Mein Freund Poly

Filmkritik

Mein Freund Poly

| Jörg Schiffauer |
Gelungene Adaption von Cécile Aubrys literarischer Vorlage

Im Sommer 1964 ist die Freude der zehnjährigen Cécile über die Ferienzeit verhalten. Nach der Trennung ihrer Eltern übersiedelt sie mit ihrer Mutter Louise von Paris in ein kleines Dörfchen im Süden Frankreichs. Der Umzug in die Provinz ist an sich schon ein kleiner Kulturschock, zudem begegnen die Kinder aus dem Dorf dem Mädchen aus der Großstadt zunächst eher reserviert. Das Gastspiel eines Wanderzirkus verspricht ein wenig Abwechslung zu bringen, als Star der Show wird ein Shetlandpony namens Poly angekündigt. Doch als Cécile zufällig einen Blick hinter die Kulissen erhascht, wird deutlich, dass die Kunststücke in der Manege alles andere als ein Spaß sind. Die Trainingsmethoden bestehen nämlich aus Misshandlungen, und als das kleine Pferdchen schließlich genug davon hat, beschließt der Zirkusdirektor, es einfach dem Schlachter zu überlassen. Kurzerhand entschließt Cécile sich dazu, Poly aus seinem Elend zu befreien und ihm ein neues Leben zu ermöglichen – doch die Rettungsaktion verursacht Turbulenzen aller Art.

Poly basiert auf den von Cécile Aubry verfassten populären Kinderbüchern um das titelgebende Pony, Nicolas Vanier hat mit seiner neuen Regiearbeit für eine kongeniale Umsetzung gesorgt. Das liegt neben einer Inszenierung, die ihren Feelgood-Charakter souverän zu handhaben versteht, daran, dass der Regisseur seine jungen Protagonisten als Charaktere ernst nimmt. Cécile etwa muss als Scheidungskind schmerzliche Erfahrungen machen, bevor sie sich entscheidet, einem anderen Geschöpf helfend beizustehen. Die Rettung des Ponys erweist sich als das Resultat einer charakterlichen Entwicklung, die in jenem Respekt vor der Natur und dem Leben einer jeden Kreatur mündet, der sich als zentrales Motiv durch die Arbeiten von Nicolas Vanier zieht.

Vanier setzt dies nicht nur als spannend-romantisches Abenteuer in Szene, er versteht es auch, derartige Plots mit einem zeitgeschichtlichen Hintergrund zu verbinden und ihnen einen mehrschichtigen Charakter zu verleihen. In Belle et Sébastien – ebenfalls die Adaption eines Cécile-Aubry-Romans – steht die Freundschaft zwischen einem kleinen Buben und einer großen Pyrenäenberghündin im Vordergrund, doch die zur Zeit der Besetzung durch Hitlers Wehrmacht spielende Geschichte verweist auch auf das dadurch entstandene Trauma, das sich in Frankreichs kollektives Gedächtnis eingebrannt hat. Poly dagegen deutet anhand des Nebenstrangs von Céciles Mutter, die als geschiedene, alleinerziehende Mutter einen Beruf ausübt – 1964 durchaus noch ein nonkonformistischer Akt – jene gesellschaftlichen Umbrüche an, die spätestens „après mai“ 68 auch die Grande Nation erfassen sollten.