Meine Helden sind immer sehr zurückhaltend

| Dieter Oßwald |

Meine Helden sind immer sehr zurückhaltend

Marc Forster  im Gespräch über seinen Film World War Z

Er ist gleich ganz oben eingestiegen: Sein Hollywood-Debüt Monster’s Ball bescherte Halle Barry den Oscar und machte sie zum Top-Star,  Man bot ihm die Regie von Harry Potter an, doch Marc Forster machte lieber sein eigenes Kino. Johnny Depp und Dustin Hoffman engagierte er für Wenn Träume fliegen lernen – was durchaus Motto seiner Arbeit sein könnte. Nach seiner Beststeller-Verfilmung Drachenläufer präsentierte der in Ulm geborene und in der Schweiz aufgewachsene Regisseur mit Ein Quantum Trost seine Version eines James-Bond-Abenteuers. Nun mischt er mit Brad Pitt in World War Z das Zombie-Genre neu auf.

Was würde der Zombie-Urvater George Romero zu Ihren Untoten sagen? Sehen Sie sich als dessen Erbe?
George Romero liebt ja die langsamen Zombies, deshalb wären ihm meine Untoten wohl etwas zu schnell. (lacht) Wobei ihm die Geschichte mit ihren politischen Aspekten vermutlichen gefallen dürfte. Romero ist der Meister der Zombie-Filme, ich habe lediglich einen gedreht, das macht mich also noch nicht zum Romero-Erben. Es gibt bestimmte klassische Zombieelemente, die wir eingesetzt haben, aber die Abfolge und die Motivationen sind unterschiedlich.

Wie sehr halten die Untoten den Leben einen gesellschaftskritischen  Spiegel vor?
Ganz ähnlich wie in den siebziger Jahren, als die Zombie-Filme populär wurden, leben wir auch heute in einer Zeit des Umbruchs. Stand damals vor allem die Konsum-Kritik im Zentrum, gibt es heute ökonomisch und ökologisch große Ungewissheiten und viele Menschen haben Angst vor der Zukunft. Zombie-Filme stellen so etwas wie das kollektive Unterbewusstsein dar und spiegeln auf gewisse Weise wider, was in der wirklichen Welt passiert.

Wofür genau steht für Sie die Metapher der Zombies?
Zum Beispiel dafür, dass wir Menschen uns der Realität nur zu einem kleinen Teil bewusst sind und irgendwann einmal aufwachen müssen. Unser Bewusstsein ist durch elektronische Medien beschränkt: Wir kommunizieren immer weniger und distanzieren uns zunehmend voneinander. Ein anderes Bild ist die bedrohliche Überbevölkerung. In zwei Jahren werden auf der Erde zehn Milliarden Menschen um die letzen Ressourcen konkurrieren. Wie das aussehen könnte, zeigt der Film mit der Belagerung von Jerusalem, wo Zombies völlig rücksichtslos übereinander klettern.

Im Vorfeld war von allerlei Problemen zu hören: vom gesprengten Budget bis zum Zoff mit Brad Pitt, der angeblich nicht mehr mit Ihnen reden wollte. Wie dreht man da noch einen Film?
Wären diese ganzen Geschichten wahr, hätte ich sicher schlaflose Nächte gehabt. Aber vieles davon stimmt einfach nicht. Brad und ich haben immer miteinander gesprochen und haben uns gegenseitig respektiert. Ich habe immer an diesen Film geglaubt, habe meine Vision durchgesetzt und bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Die Beurteilung liegt nun beim Zuschauer.

Welche Probleme gab es denn tatsächlich?
Als wir mit dem Schnitt begannen, entschloss ich mich für ein anderes Ende. Im Unterschied zum üblichen Blockbuster, der am Schluss noch lauter und größer wird, wollte ich ein nachdenklicheres und emotionaleres Ende. Mit den Vorschlägen war das Studio schließlich auch einverstanden, zumal wir die geplanten 84 Drehtage nicht überschritten hatten.

Was war ursprünglich für den Schluss vorgesehen?
Im Original gibt es ein großes Finale in Russland, das wir auch gedreht hatten. Mich hat das letztlich nicht überzeugt, weil wie die Szenen von Jerusalem kaum noch übertreffen konnten. Ich fand es besser, wenn Brad im Labor dem Zombie gegenüber steht, diese Szenen haben wir nachträglich neu gedreht. Mit diesem Schluss bin ich zufrieden, dieses reflektive Ende entspricht mir viel mehr.

Waren die Zombies für Sie anstrengender als James Bond?
Die Budgets waren bei beiden Filmen etwa gleich groß. Bei Bond lag die Herausforderung in den umfangreichen Schauplätzen in acht Ländern. Bei World War Z waren es die wahnsinnig vielen Statisten. Mit Tausenden Komparsen zu drehen ist schon sehr ermüdend, da sehnt man sich nach einer einfachen Szene mit zwei Schauspielern am Tisch, die sich beim Abendessen unterhalten.

Fühlen Sie sich mit Independent-Filmen wohler als mit Blockbustern?
Beides hat Vor- und Nachteile. Bei Independent-Filmen hatte ich die totale Kontrolle bis zum „final cut“. Bei Bond hatte ich es lediglich mit Barbara Broccoli als Produzentin zu tun, bei World War Z war es dann schon ein ganzes Studio. Deswegen habe ich vorher die gesamte Story visualisiert, um sicherzustellen, dass wir alle gemeinsam denselben Film machen.

Wie entspannt ist die Arbeit als Regisseur, wenn der Hauptdarsteller zugleich auch der Produzent ist?
Vor der Kamera war Brad immer nur der Schauspieler, erst nach Drehschluss ist er in die Rolle des Produzenten geschlüpft. An ein oder zwei Tagen musste er sich mit Budget-Problemen auseinandersetzen und Entscheidungen treffen. Wäre er nur Schauspieler gewesen, hätte er sich zurücklehnen können und sagen: „Das ist euer Problem“. In dem Fall war es auch sein Problem

Brad Pitt spielt die Heldenrolle auffallend zurückhaltend, war das seine Entscheidung?
Meine Helden sind immer sehr zurückhaltend. Mein Vorbild für Pitt war Robert Redford in Die drei Tage des Condor, also ein ganz normaler Typ, der zum Helden wird und mit dem sich jeder identifizieren kann. Je stärker man an einer Figur Anteil nimmt, desto intensiver wirkt ein Film.

Was macht Brad Pitt zu diesem Über-Star der Traumfabrik?
Brad hat sich dieses gewisse Geheimnisvolle bewahrt, das anderen Stars in seiner Liga oft fehlt. Er dreht Kunstfilme wie Tree of Life und hat außer Troy noch gar keinen so richtigen Blockbuster gemacht. Dennoch hat er diese Berühmtheit, weil er sich noch nie verkauft hat. Auch die Motivation für dieses Projekt war, weil er es für seine Kinder machen wollte.

Wo sehen Sie den roten Faden in Ihren Filmen?
All meine Filme beziehen sich auf eine emotionale und sehr reale Basis. Vor allem das Thema Sterblichkeit hat mich immer sehr beschäftigt, ganz egal in welchem Genre. Das liegt daran, dass zu Beginn meiner Karriere einige nahestehende Menschen gestorben sind. Fortan hatte ich automatisch eine gewisse Angst vor dem Tod und wollte mich bewusst mit diesem Thema auseinandersetzen, über das man sonst nur ungern nachdenkt. Wobei ich ein sehr optimistischer Mensch bin. In meinen Filmen gibt es am Ende immer einen Schimmer der Hoffnung.

Warum eignet sich das Fantasy-Genre so gut, um zeitgenössische Probleme zu thematisieren?
Eine realistische Darstellung würde das Publikum überfordern. Die Leute müssen sich täglich mit Problemen herumschlagen, da wollen sie sich im Kino nicht noch mehr belasten, sondern gut unterhalten lassen. Die Flucht in eine Science-Fiction-Welt bietet diese Unterhaltung. Auch wir bieten ja letztlich einen Popcorn-Blockbuster und keine Dokumentation über einen Virus.

Was macht einen Zombie zum perfekten Zombie?
Mir war wichtig, meine eigenen Zombies zu erschaffen. Wenn ich schon den teuersten Zombie-Film aller Zeiten drehe, möchte ich auch etwas Neues bieten. Für die Bewegungen habe ich mich an epileptischen Anfällen orientiert. Für das Beißen war Angriffe von Polizeihunden ein Vorbild, weswegen unsere Untoten mit den Zähnen klappern. Schließlich hat mich das Phänomen der Bewegung von Schwärmen fasziniert, schon als Kind haben mich die Bilder von Fisch- oder Vogelschwärmen total begeistert. Ich fand es interessant zu sehen, wie diese Zombies, die keinen Intellekt haben und lebende Tote sind, sich mit dieser Schwarmmentalität bewegen

Wie häufig begegnen Ihnen Zombies im Filmgeschäft?
Das passiert tatsächlich des Öfteren. Man muss schon aufpassen, dass man nicht selbst zum Zombie wird – aber vor dieser Aufgabe stehen wir wohl alle jeden Tag.