Pandemie-Drama der anderen Art
Vergessen. Nicht nur das Datum, oder was gestern war. Nicht nur den eigenen Namen, oder ob man gerne Äpfel mag. Nein, alles. Das ganze Leben. Vergessen. So geht es Aris (Aris Servetalis) in Christos Nikous Regiedebüt nach einem Anfall von Amnesie, für den weder er noch die Ärzte im Krankenhaus eine Erklärung haben. Mehr noch: Die gesamte griechische Bevölkerung scheint betroffen. Jeden Tag werden unzählige neue Fälle gemeldet. Das ganze Land erstickt an einer Pandemie des Vergessens. Eine wirksame Heilungsmethode gibt es bisher nicht.
14842 ist die Nummer, die dem hageren Mann mit Vollbart und schmalen Lippen jetzt noch bleibt. Aris hat keinen Ausweis und keine Angehörigen, die nach ihm fragen. Also muss er im Spital bleiben und sich den alltäglichen Tests zum Gedächtnistraining unterziehen. Die zuständige Ärztin (Anna Kalaitzidou) schlägt ihm vor, stattdessen an einem Reanimationsprogramm teilzunehmen, um noch einmal von vorne zu beginnen – wieder „Leben Lernen“, wie es der Name der heiklen Versuchsanordnung verspricht. Das Experiment sieht vor, dass die Teilnehmer bestimmte Aufgaben erfüllen, die von banal (Fahrradfahren) über skurril (einen Barsch fangen) bis intim (Sex haben) und spektakulär (Fallschirmspringen) variieren, und anschießend ein Foto machen, um neue persönliche Erinnerungen zu schaffen. Doch je mehr sich Aris in seiner neuen Identität einrichtet, umso häufiger blitzen auch Hinweise auf seine tatsächliche Vergangenheit wieder auf.
Mit seinem surreal-zeitlosen Ambiente, dem gemächlichen Tempo und einem zwischen zärtlich bis beißend changierenden trockenen Humor, erinnert Mila auf den ersten Blick an die frühen Filme von Yorgos Lanthimos, bevor der sich mit The Lobster (2015) in eine andere Liga hochspielte. Nikou, der zu Beginn seiner Karriere für Lanthimos als Regieassistent gearbeitet hat, nutzt zudem ähnliche Nicht-Orte und schräge Perspektiven wie sein Landsmann, um ein allgemeines Gefühl der Verunsicherung und Orientierungslosigkeit zu erzeugen. Alles, was wir sehen, wird durch die Emotionsstarre der Figuren ironisch verfremdet. Und das enge Academy-Bildformat tut sein Übriges, unseren Helden als jemanden darzustellen, der ganz und gar in seinem eigenen engen Horizont gefangen ist. Allein sein Wunsch, den eigenen Umständen und sich selbst zu entfliehen, treibt die Handlung langsam, aber sicher voran.
Von außen betrachtet, mag Mila ein Film über eine Pandemie sein, etwas, was derzeit weiß Gott nicht hoch im Kurs steht. Im Kern versteckt sich hinter der gewagten Prämisse jedoch eine sensible Charakterstudie, die sich hartnäckig im Gedächtnis festsetzt.
