Micmacs – Uns gehört Paris!

Filmkritik

Micmacs – Uns gehört Paris!

| Walter Gasperi |

Schussopfer startet mit einem skurrilem „Experten“-Team einen Rachefeldzug gegen zwei Waffenkonzerne.

Nicht weniger märchenhaft-magisch als in seinem Welterfolg Die fabelhafte Welt der Amélie ist Paris in Jean-Pierre Jeunets neuem Film, nicht weniger skurril sind die Figuren. Düsterer und bedrohlicher ist allerdings das Szenario, schwärzer der Humor, lädierter der Protagonist. Als Kind hat der mit Dany Boon ideal besetzte Bazil seinen Vater durch eine Tretmine verloren, 30 Jahre später trifft ihn durch einen ebenso tragischen wie unglaublichen Zufall eine Kugel in den Kopf. Der Zufall entscheidet auch gegen die riskante Operation, sodass er unverrichteter Dinge aus dem Krankenhaus entlassen wird.

Job, Wohnung und Kleidung sind inzwischen aber weg und so schlägt er sich, wie einst Chaplins Tramp, durch, bis ihn ein Straßenhändler auf einem Schrottplatz in eine Höhle führt. Dort werden Bazil nicht nur aus Abfall gefertigte Wunderwerke präsentiert, sondern er trifft auch auf sieben schrullige Typen, von denen jeder über eine spezielle Fähigkeit verfügt. Sprechend sind ihre Namen, vom Rechenphänomen „Calculette“ bis zur Schlangenfrau „Mademoiselle Kautschuk“. Gut leben ließe es sich in diesem Umfeld, doch da entdeckt Bazil – und wiederum treibt der Zufall die Handlung voran – die beiden Waffenkonzerne, die sein Leben so entscheidend beeinflussten. Er sieht die Chance auf Rache gekommen und beginnt mit seinen Kumpanen, die Waffenbosse auf ebenso einfallsreiche wie ungewöhnliche Weise gegeneinander auszuspielen.

Von Schneewittchen und die sieben Zwerge hat sich Jeunet nach eigenen Angaben ebenso inspirieren lassen wie von Mission
Impossible,
zitiert explizit The Big Sleep und spielt unübersehbar auf Chaplin und auf Spiel mir das Lied vom Tod an. Mit postmodernem Zitatenkino hat Micmacs aber dennoch nichts zu tun, denn Jeunet integriert diese Versatzstücke souverän in sein Kinouniversum, verschiebt sie ins Skurrile und reichert sie mit eigenen Ideen an. Mit großer Liebe zum Detail feiert er in sepiafarbenen Bildern nostalgisch das Alte und die Wiederverwertung des Schrotts, singt ein Hohelied auf die Gemeinschaft und rechnet scharf mit den Händlern des Todes und ihrem Zynismus ab. So disparat die realistisch geschilderte Welt des Waffenhandels und der märchenhafte Grundton des Films auch sind, Jeunet gelingt es dennoch, beide Ebenen zu einer bruchlosen Einheit zu fügen.

Etwas zu kurz kommt bei diesem Feuerwerk an Einfällen die Emotionalität. Mag Bazil auch die große Liebe finden, mitfühlen kann man als Zuschauer kaum, verstellt das atemlose Erzähltempo doch den Zugang zu den Figuren.