Fernsehserien: Based on Serials. Ein Dossier

Mensch-Maschine in der Vorstadtwelt

| Alexandra Seitz |
Thema und Variation in der britischen Fernsehserie Humans und ihrer schwedischen Vorlage Äkta människor.

Die Frage ist so alt wie der erste Automat: Was macht den Menschen aus? Was unterscheidet ihn von der Maschine?

Etwa die Seele? Die Seele ist eine Vorstellung, mit der ein wissenschaftlich geprägter Mensch im Allgemeinen wenig anfangen kann, denn das flüchtige Ding lässt sich weder abbilden noch ordentlich vermessen, seine Existenz sich mithin nicht beweisen. Außerdem geht mit einer Seele auch gern eine beseelende Entität einher, eine schöpfende Kraft, die im Allgemeinen im Transzendenten angesiedelt ist. Genau das und genau die aber will man aus dem naturwissenschaftlich-technischen Weltbild heraushalten.

Man kann das Pferd freilich auch von hinten aufzäumen und das Humane als Gottesbeweis heranziehen; dann belegt die großartige Komplexität des neurobiologischen Konstruktes homo sapiens, dass es einen Schöpfergott gibt; weil schlicht nicht vorstellbar ist, dass etwas derart wahnsinnig Supertolles wie der Mensch von allein entstanden sein könnte, respektive in Jahrmillionen Evolution.

Bei alledem mitzudenken ist außerdem immer eine Hierarchie: Der Mensch steht selbstverständlich über der Maschine, auch wenn die Maschine in Wahrheit und nüchtern betrachtet um einiges leistungsfähiger und effizienter ist als ihr Erfinder.

Was also den Menschen letztlich ausmacht, ist das, was ihn langfristig aus dem eigenen Kapitalakkumulierungssystem ausschließt: Er ist zu langsam, er macht Fehler, er hat mitunter einfach keine Lust, und Launen hat er obendrein. Seine Gefühle kommen ihm in die Quere.

Unschwer ist zu erkennen: Die Fragen und Überlegungen, die sich rund um die Schnittstelle Mensch-Maschine anlagern, sind so vielfältig wie kompliziert. Und was sagt die Maschine selbst dazu? Im Zweifelsfalle sagt sie: „I‘m sorry, I‘m afraid I don‘t understand the question.“ Error 404 bzw. not able to compute.

Womit wir am Ende der langen Vorrede in einer ruhigen Vorstadtstraße angelangt wären, die gesäumt wird von unspektakulären Einfamilienhäusern und die einer der zentralen Handlungsorte des in Rede stehenden Serienstoffes ist.

Äkta människor (Real Humans – Echte Menschen) heißt das schwedische Original, das nach einer Idee von Lars Lundström vom öffentlichen TV-Sender SVT (Sveriges Television) produziert und von Januar 2012 bis Februar 2014 in zwei Staffeln à zehn Episoden ausgestrahlt wurde – und das mit einem Mega-Cliffhanger endet. Wie es aussieht, ohne Aussicht auf Erlösung; eine dritte Staffel wurde zwar konzipiert, bislang aber noch nicht finanziert. Dafür wurden die Ausstrahlungsrechte an Äkta människor in etwa fünfzig Länder verkauft; die Rechte an einer englischsprachigen Version sicherte sich die britische Produktionsfirma Kudos für Channel 4. Dort wurde Humans, wie die Serie nunmehr betitelt ist, ab Juni 2015 in mittlerweile zwei Staffeln à acht Episoden gesendet, eine dritte ist in Arbeit und deren Ausstrahlung für 2018 angekündigt. Federführend verantwortlich zeichnet das britische Autorenteam Sam Vincent und Jonathan Brackley, während der Schwede Lundström als einer der ausführenden Produzenten fungiert.

Androids Überwachungspotenzial

Sowohl die schwedische als auch die darauf basierende englische Version handeln in einer zu der unsrigen nur leicht verschobenen Gegenwart, deren Science-Fiction-Charakter sich darin zeigt, dass allerorten bienenfleißige Dienstleistungs-Androiden ihr wohltätiges Werk tun. Nicht immer zum Wohlgefallen der Menschen-Chefs und -Mitarbeiter, die sich von den Hubots respektive Synths zunehmend verdrängt und entwertet fühlen. Dies wiederum führt zu gesellschaftlichen Verwerfungen, die von den Serien unterschiedlich stark betont werden. So richtet Äkta människor die Aufmerksamkeit auf die politischen und juristischen Auseinandersetzungen, die rund um den zunehmend diffuseren Status der Androiden in der Gesellschaft geführt werden: Dürfen Menschenfrauen ihren Hubotmann mit in die Disco nehmen? Dürfen sie überhaupt eine Beziehung zu ihm unterhalten? Demgegenüber legt Humans das Augenmerk auf das Überwachungspotenzial, das den Androiden innewohnt; beispielsweise anhand einer Pflege-Androidin, die „Verstöße“ ihres Patienten gegen den Behandlungsplan quasi automatisch an Hausarzt und Krankenkasse weitermeldet. Auch der oberlehrerhafte Ton, mit dem die Helferlein ihre menschlichen Vorgesetzten („User“) beständig auf Regularien und Vorschriften hinweisen, belegt, dass Humans die totalitäre Bedrohung sieht, wo Äkta människor sich um egalitäre Lösungen bemüht.

Humans ist demnach weniger Remake als Variation von Äkta människor. Einerseits bis hin zu den Figurennamen dem Original folgend, weicht sie andererseits an vielen, auch entscheidenden Stellen von der Vorlage ab. Während Äkta människor personell ausufernd und erzählerisch weitschweifig möglichst viele Facetten der Lebenswirklichkeiten von Menschen und Androiden in den Blick zu nehmen versucht, fasst Humans mehrere Figuren zu einer zusammen, lässt ganze Handlungsstränge fallen und verdichtet zahlreiche mögliche Konflikte auf wenige zentrale. Beide Herangehensweisen haben etwas Zwingendes und überzeugen; nicht zuletzt eben aufgrund ihrer je eigenwilligen, facettenreichen Charaktere, die sich in sorgsam strukturierten, emotionalen wie intellektuellen wie moralischen Spannungsfeldern bewegen.

Gemeinsam ist beiden Serien die durchschnittlich wohlhabende Mittelschichtsfamilie – die Engmans respektive die Hawkins‘ -, die sich mit den weiter oben aufgeworfenen Fragen nach der Natur des Menschlichen konfrontiert sieht. Und alsbald mit den daraus resultierenden Problemen, ist es der berühmt-berüchtigten Genrefigur des Mad Scientist, die hier jeweils den Namen David Elster trägt, in seiner Hybris doch gelungen, seinen Androiden Bewusstsein zu verleihen. „Elsters Kinder“, wie sie sich nennen, sehen sich nach dem Tod des Wissenschafter-Vaters von der Entdeckung und dem möglichen Missbrauch des in ihnen wirkenden Computer-Codes bedroht und flüchten. Die Handlung setzt damit ein, dass die Gruppe getrennt wird und Mimi/Mia bei erwähnter Kleinfamilie landet, welche rasch feststellt, dass ihr neuer, bildhübscher Hubot/Synth kein gewöhnliches Haushaltsmodell ist. Zudem fungiert die Androidin als Katalysator schwelender Familienkonflikte: Die berufstätige Mutter sieht ihre mütterliche Rolle hinterfragt und reagiert verärgert, der Hausmann-Vater fühlt sich von seiner Frau missverstanden und zur Roboterin hingezogen, die Kinder sind – altersabhängig – irritiert, fasziniert, begeistert. Im hübschen Eigenheim geraten nun also die Beziehungen durcheinander und die ideologischen Perspektiven ins Wanken; zeitgleich versuchen Elsters Kinder, sich wieder zusammen zu schließen, während es den für Androiden-Belange zuständigen Behörden allmählich dämmert, dass seltsame Dinge vor sich gehen. Polizei und Politik treten auf den Plan, Vorgeschichten werden enthüllt, Verschwörungstheorien und Allmachtsfantasien blühen. Die einen hämmern auf Tastaturen, die anderen greifen zum Baseballschläger. Und mittendrin steht sie, die alles entscheidende Frage: Was macht eigentlich einen Menschen aus? Und die Antwort der Maschine lautet: Ich. Will. Leben.