In Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“ sorgt der Teufel für Chaos im stalinistischen Moskau. Eine Rolle wie gemacht für August Diehl. Im Interview spricht der Schauspieler über die neue Kinoadaption des Kultromans, armselige „Tatort“-Gestalten und sein persönliches Verhältnis zum Mainstream.
August Diehl glaubt nicht an den Teufel. Vielleicht spielt er ihn gerade deshalb so verdammt gut. Im eleganten Anzug mit streng anliegenden Haaren und – wahlweise – Gehstock, Nickelbrille oder Hut. Immer zuvorkommend, immer ganz der weltläufige Gentleman. Eigentlich ist sein Woland der klassische Typ Wolf im Schafspelz: ein mysteriöser Gelehrter, ein stattlicher „Ausländer“, den es in der Neuverfilmung von „Der Meister und Margarita“ des amerikanisch-russischen Regisseurs Michael Lockshin ins Moskau der 1930er Jahre verschlägt, um dort für Recht und Ordnung zu sorgen. Diehl hat die Figur mit sichtlich diabolischer Freude bis ins Detail perfektioniert. Er will das Absolute und macht alles intensiv: Wie jede Rolle reizt er auch diese bis an ihre Grenzen aus.
Woland ist in die Stadt gekommen, um zu bleiben. Eine Weile zumindest, es gibt viel zu tun. Denn Lockshin erzählt in seiner Version von Bulgakows Vorlage die fiktionalisierte Entstehungsgeschichte des einst zensierten literarischen Originals gleich mit: ein angesehener Schriftsteller (Jewgeni Zyganow), der titelgebende Meister, muss zu Beginn erfahren, dass sein Theaterstück über Pontius Pilatus kurz vor der Premiere abgesetzt wird, weil es den Kritikern zu viele staatsunkonforme Jesus-Referenzen enthält. Inspiriert von Woland und der schönen Margarita (Julia Snigir), beginnt er stattdessen, einen Roman über das üble, arglistige Treiben in Moskau zu schreiben – Repression, Verfolgung, Verrat und Strafe inklusive. Geschickt verwebt Lockshins Version die unglückliche Liebesgeschichte im Zentrum des Romans mit den politisch immer heikleren äußeren Umständen der damaligen Zeit. Die Inszenierung ist prächtig ausgestattet mit schicken Kostümen und reichlich fantastischen Elementen. Kosten und Mühen hat man hier offenbar nicht gescheut – am wenigsten der russische Filmfond, der zu einem Großteil an der Finanzierung der Koproduktion beteiligt war.
Den vollständigen Artikel und das Interview lesen Sie in unserer Printausgabe 05/25.
Umso überraschter war man wohl im Kreml, als der heute in Los Angeles lebende Lockshin sich nach dem Einmarsch Putins in die Ukraine als entschiedener Kriegsgegner positionierte. Aber damit nicht genug. Denn unter all dem Glanz und Schein eines von festlichen Paraden und Stalins größenwahnsinniger Monumentalarchitektur durchzogenen Moskaus, offenbarte sich im aktuellen Licht plötzlich eine bestürzend zeitgemäße satirisch-magische Parallelwelt auf der Kinoleinwand. Der unerwartete kommerzielle Riesenerfolg des Films im eigenen Land tat das Übrige. Die Aufregung war groß.
Lockshin zeigt in Der Meister und Margarita die Macht der russischen Staatsgewalt in all ihrer Härte und Willkürlichkeit. Etwaige Parallelen zur Gegenwart sind nicht zu leugnen – und gewollt oder nicht. Der Meister wird öffentlich angeprangert, aus der Schriftstellervereinigung ausgeschlossen und in eine psychiatrische Anstalt gesteckt. Margarita verfällt in ihrer verzweifelten Sehnsucht der schwarzen Magie des Teufels und verwandelt sich in eine Hexe, die unsichtbar über die Dächer der nächtlichen Stadt schwebt.
Und Woland? Der arbeitet mithilfe seiner treuen Entourage eifrig und amüsiert am Vergeltungsplan. Die totale Verwüstung, im ganz großen Stil. August Diehl lacht noch einmal hell und knapp, wenn er im Gespräch daran denkt. Dann muss er weiter. Nächster Termin. Es ist Zeit. Bulgakows Mephisto hat sein Werk getan.
Interview mit August Diehl
Herr Diehl, wann sind Sie dem Werk von Michail Bulgakow zum ersten Mal begegnet?
Als ich ungefähr 18 Jahre alt war. Ich bin im Westen Deutschlands aufgewachsen, dort hatte „Der Meister und Margarita“ einen gewissen Status als Kultbuch erlangt. Dem Roman wurden schwarzmagische Kräfte nachgesagt, und als Jugendlicher ist man damit natürlich sehr verführbar. Nur fand ich das Buch damals gar nicht so prickelnd. Es war mir zu wirr, zu psychedelisch. Ich wusste, dass die Geschichte die Rolling Stones zu ihrem Song „Sympathy for the Devil“ inspiriert hatte, aber ich bin nicht wirklich dahinter gestiegen, worin die Faszination lag.
Was war bei der Zweitlektüre anders?
Als ich 2020 das Drehbuch bekam, stand auf dem Umschlag einfach „Woland“. Ich wusste im ersten Moment nicht, worum es geht. Je länger ich las, desto klarer wurde mir: Ich kenne diese Geschichte. Und dann fiel es mir wieder ein. Daraufhin habe ich mir den Roman neu gekauft, in einer aktuellen Übersetzung, obwohl ich die alte noch besaß. Im Vergleich stellte sich heraus, dass Bulgakows Sprache viel mehr Witz hatte und das Buch vor allem auch wahnsinnig unterhaltsam war, fast wie ein Marvel-Comic aus den dreißiger Jahren. Gleichzeitig schreibt er diese großartigen Kapitel über Jerusalem. Viele Sätze in „Der Meister und Margarita“ sind in Russland teilweise heute noch so bekannt, dass man sie auswendig zitiert.
Wie hat die mysteriöse Teufelsfigur Woland auf Sie gewirkt?
Es ist eine wunderbare Rolle: Der Teufel, der nach Moskau kommt und Chaos bringt. Wie heißt es bei Goethe so schön: „Er ist ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ Genau das ist Woland. Man kann ihn sich als Bulgakows Mephisto vorstellen, nicht zuletzt, weil er Moskau dadurch auch die Möglichkeit gibt, wieder aufzuwachen. Vielleicht ist das sogar der Gedanke, der in Russland jetzt so stark wahrgenommen wird. Es könnte erklären, warum der Film dort so ein riesiger Erfolg ist – und ihn Kreml-nahe Leute fürchten. Seltsam eigentlich. Plötzlich sagen alle, Bulgakow sei so wahnsinnig aktuell. Aber wenn sich etwas über 100 Jahre nicht grundlegend ändert, dann hat, was damals geschrieben wurde, auch heute noch Relevanz.
Ein prägnanter Satz, den Woland zum Meister sagt, lautet: „Schreiben Sie, damit es geschrieben steht, nicht, damit es gedruckt wird.“ Entspricht das auch Ihrer persönlichen Herangehensweise an die Schauspielerei?
Ja, sehr stark. Und damit meine ich nicht unbedingt „l’art pour l’art“, Kunst als Selbstzweck, sondern als Antrieb. Ich glaube fest daran, dass man nur spielen sollte, weil man Lust hat zu spielen. Im besten Fall entwickelt sich mit der Zeit daraus der Wunsch, auch irgendwie etwas zu erreichen. Aber der Urtrieb ist ein rein kindlicher.
Liegt darin der Gegensatz zum Mainstream?
Ich weiß nicht. Und wenn, ich habe gar nicht so viel gegen den Mainstream, ehrlich gesagt. Klar, er zeichnet sich nicht durch seine Originalität aus, sondern bedient, was der Zuschauer kennt und mag. Aber das ist erst mal nicht verwerflich. Nur wird das persönliche Werk eines Einzelnen, dass man für massentauglich hält, eben sehr schnell ein Produkt, eine Marke, mit der sich leicht viel Geld verdienen lässt. So ist das Spiel. Es ist ein ständiges Geben und Nehmen. Wahrscheinlich gab es das schon bei den alten Griechen.
Gutes Stichwort. Ihre Rollenwahl zeugt von einem großen Geschichtsinteresse. Täuscht der Eindruck?
Nein, historische Themen begeistern mich sehr. Selbst wenn es sich um die gleiche Zeit handelt, spiele ich immer jeweils andere Menschen, die aus verschiedenen Perspektiven auf die Welt schauen. Dadurch nehme ich das Geschehen jedes Mal ein bisschen anders wahr. Gleichzeitig stelle ich aber auch Gemeinsamkeiten fest, kann Zweifel ausräumen und Fakten klären, das ist das Spannende daran. Vor allem fällt mir dabei jedes Mal auf, wie unglaublich schnell unsere Gegenwart ist, in der alle immer sofort eine Meinung haben. Nichts ist mehr zeitversetzt, wie früher. Man braucht nur das Telefon anmachen und sieht, was jeder denkt. Mehr oder weniger. Das ist schon gruselig.
„Der Meister und Margarita“ wurde mit russischen Staatsgeldern produziert. Hatten Sie Bedenken, das dies die künstlerische Freiheit bei der Umsetzung beeinträchtigen könnte?
Wir haben lange vor Putins Einmarsch in die Ukraine mit dem Projekt begonnen. Damals habe ich eher gedacht: russischer Stoff, russischer Regisseur mit amerikanischer Vergangenheit. Warum nicht? Und klar, Woland konnte kein Russe sein, also fragen sie jetzt mal in Deutschland nach. Ich merkte auch sofort, der Film ist hoch finanziert und sehr teuer. Aber für mich war das erst mal nicht so erstaunlich. Als dann der Krieg ausbrach, wurden wir quasi von der Realität eingeholt. Ich weiß noch, dass ich den Fahrer, der mich zum Flughafen brachte, gefragt habe, ob er denkt, dass Putin Ernst macht. Daraufhin meinte er: „Das ist alles westliche Propaganda, da müsst ihr gar nicht drauf hören.“
Sie haben es bereits angesprochen, der Film ist in Russland ein Publikumshit. Hat Sie das überrascht?
Ja, aber nicht, weil ich den Film nicht gut finde. Er ist wahnsinnig mutig, ein seltsames Gemisch zwischen Blockbuster und Arthouse-Kino, was ich im Westen so nicht kenne. Ein entscheidender Faktor ist sicher, dass er für die Russen so unglaublich mit der Zeit zu tun hat, in der sie gerade leben. Es geht um Zensur, Widerstand, Meinungsfreiheit und das Ausgrenzen von Leuten.
Hätte der Kreml seinerseits vielleicht besser daran getan, den Film zu verbieten?
Weiß ich nicht. Ich denke eher, sie haben vielleicht ein bisschen zu hysterisch reagiert und daraufhin hat sich der Erfolg überhaupt erst so hochkatapultiert. Man darf auch nicht vergessen, dass in Russland fast jeder den Roman kennt. Und als man im Kreml gemerkt hat, wie euphorisch das Publikum auf die aktuelle Kinoversion reagiert, war es wahrscheinlich schon zu spät. Das hätte dem Film nur noch mehr Aufmerksamkeit gebracht.
Wie schätzen Sie die Reaktionen des westlichen Publikums ein?
Der Film ist ein Immigrant. Der ist jetzt raus. Und ich wünsche mir – wie ich es übrigens für alle Immigranten hoffe – dass er im Westen aufgenommen wird. Ob er gemocht wird oder nicht, das ist noch mal eine andere Sache. Aber ich freue mich, dass er jetzt auch bei uns zu sehen sein wird.
Ein Film, der in Deutschland gerade sehr kritisch betrachtet wird, ist „Bonhoeffer“ von Todd Komarnicki, in dem Sie den Theologen und Widerstandskämpfer Martin Niemöller spielen. Suchen Sie manchmal bewusst nach der Provokation?
Nein, ich suche nicht nach solchen Projekten. Ich interessiere mich für manche Sachen und für andere nicht. Oder sagen wir mal, wenn ich nicht einen ganzen Film trage, sondern eine Nebenrolle spiele, dann reizen mich einfach auch schöne Rollen. Und überhaupt arbeiten zu können, ist ein Privileg. Insofern hängt es auch immer damit zusammen, was mir angeboten wird.
Eine Figur, die einem nur noch schwer aus dem Kopf geht, ist Ihr Muttermörder Robert Frost in dem letzten Borowski-Tatort unter der Regie von Lars Kraume. Wie kam es dazu?
Mich hat die unglaubliche Einsamkeit dieses Mannes fasziniert, der absolut gar keinen Anschluss mehr hat an die Welt. Das war für mich der Schlüssel, wie er überhaupt zum Mörder wird. Keinen Geschmack mehr, keinen Geruch mehr. Eigentlich schon tot. Es gibt ja so Menschen.
Ist Vereinsamung eine der größten Gefahren unserer Zeit?
In solchen Dimensionen habe ich in dem Moment gar nicht gedacht. Ich fand einfach nur, dieser Mensch ist einsam, der hat keine Chance mehr. Oft will man eher Rollen spielen, die es am Ende schaffen, die noch mal aufwachen. Aber Frost ist wie ein fallender Stein. Den lässt man los und der fällt genau dahin, wo er hinfällt. Es gibt keine Veränderung. Man nennt das im Englischen einen „flat character“, weil er keine Amplituden hat.
Was sollte Ihr Woland unbedingt haben?
Er sollte eine Lust verspüren und wahnsinnig schnell denken können. Woland ist jemand, der jeden Menschen wie einen seltenen Käfer betrachtet. Eigentlich einer, der seit Jahrtausenden unterwegs ist und es nicht fassen kann, dass die Menschen so sind. Auch jemand mit einer belustigten Neugier. Es gibt diese wunderbare Szene zum Schluss, als Woland mit seinen Gefährten auf das brennende Moskau schaut. In dem Moment hat man den Eindruck, sie ziehen von einer Stadt zur anderen und lassen große Dynastien untergehen, um wieder ein neues Kapitel aufzuschlagen. Ich habe damals schon gedacht: Jetzt gehen Sie nach Amerika.
