Glaubwürdigkeit, Kamerafrau Leah Striker sorgt unaufdringlich für die kraftvollen Bilder. An der Seite von Tilo Prückner als schnoddrigem Vater liefert Anjorka Strechel mit sensibler Darstellung und reichlich Charisma ein bemerkenswertes Leinwanddebüt.